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Telekom-Skandal: "Hoffentlich ist das nicht wahr"

Sie sind verunsichert und zornig. Seit Tagen ist der Bespitzelungsskandal das Thema Nummer eins für die Mitarbeiter in der Telekomzentrale in Bonn. Zwar verteidigen viele den aktuellen Chef René Obermann. Aber sie sind sauer, dass der alte Vorstand das wichtigste Kapital des Konzerns gefährdet hat.

Von Johannes Pennekamp, Bonn

Telekom-Chef René Obermann ist heute in der Bonner Konzernzentrale vor die versammelte Presse getreten. Zusammen mit DFB-Präsident Theo Zwanziger verkündet er, dass die Telekom seine Zusammenarbeit mit dem Fußballverband vertiefen wird: Der Telefonkonzern wolle künftig "mehr Verantwortung in Breitensport und Jugendförderung übernehmen", sagt Obermann. Interessieren tut das hier kaum jemanden - die Journalisten bleiben nach Obermanns Abgang zurück und schauen ratlos auf ihre Laptops. Einer, der zu spät kommt, fragt, ob er etwas Wichtiges verpasst habe. "Ja, Obermann wurde gerade in Handschellen abgeführt", scherzt einer der Reporter.

Die Bespitzelungs-Affäre ist das alles beherrschende Thema in der Bonner Firmenzentrale, in der rund 2000 Telekom-Mitarbeiter ihr Geld verdienen. Der Skandal um Spähaktionen gegen Aufsichtsräte und Journalisten, die von der früheren Konzernspitze angeordnet worden sein sollen, lassen hier niemanden kalt. "Mich berührt das richtig", sagt Ulrike, die ihren Nachnamen lieber für sich behält und sich in der Raucherecke des Foyers gerade eine Zigarette anzündet. Sie sei zwar erst seit ein paar Monaten bei der Telekom, aber dass so etwas vorfallen könnte, hätte sie niemals gedacht. "Nur den Zumwinkel, den habe ich noch nie für einen Saubermann gehalten", sagt die Telekom-Angestellte über den ehemaligen Aufsichtsratchef, gegen den die Bonner Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet hat. Bei Konzernchef Obermann hat sie dagegen ein besseres Gefühl. "Da ist mein Vertrauen ungebrochen. In seiner Haut stecken will ich jetzt aber trotzdem nicht", sagt sie und beendet ihre Raucherpause.

Obermann wird in Schutz genommen

So wie sie denken viele Mitarbeiter. Die Spähaktionen werden als etwas Zurückliegendes und Abgeschlossenes angesehen, für das die alte Konzernspitze die Verantwortung trägt. Auf Obermann will vorerst niemand etwas kommen lassen. Und das, obwohl er schon 2007 von einem schwerwiegenden Bespitzelungsfall erfahren hat, ohne die Ermittlungsbehörden einzuschalten. Obermann hat sich in den eineinhalb Jahren, in denen er den Telekommunikationskonzern führt, einen Vertrauensbonus erarbeitet, von dem er jetzt zehrt. Geradezu begeistert sind zwei Produktmanager, die sich in der Kantine gerade ihr Mittagessen schmecken lassen. "Manchmal isst er mittags auch hier in der Kantine. Früher gab es eine gesonderte Vorstandskantine. Die hat er abgeschafft. Obermann ist ein ganz normaler Mensch", sagt einer der Manager. Der neue Vorstand habe aus den Fehlern der Vorgänger gelernt. Die Mitarbeiter erführen Neuigkeiten nicht mehr erst aus der Zeitung, sondern direkt vom Chef per Mail. Über den Spitzelskandal habe man schon einige Tage vor den ersten Medienberichten erfahren.

Dass Obermann nicht früher an die Öffentlichkeit gegangen ist, können die Produktmanager nachvollziehen. Schließlich müsse ihr Chef jeden Tag hunderte Entscheidungen treffen und viele auch delegieren. Um wirklich zu beurteilen, ob Obermann eine Schuld treffe, müsste man mehr über die genauen Umstände erfahren, meinen die beiden Telekommitarbeiter. Im Zweifel für den Angeklagten also. Die zwei Manager arbeiten seit über dreißig Jahren für das Unternehmen und trotz ihrer Treue zu Obermann erschüttert sie das Ausmaß des Skandals: "Dass jetzt darüber gesprochen wird, dass es schon 2000 solche Aktionen gab, ist wirklich schlimm. Als ich das gehört habe, habe ich nur gedacht: Hoffentlich ist das nicht wahr."

Große Verunsicherung in der Zentrale

Andere Mitarbeiter reagieren zornig und verunsichert auf die Vorkommnisse, befürchten, dass sich der Skandal ausweitet. Sprechen wollen viele darüber nicht, schon gar nicht mit der Presse. Die Bespitzelung ist ein heikles Thema, bevor sie etwas Falsches sagen, sagen viele lieber gar nichts.

Anderen ist vor allem die Art der Berichterstattung ein Dorn im Auge. "Auf die Telekom wird doch sowieso immer draufgehauen. Egal, ob es um den Aktienkurs, die Festnetzkunden oder sonst irgendwas geht. Das kennen wir doch schon", heißt es an einem Tisch in der Kantine. Vier T-Systems-Angestellte haben hier gerade ihr Tablett abgestellt. "Typisch, noch ist überhaupt nichts bewiesen. Wir machen hier einen guten Job und nur weil ein paar aus der Führungsschicht Mist bauen, sind wir wieder für alles die Sündenböcke", sagt einer der Männer in aufgebrachtem Ton. Die anderen schweigen lieber.

"Da kannst du nichts drauf entgegnen"

Der Eindruck, in der Öffentlichkeit zu negativ behandelt zu werden, sitzt bei den Bonnern tief. "Ich habe auch gedacht, dass da mal wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird", sagt ein Vertriebsmitarbeiter beim Kaffeetrinken im Foyer. Jetzt überwiege aber die Enttäuschung. Seit zwanzig Jahren ist der Mann bei der Telekom und kennt den Betrieb noch aus Behördenzeiten. Er ist Beamter. Immer seien das Vertrauen der Kunden und der verlässliche Umgang mit Verbindungsdaten das Kapital des Unternehmens gewesen. Dass es jetzt einige aus der obersten Führungsebene mit dem Fernmeldegeheimnis wohl nicht sehr genau genommen haben, sei nicht verzeihbar. Für die Ursachen hat der Vertriebsmitarbeiter eine eigene Erklärung: "Früher waren wir alle Beamte. Vielleicht waren wir uns unseres hoheitlichen Auftrags besser bewusst und hatten ein feineres Gespür für so etwas, als die Manager heute."

Dann erzählt der Mann von einem Gespräch mit einem Kunden. Dieser habe ihn auf die "Stasi-Methoden" bei der Telekom angesprochen. "Da kannst du nichts drauf entgegnen", sagt der Mitarbeiter in resignierendem Ton. Da helfe auch die Sprachreglung nichts, die der Konzern seinen Angestellten ans Herz gelegt hat. Die Mitarbeiter sollen in Gesprächen über den Skandal darauf hinweisen, dass nur die Verbindungen von Managern und Journalisten, nicht aber die Inhalte ausgewertet wurden. Der Vetriebsmitarbeiter meint skeptisch: "Natürlich vertrete ich die Konzernpolitik. Aber wenn die betreffenden Leute die Verbindungen erst einmal hatten, warum sollten sie dann nicht auch die Inhalte abgehört haben, um den Gesuchten zu finden?"