Tourismus Tui kommt mit "Reise-Aldi" vor den Sommerferien


Europas größter Touristikkonzern Tui reagiert mit einer neuen Billig-Marke "Discount Travel" auf die Krise der Branche und verschärft damit den Preiskampf bei Reisen.

Rechtzeitig vor dem Start der Sommerferien bringt der weltgrößte Tourismuskonzern Tui seinen neuen "Reise-Aldi" an den Markt. Vom 9. Mai an sollen preisaggressive Angebote der neuen Tochter "Discount Travel" verkauft werden, mindestens 150.000 mal in diesem Sommer. In der anhaltenden Krise des Tourismus haben die Kunden damit den Marktführer Tui in die Knie gezwungen. Immer späteres Buchen oder gar die Zurückhaltung ließ der Tui kaum noch eine Alternative, als eine Art Grabbeltisch für die eigenen Resturlaubsplätze zu installieren. Ergebnis: 8 Tage Tunesien für 199 Euro oder für 249 Euro nach Mallorca.

Die eigene Restplatzbörse im Angebot

Die Tui muss angesichts von Überkapazitäten seine mit hohem finanziellen Risiko belasteten Restplätze beim eigenen Ferienflieger Hapag-Lloyd Flug und den eigenen Hotelbetten absichern. Ein "schneller, flexibler Ausputzer" soll der neue Veranstalter nun werden, der dem Konzern die Erträge sichert. Denn nur bei einer hohen Auslastung von Flug und Hotel rechnet sich der komplexe Tui-Mix aus der teuren Marken Robinson, Stammmarke Tui und dem Billigveranstalter 1-2-Fly.

Thomas Cook macht's schon lange so

Konkurrent Thomas Cook hat mit der Marke Bucher seit Mitte der neunziger Jahre bereits eine solche reine Abverkaufsmarke im Haus. Mit Discount Travel rundet nun auch die Tui ihr Markensortiment ab, heißt es deshalb beim Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverband.

Drei Monate Vorlauf statt zwei Wochen

Bislang gingen die Restplätze der Tui vorwiegend an den Last-Minute-Anbieter L'tur. Diese Reisen hatten aber ein Verfallsdatum von nur 14 Tagen. Discount Travel macht Angebote mit einem Vorlauf von drei Monaten vor Urlaubsstart. Hinzu kam, dass L'tur trotz der 46- prozentigen Beteiligung der Tui keine Exklusivvermarktung betrieb - 10 Prozent gehören Tui-Konkurrent Thomas Cook (Oberursel). L'tur kauft zudem teils übers Internet weltweit bei anderen Veranstaltern Hotel- und Flugplätze ein, schnürt sie zu neuen Paketen und bringt sie an den Kunden.

Billig geht immer

Und L'tur verzeichnete mit seinem Geschäftsmodell und Billigangeboten trotz der Terroranschläge vom 11. September, Konjunkturflaute, Terrorangst und Irak-Krieg kräftige Zuwächse. Während dessen bastelten die integrierten Reisekonzerne wie Tui und Thomas Cook immer neue Sparpläne, Stellenabbau inklusive. Denn: Läuft das Reisegeschäft gut, verdienen die Konzerne bei Flug und Hotel das meiste Geld. In schlechten Zeiten lauert dort aber auch die größte Gefahr. Mit Discount Travel will Tui diese Gefahren besser in den Griff bekommen, auch wenn sie mit den Billig-Reisen kaum mehr etwas verdient. "Billiger als billig geht nun mal nicht", heißt es in der Branche.

Es geht nicht nur ums Geld

Aber ums Geld verdienen soll es auch nicht in erster Linie gehen. "Überaus zufrieden wären wir dann, wenn Discount Travel möglichst wenig Gäste und Umsätze generiert. Am besten gar keine. Denn natürlich ist es betriebswirtschaftlich reizvoller, unsere 1-2-Fly und Tui-Produkte zum normalen Katalogpreis zu verkaufen", meint Tui-Deutschland-Chef Volker Böttcher. Als Reaktion auf den Tui-Vorstoß werden ähnliche Preisaktionen auch bei anderen Veranstaltern erwartet.

Riesen als "weiße Ware"

Doch auch bei der neuen Billig-Tochter lauern Gefahren. So betonte Böttcher mehrfach, dass es sich zwar um Restplätze der Tui handelt, eine Tui-Reise sei es allerdings nicht. Denn Böttcher und sein Team fürchten nichts mehr als eine Kannibalisierung und einen Imageschaden für die Stammmarke. Deshalb werden bei der Reise von "Discount Travel" zahlreichen Leistungen abgeschnitten und "weiße Ware" daraus gemacht, damit niemand auf die Idee kommt, es sei Tui, nur viel billiger. Discount-Travel-Chef Ralf Horter meint: "Die Kunden kaufen Produkte ohne Markenerlebnis, ähnlich wie beim Orangensaft im Tetra-Pack."

Derzeit 23 Badeziele

Discount Travel bietet derzeit 23 Badeziele an: Mallorca und die Nachbarinseln, die Kanaren, Mittelmeerziele, Bulgarien und die Dominikanischen Republik. Die Reisen sind drei Monate bis einen Tag vor Abflug buchbar. Zu finden ist Discount Travel in den rund 9.500 Reisebüros mit dem "Tui" Zeichen und ab 9. Mai unter der Adresse www.discount-travel.com. Im ersten Katalog werden auf 36 Seiten 120 Hotels angeboten. Im Gegensatz zu den traditionellen Reisen wird es keine kostenlose Zugfahrt zum Flugplatz, keine Geld-zurück-Garantie und auch keine Beschwerden-Bearbeitung am Urlaubsort geben. Auch fehlen verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Das preiswerteste Angebot in dem ersten, bis Ende Juli geltenden Katalog ist eine einwöchige Reise nach Tunesien für 199 Euro.

Angebote 40 Prozent unter Ausgangspreis

Es werden einfache Reisen angeboten, die zwischen drei Monaten und einen Tag vor dem Abflug liegen. Das Produkt wird "wesentlich schlanker" als bei den anderen Tui-Töchtern sein und bis zu 40 Prozent unter deren Preis liegen. Der neue Veranstalter muss "sehr preisaggressiv auftreten, er wird aber dem Tui-Konzern viel Geld bringen, weil er hilft, Flieger und Hotels zu füllen". Abgespeckte Tui- und 1-2-Fly-Produkte werden "unter anderem Label quasi als weiße Ware verkauft", sagte Böttcher. Die Angebote sind in einer Stunde zu kalkulieren. Neue Mitarbeiter stellt die Tui für Discount Travel nicht ein.


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