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TRADITION: Glaubt weiter an den Bleistift

Faber-Castell - für viele gleichbedeutend mit »Bleistift« maschiert mit kretiven Ideen ins Informationszeitalter: Neben Bleistiften werden auch Make-up-Stifte produziert.

Mit den technischen Neuerungen wie Internet, Handy oder Mini-Computer scheint die handgeschriebene Kommunikation immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Doch Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell beeindruckt dieser Trend kaum. Seit 1967 ist Faber-Castell wieder Mehrheitsaktionär an der mittlerweile weltweit größten Buntstift-Fabrik. Das Familien-Unternehmen, dass in diesem Tagen sein 240-jähriges Jubiläum feiert, setzt immer noch auf die Zukunft des Bleistifts - wenn auch mit immer ausgeklügelteren Produkten.

Niemals das papierlose Büro

Das papierlose Büro wird es nach Ansicht von Faber-Castell zwar niemals geben. Gleichwohl geht nach Beobachtungen von Marktforschern der Verkauf von hochwertigen Füllfederhaltern zurück - allein von 1995 bis 2000 um 45 Prozent, berichtete die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. 340.000 Stück wurden in diesem Zeitraum in Deutschland weniger verkauft. Der Umsatz sank im selben Zeitraum um 42 Prozent auf 44 Millionen DM.

Abhängigkeit vom Börobereich reduzieren

Auch Faber-Castell beginnt inzwischen darauf zu reagieren: »Die Abhängigkeit vom Büro-Bereich soll bei uns Schritt für Schritt reduziert werden«, kündigt Faber-Castell an. Weltweit geht er zwar noch von einem allgemeinen zweiprozentigen Wachstum im Jahr aus, aber in den hoch industrialisierten Ländern stagniert schon der Schreibbedarf. Zudem gibt es einen starken Preis-Druck durch Produkte aus Fernost.

»Kreatives Gestalten« forcieren

Eine der neuen »Stoßrichtungen« des Unternehmens ist deshalb der Bereich kreatives Gestalten. Dabei sind Malstifte und Bastelbedarf nicht mehr nur für Kinder gedacht. »Wir wollen verstärkt Erwachsene für kreatives Gestalten ansprechen«, sagte Graf von Faber-Castell. Durch den Zukauf der US-Firma Creativity for Kids im vergangenen Jahr hat sich das Traditionsunternehmen entsprechendes Entwicklungs-Potenzial für neue Produkte gesichert. Das Unternehmen mit 70 Mitarbeitern hat seinen Sitz in Cleveland/Ohio.

Umsatzeinbruch aufgefangen

Das Unternehmen produziert jährlich 1,8 Milliarden Bunt- und Bleistifte - statistisch gesehen für jeden dritten Erdenbewohner ein Stift. Könnte man die Stifte hintereinander legen, würde es eine Strecke von der Erde bis zum Mond ergeben. Damit ist Faber-Castell nach eigenen Angaben der größte Hersteller von holzgefassten Stiften in der Welt. Insgesamt 2000 verschiedene Produkte erscheinen mit dem Aufdruck Faber-Castell. Nach dem Umsatzeinbruch im Jahr 1999 auf 503 Millionen DM (Minus 6,4 Prozent) wegen der starken Abwertung der brasilianischen Währung hat sich das Unternehmen wieder nach vorn gearbeitet. Im vergangenen Geschäftsjahr 2000/2001 (30. April) hat Faber-Castell nach eigenen Angaben sein Umsatzziel von 600 Millionen DM »locker überschritten«. Das Wachstum lag damit über dem weltweiten Branchendurchschnitt.

Hauptmarkt ist das Ausland

80 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erwirtschaftet. Genaue Zahlen will das Unternehmen im Juli bekannt geben. Die Blei- und Buntstift-Produktion hat mit etwa einem Drittel den größten Anteil am Umsatz erwirtschaftet. Eyeliner, Lidschatten und Lippenstifte für namhafte Kosmetikfirmen erwirtschafteten bei Faber-Castell einen Umsatz-Anteil von zwölf Prozent. Weltweit beschäftigt das Unternehmen in 15 Fertigungsstätten und 18 Vertriebsgesellschaften rund 5.500 Mitarbeiter.

Porträt: Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell

Er beobachtet stets den Markt genau und lernt von ihm: Denn für Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell (60) ist es der »größte Fehler«, nur nach der Konkurrenz zu schauen und die Konzepte von Unternehmensberatern zu befolgen. »Wir wollen eine eigene Handschrift ohne jedoch elitär zu sein«, sagt Graf von Faber-Castell. Der adelige Firmenchef sieht sich als Namensträger in der Pflicht, eine »starke Marke« zu bewahren, die in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von mehr als 90 Prozent habe.

Vor 23 Jahren übernahm er das in Stein bei Nürnberg ansässige Traditionsunternehmen in der achten Generation. Unter seinem Einfluss hat sich der einfache Bleistift zum edlen Schreibgerät gewandelt. Dabei musste »der Graf« - wie ihn seine Mitarbeiter kurz nennen - seine Premium-Linie mit Drehkugelschreibern und Füllfederhaltern zunächst gegen das eigene Traditionsmanagement durchsetzen. Zudem strukturierte er das Sortiment neu in fünf Felder.

»Ich wollte selbst vor 20 Jahren vor den Bleistiften davon laufen«, sagt Graf von Faber-Castell. Der studierte Jurist arbeitete zunächst als Investment-Banker in London und New York bis 1976 sein Vater ihn als zweiten geschäftsführenden Gesellschafter in das fränkische Unternehmen zurück holte. Nach dem Tod des Vaters 1978 übernahm er die Geschäfte, obwohl er nicht das Älteste von zehn Kindern gewesen war. Doch Stoff für einen Familienkonflikt barg diese Entscheidung nicht. Noch heute treffen sich die Geschwister oft und gern.

Der 1,91 Meter große sportliche Graf, der als Student Schweizer Rudermeister war, gönnt sich noch heute fast täglich einen vier Kilometer langen Waldlauf und gelegentlich ein Tennismatch. Zudem sammelt er zeitgenössische Expressionisten und historische Maler.

History : Vom einfachen Bleistift zur Weltmarke

Der Name Faber-Castell scheint gleichbedeutend mit »Bleistift« zu stehen. 1,8 Milliarden Blei- und Farbstifte produziert das 240 Jahre alte Traditionsunternehmen A.W. Faber- Castell aus Stein bei Nürnberg jährlich. Das Unternehmen ist bereits in der achten Generation in Familienbesitz. Den Grundstein für die weltweit älteste Bleistift-Fabrik legte 1761 der Schreiner Kaspar Faber in Stein bei Nürnberg mit der Produktion von »Bleyweißstiften«. Unter Lothar von Faber (1817-1896), der wegen seines sozialen Engagements 1862 geadelt wurde, blühte das Unternehmen Mitte des 19. Jahrhunderts auf.

Der Nachfahre in vierter Generation verbesserte das Minenpressen und führte das Grafit-Ton-Verfahren ein, das erstmals die Herstellung unterschiedlicher Härtegrade und deren Skalierung erlaubte. Indem er den Unternehmensnamen auf den Bleistift presste, entwickelte er A.W. Faber zum ersten deutschen Marken-Schreibgerät. Seine Bleistift-Maße sind bis heute gültig.

In New York wurde 1849 die erste Auslandsniederlassung der fränkischen Bleistiftfabrik gegründet. Es folgten Paris, London, Wien und St. Petersburg. Um seine Bleistifte vor Plagiaten zu schützen, reichte Lothar von Faber 1874 eine Petition zum Schutz des Markenartikels ein. Er war damit zugleich ein Wegbereiter des deutschen Markenschutz-Gesetzes. Mit dem Kauf eines Grafit-Bergwerks in Sibirien sicherte sich das Unternehmen zudem 1856 den damals besten Grafit.

Lothar von Fabers Enkelin Ottilie heiratete 1898 Graf Alexander zu Castell Rüdenhausen. Damit entstand der neue Familien- und Firmenname Faber-Castell. 1905 kam der berühmte grüne Bleistift »Castell 9000« auf den Markt. Anfang der 1930er Jahre erwarb Roland Graf von Faber- Castell die Bleistift-Fabrik »Lapis Johann Faber« im brasilianischen Sao Carlos.

Nach der Enteignung im Zweiten Weltkrieg erfolgte in den 1950er und 1960er Jahren der Rückerwerb. Seit 1967 ist Faber-Castell wieder Mehrheitsaktionär an der mittlerweile weltweit größten Buntstift-Fabrik. Die Fabrik bezieht ihr Weichholz von einer firmeneigenen 12.000 Hektar großen Wiederaufforstungsanlage im Südosten des Landes, die mit einem Umweltsiegel ausgezeichnet wurde.

1978 startete Faber-Castell mit der Produktion von Stiften für die dekorative Kosmetik. Zwei Jahre später eröffnete Faber-Castell in Malaysia die weltweit größte Kautschuk-Radiergummi-Fabrik. Seit 1992 versieht Faber-Castell seine Blei- und Farbstifte serienmäßig mit umweltfreundlichen Wasserlacken.