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Tricks: Wirtschaftskriminelle richten Riesen-Schäden an

Das Spektrum ist weit und unerschöpflich: es reicht von Subventionsbetrug, erschlichenen Krediten und betrügerischer Firmensanierung zu Zigarettenschmuggel.

Sie erschleichen Subventionen für nie erbrachte Leistungen, beschaffen sich mit falschen Angaben horrende Kredite, kassieren Millionen beim Zigarettenschmuggel oder bereichern sich durch betrügerische Firmensanierungen - das Spektrum der oft eng mit Korruption einhergehenden Wirtschaftskriminalität scheint unerschöpflich. Schäden in Milliardenhöhe entstehen so jährlich in Deutschland. Vieles bleibt im Dunkeln, denn Justiz und Polizei müssen Prioritäten setzen und können längst nicht allen Verdachtsfällen nachgehen. »Man packt eine Sache an und fünf neue entstehen«, sagt Wirtschaftskriminalistin Birte Hansen-Engelmann vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein.

Alle arbeiten zusammen

Die Kriminalhauptkommissarin hat gerade wieder ein großes Verfahren am Hals, kaum dass sie ein anderes abschließen konnte. Das hatte es in sich und war in vielerlei Hinsicht mustergültig. »Drei Lkw-Ladungen mit Umzugskartons voller Akten haben wir aus 19 Durchsuchungsobjekten abgeholt«, berichtet die 43-Jährige, die von der Landeszentralbank zur Kripo wechselte und so wichtiges Know-how für den Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität mitbrachte. Selbst die Einsatzhundertschaft der Polizei aus Eutin war beim Durchsuchen von Firmensitzen und Wohnungen im Lübecker Raum, in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern dabei. Es ging um ein Verfahren gegen den Geschäftsführer eines Abfall-Entsorgungsunternehmens, der nach akribischer Kleinarbeit schließlich im März dieses Jahres trotz Geständnisses nach 31 Verhandlungstagen zu der relativ hohen Haftstrafe von fünf Jahren und 3 Monaten verurteilt wurde.

Anfangs nur Verdacht auf Steuerhinterziehung

Der millionenschwere Betrugsfall, bei dem LKA und Lübecker Staatsanwaltschaft eng zusammenarbeiteten, offenbarte fast die ganze »Palette«: Am Anfang stand der Verdacht der Steuerhinterziehung, und letztlich wurden mehr als 200 Straftaten mit einem Schadensvolumen von 35 Millionen Mark angeklagt. Über ein Firmengeflecht hatte der Ex-Geschäftsführer nach Überzeugung der Richter mit Hilfe von Scheinrechnungen öffentliche Fördermittel in Millionenhöhe für Fahrzeug-Umbauten und eine Wiederaufbereitungsanlage bezogen - ohne dass die entsprechenden Gegenleistungen erbracht wurden. »Und es wurde auch «Scheckreiterei» betrieben«, berichtet Staatsanwältin Dorothea Röhl. Die Masche besteht darin, dass jemand bei zwei oder mehr Banken umschichtig belastend und entlastend Schecks einreicht und sie so als Mittel zum Schöpfen kurzfristiger Kredite benutzt.

Auch Banker können nicht widerstehen

Im vorliegenden Fall wurde das Kreditvolumen auf solch astronomische Summen »hochgeschaukelt«, dass diese die Umsatz-Dimensionen des Unternehmens sprengten: »Innerhalb von zwei Jahren wurden Schecks im Umfang von 600 Millionen DM ausgestellt«, erzählt Röhl - eine Sisyphus-Arbeit für die Ermittler. »Das konnte auch nur dadurch laufen, dass zwei Mitarbeiter der Bank mitgemacht haben, die wussten, dass das Geld nicht da war.« Ein Verfahren gegen die beiden läuft noch. Als Mitmach-Motiv nannte die Staatsanwältin den Wunsch, auf Grund der hohen Kredite als umsatzstärkste Filiale dazustehen.

Strafanzeige unterbleibt aus Scham

Banken erschweren den Ermittlern ohnehin zuweilen die Arbeit, auch wenn sie durch Kreditbetrug oder betrügerische Sanierungen maroder Firmen durch bundesweit immer aktiver werdende »Firmenbeerdiger« selber kräftig geschädigt werden. »Aus Angst vor negativer Berichterstattung unterlassen sie es oft, Strafanzeige zu stellen«, sagt der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Lübecker Staatsanwaltschaft, Uwe Wendt. Das Image sei wichtiger als die Strafverfolgung. »Generell werden die Verfahren immer komplizierter und komplexer«, resümiert Wendt. Und noch ein Aspekt kommt erschwerend hinzu: »Wir haben häufig Verfahren, wo Rechtsanwälte und Notare zu sehr abhängig sind von einzelnen Mandanten und so in deren Machenschaften eingewoben werden«, beobachtet Staatsanwältin Röhl.