HOME

Umstrittener Militärtransporter: Airbus-Chef plant Stopp des A400M

Die Zweifel am Militärtransporter A400M wachsen: Airbus-Chef Thomas Enders bereitet nach Informationen der "Financial Times Deutschland" den Ausstieg aus dem Bau des Flugzeuges vor. Es gibt schon Listen, bei welchen Zivilmodellen die A400M-Ingenieure eingesetzt werden könnten.

Von Gerhard Hegmann

Der umstrittene Militärtransporter Airbus A400M steht offenbar auf der Kippe. Airbus-Chef Thomas Enders ist nach Informationen der Financial Times Deutschland (FTD) aus Unternehmenskreisen sehr skeptisch, dass bis Ende Januar mit den Regierungen der sieben europäischen Bestellländer eine Einigung über die Zusatzzahlung von 5,3 Mrd. Euro gefunden wird. Die Chancen für eine für alle Seiten akzeptable Lösung stünden bestenfalls bei 50 Prozent. Daher gebe es jetzt erste Planungen für einen Programmabbruch. Enders habe bereits beim Weihnachtsessen mit dem Topmanagement gesagt, dass er "nicht mehr an eine erfolgreiche Programmfortführung glaubt".

Enders hatte zwar schon vor einem Jahr einen A400M-Ausstieg ins Spiel gebracht - doch wurde dies als Verhandlungstaktik gewertet. Nun heißt es, er sei entschlossen, die Konsequenzen zu tragen. Es gebe gar schon Listen von A400M-Ingenieuren, die bei den Modellen A380 und A350 gebraucht würden. Schon Anfang Februar könnten 100 A400M-Ingenieure zum neuen Zivilmodell A350 wechseln.

Diskussion um Ausstieg in mehreren Führungsgremien

Nach FTD-Informationen aus weiteren Quellen hat Enders einen möglichen Ausstieg nun in mehreren Führungsgremien angesprochen. "Er ist nicht bereit, das gut laufende zivile Airbus-Geschäft durch den A400M aufs Spiel zu setzen", so ein Insider. Enders sehe im A400M eine existenzielle Gefahr für Airbus. Im Kern geht es um die Frage, ob die sieben europäischen Bestellländer bereit sind, neben dem Festpreis von 20 Mrd. Euro für 180 Maschinen die von Airbus geforderten weiteren 5,3 Mrd. Euro zu bezahlen - weil die Entwicklung des Flugzeugs insgesamt 11,3 Mrd. Euro teurer wird. Diese Mehrkosten sollen geteilt werden: Der Flugzeughersteller mit dem Mutterkonzern EADS hat bereits A400M-Verluste über 2,4 Mrd. Euro gebucht. Weitere 3,6 Mrd. Euro sieht Airbus als seine Risiken an - was letztlich auch zu Verlusten führen kann.

Airbus drohen Abschreibungen in Milliardenhöhe

Bei einem Abbruch des Programms müsste EADS alle erhaltenen Anzahlungen über rund 6,4 Mrd. Euro an die Regierungen zurückbezahlen. Weitere Abschreibungen wären auf Gebäude und Werkzeuge notwendig. Trotz dieser gewaltigen Summen könnte sich ein Ausstieg für den Flugzeughersteller sogar rechnen, heißt es. Mit dem A400M entscheidet sich aus Sicht von Konzernkennern die Zukunft von Airbus und EADS sowie Enders' Karriere. Der Deutsche gilt als Favorit für die Nachfolge von EADS-Chef Louis Gallois, dessen Vertrag 2012 ausläuft. "Wenn Enders Airbus erfolgreich führt, hat er alle Chancen", heißt es bei Konzernkennern.

Während Deutschland in der Frage weiterer Milliarden für den Militärtransporter zögerlich reagiert, zeigen sich Frankreich und Spanien finanziell flexibler, um das Projekt zu stützen. Der Franzose Gallois steuert daher einen eher zögerlichen Kurs. Zwar hat Gallois nach FTD-Informationen den Regierungen erklärt, dass er einer Verlängerung des sogenannten Stillhalteabkommens nur bis Ende Januar zustimmt. Insider vermuten aber, dass Frankreich als Großaktionär notfalls den Konzern mit einer Kapitalerhöhung stützen würde, um am Projekt festzuhalten. Der A400M sei politisch gewollt. Zu diesem Szenario einer zunehmenden Verstaatlichung der EADS dürfte der frühere Daimler-Manager Enders aber nicht bereit sein, heißt es.

Verteidigungsminister uneins über Mehrkosten

Nach FTD-Informationen konnten sich die Verteidigungsminister der bestellenden Länder bei ihrer Tagung im Dezember nicht über die Verteilung der Mehrkosten einigen. Die Staaten sind aber bereit, für die Verspätung keine Vertragsstrafe zu fordern. In Politikkreisen wird der 31. März als Zieltermin für einen neuen Vertrag genannt. Bis dahin müssten alle Details geklärt sein. Offen ist, ob sich dies mit der Planung von Airbus deckt, weil der Konzern anstrebt, in die Bilanz 2009 alle A400M-Risiken zu packen. Zumindest aus technischer Sicht gebe es nach den erfolgreichen Testflügen keinen Grund für einen Programmstopp, heißt es.

Dass Enders hart agieren kann, hat er bewiesen. So nennt er als einziger EADS-Schlüsselmanager die jüngst eingestellten Ermittlungen der Pariser Börsenaufsicht wegen möglicher Insiderverstöße einen Schauprozesss. Ryanair-Chef Michael O'Leary blitzte bei ihm ab, als er einen Großauftrag an Dumpingpreise knüpfen wollte.

Enders habe intern erklärt, dass er "Bequemlichkeitsentscheidungen und ein Verschieben der Probleme in die Zukunft ablehnt", heißt es. Diese früheren Fehler müsse Airbus derzeit ausbaden. Nach FTD-Informationen stimmte Enders als ehemaliger Co-EADS-Vorstandschef im Verwaltungsrat auch gegen erste Pläne beim A350, weil die Kalkulation nicht schlüssig war. "Enders wird nicht alles bisher Erreichte aufs Spiel setzen, nur um am A400M festzuhalten", heißt es.

FTD