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UMZUG: Schumi und die Appenzeller

Ganz Wolfhalden freut sich auf Häuslebauer Michael Schumacher, der oberhalb des Bodensees ein Traumgrundstück entdeckt hat. Nur auf einem kleinen Hügel regt sich Widerstand.

Ein Gemeindepräsident

in der Ostschweiz freut sich über rote Fahnen, ein Wirt verkauft mehr Hasenpfeffer, und hoch oben auf dem Berg schimpft ein alter Dichter: »Dann werden wir zur Bananenrepublik.« Grund für den Aufruhr ist Michael Schumacher. Genauer gesagt, der Plan des Formel-1-Helden, sich in Wolfhalden, Kanton Appenzell Ausserrhoden, niederzulassen. Wofür er rund 15 Hektar Platz braucht - und das mitten in einer Landwirtschaftszone, die den Schweizern sonst so heilig ist wie ihr Käse. Eigenwillige Leute lebten hier, meint Charles Bischoff, der Wirt der Gaststätte »Krone«, des ersten Hauses am Platze. »Da kann man nicht machen, was man will, auch nicht mit Geld.« Es sei denn, es ist sehr viel Geld. So viel Geld, wie Schumacher hat. Genug, um seine Träume in die Berge zu bauen.

Von der »Krone« sind es

genau 700 Meter bis zur Abzweigung, die hinaufführt zum Guggenbühel. Ein märchenhafter Platz. Sein Name erinnert daran, dass die wehrhaften Eidgenossen von hier nach Feinden Ausschau hielten. Über den Bodensee reicht der Blick bei föhnigem Wetter bis zum Dom von Ulm. »Den Turm kann man aber nur erkennen, wenn man weiß, wo man suchen muss«, sagt Frau Zürcher von der Bäckerei Hecht, die Nussgipfel aus Walnüssen macht und damit so ziemlich das Berühmteste, was Wolfhalden zu bieten hat. Deutschland ist weit genug weg, um auf Streichholzgröße zu schrumpfen. Mit dem Pfarrer, er kommt aus Hamburg, reden die knapp 1.800 Dörfler immer besonders langsam. »Sonst versteht er den Dialekt nicht«, sagt Gabi Zürcher, die vor vielen Jahren aus Österreich zugezogen ist. Sie versteht alles, freut sich auf Schumacher - warnt ihn aber trotzdem: »Verschroben herzlich« seien die Wolfhaldener.

Schumacher will die

ganze Gegend am Guggenbühel kaufen, einen Palast im Appenzeller Stil auf die Bergkuppe setzen, für seine Frau Corinna eine Pferdezucht aufbauen und dann die Seele zwischen See und Himmel baumeln lassen. Was auch finanziell viel günstiger wäre als ein Wohnsitz im topfflachen Kerpen am Niederrhein, wo nur die Steuersätze in die Wolken ragen. Wenn bloß die Sache mit der »Umzonung« nicht wäre. Da reagiert mancher in Wolfhalden eher verschroben als herzlich. »Wir müssen eine Volksabstimmung machen, um das Bauland auszuweisen«, erklärt der Gemeindepräsident Mario Pighi. Im März soll es so weit sein. Pighi hält das eher für eine Formalie. Es gebe zwar Zweifler, aber nur wenige echte Gegner. Es ist Schumachers Glück, dass die Appenzeller in ihrer wunderschönen Berglandschaft schon immer gezwungen waren, auch ein wenig aufs Materielle zu achten. Im Urlaub könnten die Wolfhaldener außerdem damit prahlen, sie kämen aus Schumis Wohnort. »Ist doch toll«, meint Frau Zürcher, die bei einem Wellness-Urlaub schon mal deutsche Gäste mit ihrem künftigen Nachbarn beeindruckt hat.

Ein bisschen Glamour

- »Wir liegen etwas am Rande«, sagt Pighi - kann nicht schaden. Über Jahrhunderte betrieben die Wolfhaldener vor allem Landwirtschaft und Seidenweberei. Beides Gewerbe, die ein wenig ins Hintertreffen geraten sind. Auf dem Weg die Dorfstraße hinaus werden Häuser zum Kauf angeboten. Junge Leute ziehen weg. Eine rote Fahne hatte bislang nur die Dorfschule, mit einem umkränzten Wolf vor majestätischen Bergen drauf. Jetzt weht die Ferrari-Flagge vor der »Krone«.

Ein Stückchen die Straße hinunter

hocken sie in der Wirtschaft »Eintracht« beim Bier. Hier haftet dem Frauenwahlrecht noch etwas Revolutionäres an, und Sturheit gilt als Tugend. Aber sie träumen doch von der neuen Zeit. Hans-Rudi, der wie alle hier seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: »Ich zahl dem Schumi ein Bier, und dann lässt er mich mal in seinem Ferrari fahren.« Jörg, ein 37-jähriger Landwirt, ist mit einem Bucher-Trecker aus Schweizer Produktion da, der deutlich älter ist als er selbst. Aber rot lackiert. Morgens um sechs muss er im Stall sein, seine Hände sehen nach harter Arbeit aus. Ob sein Land auch mal teures Bauland wird? »Wir könnten das nicht machen«, sagt er. »Wir bekämen die Bewilligung nicht.«

Überhaupt, die Umzonung.

Eigentlich, da sind sich alle einig, sollten für Schumacher dieselben Gesetze gelten wie für jeden anderen. Aber andererseits wäre es schon gut, wenn er zum Beispiel Handwerker aus der Gegend für den Bau beschäftigen würde. Steuern zahlen müsste er auch, ein wenig zumindest. »Der hat doch auch Angestellte«, meint Martin, ein Schafzüchter. »Die müssen auch kaufen und Steuern zahlen.« Vielleicht macht ja sogar wieder ein Lebensmittelgeschäft im Dorf auf; bislang kommt nur dreimal in der Woche ein Verkaufswagen vorbei. Und wenn der Schumi erst mal da ist, davon geht Gemeindepräsident Pighi aus, dann werde wohl der eine oder andere konkrete Wunsch an ihn herangetragen. Einen richtigen Sportplatz etwa könnten die Wolfhaldener gut brauchen.

Doch schon bevor das

»Umzonungsgesuch« formell vorliegt, regt sich Widerstand. In der Kulturkneipe »Kreuz« in Wolfhalden-Zelg, wo lebensgroße Kuh-Skulpturen vor der Tür stehen, schimpft der Schriftsteller Werner Bucher. Er ist Träger des Schweizer Schillerpreises und zahlreicher Bedenken. Den Schumi-Bau hält der alte Mann mit dem roten Halstuch für ein »Krebsgeschwür«. Ein Anbau werde auf den nächsten folgen. Im Magazin »Facts« wurde er mit der Bemerkung zitiert, der Landmann würde Schumacher »beinahe in den Hintern kriechen«. Lieber hätte er seine Meinung »etwas subtiler ausgedrückt« in der Zeitung gelesen. »Aber es ist ein Jammer.« Der Guggenbühel sei der schönste Fleck weit und breit, der Wanderweg müsse verlegt werden, der Wildwechsel werde gestört; dann kämen sicher jede Menge Paparazzi. »Es gibt tausend Gründe dagegen.« Und überhaupt: »Taugt denn der Schumacher als Vorbild für die Jugend? Der kann schnell Auto fahren. Na und?«

Wäre Schumacher

ein x-beliebiger Millionär, sagen wir, der Million-Gewinner bei Günther Jauch, dann hätte der Pighi ihn wohl gleich wieder weggeschickt. Der Josef - Landwirt unterm Guggenbühel - hätte ihn nicht in seinem Stall empfangen. Und, wie man im Dorf munkelt, sich gegen einen Batzen Bares das Pachtrecht abschwatzen lassen. Keiner weiß genau, wie es wirklich gewesen ist. Aber abends sitzt der Bauer in der »Krone« mit seinen Lieben beim Hasenpfeffer und guckt sehr wohlhabend. »Da war viel Geld im Spiel«, munkelt Ernst Züst, der greise Dorfchronist. Sein Vater hatte vier Kühe und fünf Söhne; das war die gängige Art von Wohlstand in der Gegend. »Ja, der Neid«, seufzt Züst, der mit seinen 70 Jahren jedem sein Glück gönnt und über niemanden etwas Böses sagen will. Dass der Josef noch Kühe melkt, gilt den Dorfgenossen als eine Art Hobby. Er hat offenbar schon erlebt, wovon - fast - alle hier träumen: den Schumi-Boom.

Von Stefan Schmitz