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Ungeheure "Kraft des Guten": Rupert Murdoch startet mit neuer Sonntags-"Sun"

Vor sieben Monaten musste Rupert Murdoch im Sumpf des britischen Presseskandals sein Sonntagsblatt "News of the World" dicht machen. Jetzt startet er durch. Zum Kampfpreis von 50 Cent wirft er eine Sonntagsausgabe seines Boulevardflaggschiffs "The Sun" auf den Markt.

Medienzar Rupert Murdoch hat sieben Monate nach Einstellung seines Skandalblattes "News of the World" eine neue sonntäglich erscheinende Boulevardzeitung auf den Markt gebracht. Von der Erstausgabe - in einer Auflage von drei Millionen Stück gedruckt - will er mehr als zwei Millionen verkaufen. Der Preis von 50 Pence (59 Euro-Cent) ist eine Kampfansage an die Wettbewerber. Diese konterten prompt: "Sunday Mirror" und "Sunday Star" lagen am Sonntag ebenfalls zum Preis von 50 Pence in den Kiosken. Zuvor waren sie doppelt so teuer.

Beim Layout stark von der werktäglichen Schwesterzeitung "The Sun" inspiriert, gibt sich die Sonntagsausgabe familienfreundlich: keine blanken Busen auf Seite 3, die Sprache vergleichsweise ordentlich, Drama um Promi-Mutter mit Kind als Titelstory. Beim Kolumnisten-Team reicht die Spanne vom Erzbischof bis zum Boxenluder Katie Price. "Erstmals geht am Sonntag die Sonne auf", schrieb das neue Blatt über sich selbst. Und hart an der Grenze zwischen Stolz und Realitätsverlust weiter: "Die "Sun" war vor allen Dingen immer eine ungeheure Kraft des Guten."

Zehn "Sun"-Reporter unter Korruptionsverdacht

In den vergangenen Wochen waren zehn "Sun"-Reporter und Redakteure von der Polizei unter Bestechungsverdacht festgenommen worden. Sie sollen mit Hilfe von Geldzahlungen die Zungen von Polizisten, Ministerialbeamten und Armeeangehörigen gelockert haben, um an exklusive Informationen zu kommen. Der Skandal um die "News of the World", deren Reporter nachweislich Mobilboxen von Prominenten und Verbrechensopfern abgehört hatten, war damit endgültig auch auf das Flaggschiff des britischen Boulevardjournalismus übergeschwappt.

"Bis zum Beweis des Gegenteils gehen wir davon aus, dass sie unschuldig sind", heißt es in dem Text vom Sonntag. Allerdings schlummern auch noch 300 Millionen E-Mails in dem Archiv, das eine eigens eingerichtete Ethikkommission in Murdochs Konzern News Corporation zurzeit durchforstet.

Eine Trotzreaktion?

In der Branche wird trefflich über die Motive Murdochs für den tapferen Schritt nach vorne spekuliert. Sein Schritt kommt in Zeiten schrumpfender Auflagen und - dank wirtschaftlicher Dauerkrise in Großbritannien - eines schwachen Werbeumfeldes. Will Murdoch die Ruhe unter den aufgebrachten Mitarbeitern wieder herstellen und eine Palastrevolution verhindern? Schließlich wurden durch die Schließung der "News of the World" auch rund 200 seiner Leute arbeitslos, die nachweislich nichts mit der Abhör- oder Bestechungsaffäre zu tun haben. Und viele Informationen zu den bisher 30 Festnahmen kamen aus dem Hause Murdoch selbst.

Andere vermuten, es sei eine Trotzreaktion des Magnaten. Nach diversen Nackenschlägen auf den Online-Märkten - etwa mit dem Milliardengrab bei der defizitären Social-Media-Plattform MySpace - wolle er es den Wettbewerbern noch einmal auf seinem klassischen Spielfeld Print zeigen - und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Mediums Tageszeitung nachweisen. Dafür spricht auch der persönliche Einsatz Murdochs. Am Samstagabend stand er zum Andruck für die neue Zeitung höchstpersönlich an der Rotation. "Wir sind gespannt, ob er den Trend umdrehen kann", sagte Medienexperte Roy Greenslade angesichts einer in den vergangenen zehn Jahren um 6,5 Millionen auf 7,8 Millionen Exemplare gesunkenen Auflage der britischen Sonntagszeitungen.

Ein riskantes Unterfangen

Medienexperten halten jedoch einen wirtschaftlichen Erfolg der neuen Zeitung für nicht gesichert. 45 Prozent der knapp 2,7 Millionen Auflage, die einst "News of the World" verkauft habe, seien in den sieben Monaten seit der Schließung ersatzlos weggebrochen, meint Claire Enders vom Londoner Forschungsinstitut Enders Analysis. Von den restlichen 55 Prozent habe sich die Konkurrenz von Trinity Mirror - Herausgeber der Boulevardblätter "Sunday Mirror" und "Daily Mirror" - den Löwenanteil geholt.

"Die 150 Millionen Pfund Jahreseinnahmen, die "News of the World" einst generiert hat, sind entweder verschwunden oder unter den Konkurrenten aufgeteilt", sagt Enders. Selbst ein Triumphmarsch der Sonntags-"Sun" werde nur zwei Drittel dessen einbringen, was die "News of the World" erzielt habe. Und Murdoch musste für den Skandal schon viele Millionen an Entschädigungen zahlen.

Auch für Murdochs britische Verlagsholding News International im Londoner Stadtteil Wapping ist es ein Vabanquespiel. Das Gruppen-Flaggschiff "Times" mitsamt der Sonntagsausgabe "Sunday Times" ist jetzt schon defizitär. Wenn auch die neue Sonntagszeitung nicht einschlägt, muss die wochentägliche "Sun" drei Schwesterblätter quersubventionieren.

Michael Donhauser, DPA / DPA