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US-Wirtschaftskrise: Obama und McCain in Erklärungsnot

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers macht nicht nur den Börsen weltweit zu schaffen, sondern auch den US-Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama. Sie müssen ihren Wählern die Krise erklären und gleichzeitig Lösungen präsentieren. Ein schwieriges Unterfangen, bei dem McCain anfangs patzte.

Von Matthias B. Krause

Das ewige Rennen um das schnellste Werbevideo gewann wieder einmal John McCain. Die Geigen weinten, ein großes Schild schrie "Foreclosure" (Zwangsversteigerung), eine Stimme im Off sagte: "Unsere Wirtschaft in der Krise. Nur die bewährten Reformer John McCain und Sarah Palin können sie retten." Es folgen Schlagworte aus dem Setzbaukasten "Wirtschaftspolitik für Anfänger": strengere Regeln für die Wall Street, keine Belohnungen für Spezialinteressen, weniger Steuern, Ölbohrungen für niedrigere Gaspreise. Rivale Barack Obama wurde zu der Zeit, da die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf von Merryll Lynch die Weltbörsen erschütterten, kaum konkreter.

Die beiden Bewerber um das höchste politische Amt im Lande haben Schwierigkeiten, die jüngsten Turbulenzen auf den Finanzmärkten in eine Form zu fassen, die für den Durchschnittwähler verständlich ist. Ganz zu Schweigen von Lösungsvorschlägen, die sich griffig beschreiben lassen. McCain, der nach eigenem Bekunden von der Wirtschaft nicht viel versteht, versuchte sich am Morgen des mit Hiobsbotschaften gefüllten Tages gar noch mit seiner üblichen Beruhigungsformel. "Die Fundamentaldaten der amerikanischen Wirtschaft sind stark", sagte er allen Ernstes bei einem Wahlkampfauftritt in Jacksonville, Florida.

Wettern gegen die Märkte

Woher er diese Weisheit nahm, blieb sein Geheimnis. Das die Botschaft angesichts von Rekord-Arbeitslosigkeit, Rekord-Zwangsversteigerungen, steigenden Kosten, fallenden Reallöhnen, steigender Inflation und Rekord-Staatsverschuldung nicht besonders gut ankommen würde, ging seinen Wahlstrategen ziemlich schnell auf. Die Wall Street hatte noch nicht mit 500 Punkten im Minus geschlossen, da deutete McCain seine eigenen Worte schon fleißig um. Er habe gemeint, die amerikanischen Arbeiter seien stark, sagte er bei seinem nächsten Auftritt Stunden später in Orlando, aber das Land befinde sich sehr wohl in einer tiefen Krise. Die Märkte hätten Wall Street wie ein Kasino benutzt, wetterte er, es herrschten Geldsucht und Korruption: "Das müssen wir reparieren." Nur wie, das sagte er noch immer nicht.

Obama ließ sich den Patzer McCains nicht entgehen. In Grand Junction, Colorado fragte er rethorisch (und vor laufenden TV-Kameras): "Senator McCain, von welcher Wirtschaft sprechen sie eigentlich?" Dann nutzte er die Zeit, um die Schuld für die aktuelle Misere auf die Regierung von George W. Bush zu schieben und McCain als jemanden zu charakterisieren, der dessen verfehlte Politik fortsetzen werde. "Acht Jahre lang wurden überdimensionale Boni für die CEO gut geheißen und die amerikanische Mittelklasse ignoriert", sagte Obama, "statt dass die Prosperität nach unten durchsickert, ist inzwischen der Schmerz auch oben angekommen." Er werde, versprach der Kandidat, die veralteten Regularien für die Wall Street-Banken reformieren, sobald er im Oval Office sitze.

McCain setzt Wirtschaftsberater ab

Auch ein Blick in die Wirtschaftsprogramme der Präsidentschaftsbewerber gibt wenig Aufschluss darüber, wie genau sie mit der Krise umgehen werden, die durch den freizügigen Handel mit unzureichend abgesicherten Hypotheken ausgelöst wurde. McCain verspricht zwar "Jobs for America", der Begriff "Wall Street" kommt in seinem 15-seitigen Papier allerdings kein einziges Mal vor. Vielleicht, weil es von dem Texaner Phil Gramm geschrieben wurde. Der war als Senator 1999 federführend für ein Gesetz, dass wichtige Beschränkungen für Investmentbanken und Versicherungen an der Wall Street lockerte – und damit den Weg für die aktuelle Krise frei machte, wie viele Experten heute glauben. McCain setzte Gramm vor wenigen Wochen als seinen wichtigsten Wirtschaftsberater vor die Tür, nachdem der behauptet hatte, der derzeitige wirtschaftsliche Abschwung sei darauf zurückzuführen, dass die Amerikaner "eine Nation der Jammerlappen" seien.

Grundsätzlich verfolgt McCain den Laissez-faire-Ansatz jener, die glauben, die unsichtbare Hand werde in einer freien Marktwirtschafts schon alles regeln, genauso wie George W. Bush. In seiner 26 Jahre währenden Zeit als Senator in Washington stand McCain einmal unter Korruptionsverdacht, ausgerechnet, weil er einer Bank beigesprungen war. Als Teil der "Keating Five", die in der Bankenkrise in den 80ern der Lincoln Savings and Loan Association in Kalifornien auf unrechten Wegen geholfen haben sollen, wurde McCain später unter zwielichtigen Umständen freigesprochen.

Obama verspricht in seinem Wirtschaftsprogramm eine stärkere Regulation der Finanzwelt, insbesondere will er betrügerischen Kreditvermittlern Einhalt gebieten. Viel mehr ins Detail geht auch er nicht. Umfragen zeigen, dass die Wähler nach acht Jahren republikanischer Präsidenschaft den Demokraten eher zutrauen, die Wirtschaftskrise zu lösen. Allerdings ist Obamas Vorsprung in diesem Bereich seit der Euphorie um McCains Vize Sarah Palin geschrumpft. Wenn die Ökonomie nun für die restlichen 49 Tage wieder in den Vordergrund des Wahlkampfes rückt, kann Obama das nur Recht sein. Allerdings sollte er lieber unerwähnt lassen, wer 1999 neben Gramm ein großer Verfechter die Idee war, den Kräften an der Wall Street ungeregelt ihren Lauf zu lassen: Bill Clinton, der demokratische Präsident, der mit dem Wahlspruch "It's the economy, stupid!" gleich zweimal das Präsidentschaftsrennen gewann.