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Verkauf von Handy-Bewegungsdaten: Big-Brother-Shopping mit O2

Eigentlich wollte der Mobilfunkanbieter O2 unbeschwert seinen Börsenstart feiern. Doch nun hat er eine Datenschutzdebatte am Hals. Der geplante Ausverkauf sensibler Handy-Daten geht vielen zu weit.

Von Daniel Bakir

Na, heute schon im Sexshop gewesen? Freiwillig würde man diese Frage wohl nicht jedem beantworten. Und schon gar nicht seinem Mobilfunkanbieter. Daher holt sich O2 die Antwort bald einfach automatisch. Der O2-Mutterkonzern Telefónica plant, die Bewegungsdaten seiner Kunden - anonymisiert - zu speichern und an die Werbewirtschaft zu verkaufen.

Damit will der Konzern offenbar pünktlich zum heutigen Börsenstart von O2 in Deutschland seinen Investoren künftige Erlösquellen präsentieren. In einem Werbevideo auf der Website der vor drei Wochen eigens gegründeten Abteilung "Telefónica Dynamic Insights" werden die Pläne mit großem Pathos angekündigt: "Dank Telefónica Dynamic Insights können Sie jetzt sehen, wo sich Kunden bewegen, wenn Sie sich bewegen. Sie können sehen, wo Ihre potenziellen Kunden wirklich sind, wann Sie da sind und wie oft." Dazu werden Bilder von Menschen gezeigt, die mit vollen Tüten durch großstädtische Geschäfte und Einkaufszentren laufen.

In einer zugehörigen Pressemitteilung heißt es, Telefónica wolle Unternehmen und Behörden überall auf der Welt mit analytischen Daten versorgen. Das erste Projekt namens "Smart Steps" solle anonymisierte Daten aus mobilen Netzwerken erheben, um nachvollziehen zu können, an welchen Orten sich die Menschen wie lange aufhalten. Im Klartext: Das Smartphone speichert, in welche Läden wir gehen, wie lange wir vor bestimmten Schaufenstern stehen bleiben und ob wir mit dem Auto oder der Bahn zum Einkaufen fahren: Big-Brother-Shopping mit O2. Besonders pikant ist das Ganze, weil O2 ja schon eine Menge Informationen über Kunden hat, mit denen die Bewegungsdaten theoretisch kombiniert werden könnten.

Verbraucherschützer warnen

Datenschützer sind deshalb alarmiert. "Es besteht die Gefahr, dass die Bewegungsprofile nicht vollständig anonymisiert sind", sagt Marit Hansen vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein stern.de. Denn wenn viele Informationen miteinander verkettet würden, entstehe schnell ein Personenbezug. "Dass ein Mobilfunkanbieter Standortdaten für Werbezwecke verwenden will, ist neu", sagt Hansen. Das Gesetz schreibe eine Anonymisierung aber vor - es sei denn der Nutzer willige einer nicht-anonymen Erhebung ein.

Verbraucherschützer befürchten, dass O2 diese Einwilligung nun über das Kleingedruckte einholen will. Denn O2 hat offenbar die Vertragsbedingungen schon entsprechend geändert. Nach Informationen des Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein beinhalten sie nun eine Einverständniserklärung, dass Daten auch für Marktforschung verwendet werden dürfen. "Das sollte einen schon stutzig machen, ob die Daten möglicherweise doch nicht ganz anonymisiert werden", sagt Carola Elbrecht vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Zur Entwicklung des Projekts hat O2 die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) engagiert. Die GfK erklärte auf Anfrage von stern.de, es würden nur komplett anonymisierte Bewegungsdaten genutzt, die von persönlichen Informationen wie Namen und Telefonnummer komplett getrennt würden. Nur die Angabe von Altersgruppe und Geschlecht werde verwendet. "Es geht nicht um die Nutzung von Daten zu Werbezwecken in Richtung einzelner Verbraucher oder der Analyse von Bewegungsprofilen einzelner Telefonkunden", erklärte das Marktforschungsunternehmen. Das Produkt befinde sich in der Entwicklung und werde in Großbritannien getestet. "In welcher Form und wann Smart Steps in Deutschland eingeführt werden soll, können wir Ihnen noch nicht sagen."

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