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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zu Expertokratie: Professoren sind keine Halbgötter

Ein Doktortitel kann Türen und Tore öffnen. Kein Wunder also, dass so viele danach streben. Thomas Straubhaar findet aber, dass akademische Titel in der Politik nichts verloren haben.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist die prominente Spitze des Eisbergs. Viele andere Namen stehen darunter. Sie alle sind Belege für eine Besessenheit, koste es, was es wolle, einen Doktortitel tragen zu können. Dafür werden sogar illegale Praktiken in Kauf genommen. Es wird kopiert, abgeschrieben, geschummelt und getrickst. Alles, um am Schluss den "Dr." auf der Visitenkarte stehen zu haben.

Offenbar sind der "Dr." oder gar ein "Prof. Dr." in Deutschland viel Wert – in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Zwar sind beide Titel kein offizieller Namenszusatz. Niemand darf somit von anderen verlangen, als Frau Professor oder Herr Doktor angeschrieben oder angesprochen zu werden. Aber der "Dr." kann im Reisepass oder Personalausweis amtlich eingetragen werden. Und an vielen Stellen des öffentlichen Lebens öffnet ein akademischer Grad Türen, Geldbörsen, Geschäftsbücher, Karrierelaufbahnen oder Führungswege. Das treibt auch durchaus kluge Menschen dazu, den Pfad der Tugend zu verlassen, um notfalls über Kauf oder Plagiat zu einem akademischen Grad zu kommen, den sie offenbar durch eigene wissenschaftliche Leistungen nicht erlangen würden.

Akademische Titel signalisieren der Öffentlichkeit Intelligenz und Kompetenz des Trägers. Wer "Dr." oder gar "Prof. Dr." ist, der kann etwas, was nur ganz wenige können. Entsprechend groß sind die Bewunderung und das Vertrauen der Bevölkerung in die Titelträger. Ein Doktor gilt als Heiliger, ein Professor als Halbgott. Dabei sind auch sie nur Menschen, mit Eigeninteressen, Eitelkeiten, Fehlern und Verfehlungen.

Mehr Schein als Sein

Akademische Titel verführen ihre Träger dazu, mehr zu scheinen als zu sein. Sicher: im Normalfall ist eine Doktor- oder Habilitationsschrift das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit rund um die Uhr. Oft unmenschliche Entbehrungen, Risiken des Scheiterns, Enttäuschungen und vieles mehr mussten überwunden werden, um bei gutem Ende mit einem schlichten "Dr." oder "Prof." belohnt zu werden. Das ändert aber nichts daran, dass der Doktorgrad und auch der Professortitel nichts anderes sind als wissenschaftliche Gütesiegel. Sie werden für herausragende Forscher(innen) verliehen. Das ist viel. Aber es ist lange nicht alles. Und es ist nichts, was einen gesellschaftlichen oder politischen Heiligenschein rechtfertigt.

Doktorgrade oder Professorentitel sagen nichts zu Charakter, Motiven oder Interessen der Träger – und auch nichts zu deren sozialen Kompetenzen, Urteil- oder Führungsvermögen. Richtigerweise sollten akademische Titel unabhängig von Person und Herkunft einzig aufgrund wissenschaftlicher Qualität verliehen werden. Nicht die Öffentlichkeit und nicht die Politik, sondern ein kleiner innerer Fachzirkel entscheidet am Ende, ob ein "Dr." oder ein "Prof." vergeben wird. Den politischen Behörden bleibt höchstens in Berufungsverfahren an öffentliche Institutionen die Möglichkeit, aus einer Liste von Vorgeschlagenen eigene Prioritäten zu setzen. Nicht ausgeschlossen, dass eine so freie Wissenschaft einen Elfenbeinturm aufbaut, in dem eine kleine Schar der Welt entrückter gleichgesinnter Gelehrter sitzt, die sich gegenseitig ihre abstrakten Fachpublikationen vortragen und in Inzucht ihre eigenen Nachfolger zeugen. Nichts ist damit gesagt, ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse für das reale Leben außerhalb des Elfenbeinturms von irgendwelchem Interesse oder Relevanz sind. Nichts macht die Titelträger aus Sicht der Außenwelt zu herausragenden Persönlichkeiten.

Akademische Titel gehören zur Wissenschaft

Akademische Titel gehören in den Elfenbeinturm der Wissenschaft. Sie sind Berufs- oder Funktionsbezeichnungen vergeben für exzellente #link;V;Forschung#. Im öffentlichen Leben oder gar in der Politik haben sie nichts verloren. Das gilt insbesondere auch dann, wenn Professoren den Elfenbeinturm verlassen und beginnen, Politik zu machen.

Dass sich Professoren in öffentliche Diskussionen einschalten, ist richtig und wichtig. Wissenschaft soll relevant und für den Alltag hilfreich sein. Wer jedoch bei politischen Debatten mit seinem Titel wirbt, gaukelt der Öffentlichkeit vor, er sei etwas Besonderes. Deshalb verstehe er eine Thematik besser als alle Übrigen. Was die wissenschaftliche Analyse betrifft, mag diese Erwartung zutreffen.

Bei der Bewältigung der großen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Herausforderungen der Zeit, der Bewertung von Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Lösungen und der Beurteilung, was letztlich "richtig" und "falsch" sei, helfen akademische Titel jedoch nicht weiter als jede andere Berufsbezeichnung. Da geht es um persönliche Integrität, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Weder ein Doktor noch ein Professor erfüllen alleine ihrer Forschungsexzellenz wegen diese Anforderungen. Damit das allen klar ist, gehören akademische Titel, wie bei jedem anderen Beruf, hinter und nicht vor den Namen.

Von Thomas Straubhaar