In der nächsten Woche jährt sich zum sechsten Mal die Wahl des Thüringer FDP-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich mithilfe der AfD. Genau für diese Woche hat nun die von Björn Höcke geführte Fraktion ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Mario Voigt beantragt.
Der Grund: Dem aktuellen CDU-Ministerpräsidenten war am Mittwoch von der Technischen Universität Chemnitz der Doktortitel aberkannt worden. Und im Unterschied zu anderen Politikern, die in ähnlichen Situationen das Urteil akzeptierten oder sogar von ihren Ämtern zurücktraten, will er gegen den Beschluss der Universität vor Gericht ziehen.
Der Fall ist damit schon jetzt einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Und er erschüttert ein ostdeutsches Bundesland, das seit Jahren politisch gebeutelt ist. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:
Wie stark steht Mario Voigt unter Druck?
Auch wenn die Koalitionspartner BSW und SPD offiziell zu Voigt halten: Das Regieren in dem ohnehin fragilen Bündnis ist zusätzlich belastet, zumal das BSW im Bund den Druck erhöht. Sollte die Entscheidung der TU Chemnitz Bestand haben, müsse Voigt sich einen neuen Job suchen, sagte Parteichef Fabio di Masi der "Berliner Zeitung".
Hinzu kommt, dass die Koalition nur auf die Hälfte der Stimmen im Landtag kommt und damit auf Abgeordnete der Linken angewiesen ist. Die Oppositionspartei kritisierte schon mal lautstark, dass Voigt seine persönliche Mitteilung zur Entscheidung der TU über die Staatskanzlei verbreiten ließ. Dies sei eine "Entfremdung staatlicher Gelder", teilte sie mit.
Höckes AfD fordert sowieso den Rücktritt Voigts. Sie hat für nächste Woche den Antrag auf ein konstruktives Misstrauensvotum im Landtag eingebracht. Auch wenn dieses Manöver scheitern dürfte: Die geheime Abstimmung wird in jedem Fall zusätzliche Unruhe in der Koalition schüren.
Ansonsten ist Voigts Autorität bereits jetzt beschädigt. Dieser Befund gilt umso mehr, da er besonders großen Wert auf seine wissenschaftlichen Leistungen legte. Bis vor Kurzem trug er den Professorentitel der Berliner Privathochschule "Quadriga", an der er vor seiner Regierungszeit Seminare gab.
Was sind die Vorwürfe gegen Voigt?
Der 48-jährige Voigt, der in seiner Heimatstadt Jena Politikwissenschaft studiert hatte, promovierte 2008 an der TU Chemnitz. Titel der Doktorarbeit, die von Prof. Eckhard Jesse betreut wurde: "Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf. George W. Bush gegen John F. Kerry". Die Dissertation erschien zwei Jahre später auch als Buch.
Ausgangspunkt der Prüfung durch die Universität war ein Gutachten des umstrittenen "Plagiatsjägers" Stefan Weber aus Österreich. Er veröffentlichte das Papier wenige Tage vor der Thüringer Landtagswahl am 1. September 2024, bei der Voigt für die CDU als Spitzenkandidat antrat.
Weber prüfte nach eigenen Angaben die Buchveröffentlichung. Er warf Voigt vor, an 140 Stellen unsauber gearbeitet zu haben. Dabei handele es sich neben kopierten Wikipedia-Einträgen und anderen Plagiaten um die Übernahme von Zitierfehlern aus Sekundärquellen. Das bedeutet: Voigt soll nicht selbst in den von ihm angegebenen Primärquellen recherchiert haben.
Wie lief das Verfahren?
Die Philosophische Fakultät der TU Chemnitz leitete ein Prüfverfahren ein. Laut einem Schreiben von Voigts Anwälten, das dem stern vorliegt, gab der Promotionsausschuss der Fakultät ein externes Gutachten in Auftrag, das Voigt im Februar 2025 entlastete. Es soll zu diesem Schluss gekommen sein: "Die Lektüre der Arbeit zeigt eine selbstständige wissenschaftliche Leistung, die den Ansprüchen an eine Doktorarbeit genügt. Umfang und Qualität der Verfehlungen sind nicht bedeutend genug, um den akademischen Grad zu entziehen."
Daraufhin erstellte nach Darstellung der Anwälte der Vorsitzende des Promotionsausschusses im März 2025 "neue Bewertungsregeln zum Umgang mit Plagiatsvorwürfen". Sie seien danach erstmals bei Voigt und zu dessen Lasten angewandt worden – und dies mitten im laufenden Verfahren.
Diese widerspreche "elementaren rechtsstaatlichen Grundsätzen", heißt es im Schreiben der Rechtsanwaltskanzlei. Der Ausschussvorsitzende selbst habe daraufhin eine eigene Begutachtung vorgenommen und den Entzug des Doktorgrades empfohlen. Ausschuss und Fakultätsrat seien jeweils im Juni und Juli dieser Empfehlung gefolgt.
Wie verteidigte sich Voigt?
Die TU informierte Voigt im Spätsommer über die Entscheidung und räumte ihm das Recht zur Stellungnahme ein. Anfang Oktober schickten seine Anwälte ein 34-seitiges Antwortschreiben an die Universität. In einem Anhang von 187 Seiten wurde versucht, sämtliche Vorwürfe zu entkräften.
Unabhängig davon erklärte die Kanzlei, dass die Vorwürfe nur 2,58 Prozent der Arbeit beträfen. Davon gehe es nur bei 0,62 Prozent um "echte Plagiatsvorwürfe" und bei 1,95 Prozent um Fußnoten, von denen behauptet werde, dass Voigt die Quellenangabe abgeschrieben habe.
Die Universität ließ sich davon offenkundig nicht beeindrucken. Der Erweiterte Fakultätsrat habe "in seiner Sitzung vom 28. Januar 2026 Mario Voigt den Doktorgrad einstimmig entzogen", teilte die Universität am Abend mit. Er sei nach "sorgfältiger Auswertung aller Unterlagen und in Abwägung der berechtigten Interessen aller Beteiligten zu dieser Entscheidung" gekommen.
Die Vorwürfe Voigts wurden zurückgewiesen. Die Philosophische Fakultät habe über "das gesamte Verfahren hinweg anhand der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis gearbeitet und die Plagiatsprüfung mit höchster Genauigkeit und wissenschaftlicher Integrität durchgeführt".
Wie geht es nun weiter?
Da der Ministerpräsident die Entscheidung anficht, ist sie vorerst nicht rechtskräftig. Er kann also theoretisch den Titel weitertragen.
Voigt selbst bezeichnete die Entscheidung unter Verweis auf das erste, externe Gutachten als "nicht nachvollziehbar". Die Universität habe ihn unfair behandelt, indem sie in einem laufenden Verfahren die "Spielregeln nachträglich und einschneidend" verändert habe. Zudem seien weder er noch die drei ursprünglichen Gutachter seiner Dissertation angehört worden.
Doch das alles dürfte kommende Woche in dem von der AfD veranstalteten Getöse untergehen. Höcke bezeichnete Voigt als "Betrüger", der seinen Doktortitel "erschlichen" habe – und hofft offenkundig, dass diese Sicht in der Öffentlichkeit verfängt.