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Zerschlagung wohl unausweichlich: Der tiefe Fall der WestLB

Die Uhr tickt dem Ende entgegen. Um Mitternacht muss Deutschland ein Sanierungskonzept für die schwer angeschlagene WestLB vorlegen. An der Zerschlagung führt wohl kein Weg vorbei.

Von der einst größten deutschen Landesbank wird nicht mehr viel übrig sein, wenn sich die nordrhein-westfälischen Sparkassen mit ihren Vorstellungen durchsetzen. Die WestLB wird demnach zu einer kleinen Zentralbank, die unter anderem den Zahlungsverkehr für die rund 100 Sparkassen in Nordrhein-Westfalen abwickeln soll. Abgespalten wird demnach eine riesige Bad Bank für Schrottpapiere und nicht mehr gewollte Aktivitäten der WestLB. Damit bekommt die Bank die Quittung für mehr als eine Million Euro Miese pro Tag in den letzten zehn Jahren.

Während sich die Sparkassen diese Konstruktion bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten lassen wollen, sind die Belastungen für die Steuerzahler noch nicht absehbar. Denn über die endgültige Lösung pokerten der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und die Sparkassen am Dienstag bis zur letzten Minute. Streitpunkt waren die gewaltigen Lasten der Bank. Unabhängig von der endgültigen Lösung: Ein Kapitel bundesdeutscher Bankengeschichte dürfte zu Ende gehen.

Die alte WestLB war das Flaggschiff unter den deutschen Landesbanken. Mit ihr wurde Industriepolitik gemacht - es wurden Unternehmen gerettet, Konzerne geschmiedet oder umgebaut. Der Wandel des Preussag-Konzerns zum Touristikriesen TUI ist dafür ein Paradebeispiel. Die WestLB drehte ein großes Rad im internationalen Geschäft, war mit Büros an den wichtigen Finanzplätzen rund um den Globus vertreten. Sie sollte eine gut laufende Geldmaschine sein.

Das Bild für das abgelaufene Jahrzehnt fällt allerdings verheerend aus. In den zehn Geschäftsjahren 2000 bis 2009 steht abzüglich der Gewinne unter dem Strich ein Verlust von gut fünf Milliarden Euro. Das sind rein rechnerisch mehr als eine Million Euro Miese pro Tag. Fehlinvestitionen in ausländische Unternehmen wie den britischen Fernsehverleiher Boxclever, eine Potenzierung von Risiken in bestimmten Branchen, Beihilferückzahlung und Fehlspekulationen mit Aktien verhagelten die Bilanzen.

Ohne eigene Filialen und Privatkunden funktionierte das Geschäftsmodell der WestLB immer weniger. Zumal die Bank ihren Miteigentümern - den Sparkassen - keine Konkurrenz machen durfte. Die Übernahme von Sparkassen oder die Gründung einer Direktbank waren tabu. Andererseits forderte die Sparkassen von ihrer Tochter WestLB auch Gewinne ein.

Der nordrhein-westfälischen Landesregierung hängt die WestLB, mit der Johannes Rau einst Strukturpolitik betrieben hat, mittlerweile wie ein Mühlstein am Hals. Dem Land gehört die marode Bank zu fast 50 Prozent, mit entsprechend hohen finanziellen Belastungen. Bevor Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) am Dienstag zu den Schlussverhandlungen über den WestLB-Sanierungsplan nach Berlin flog, musste er sich vor dem Landesverfassungsgericht verteidigen - auch wegen der Bank. Die Opposition hat ihn verklagt, weil das hoch verschuldete Land mit einem Nachtragshaushalt weitere 1,3 Milliarden Euro Kredite für WestLB-Garantien aufnehmen will.

Für die WestLB bedeutet das Sparkassenmodell bereits die dritte Aufspaltung in wenigen Jahren. Auf Druck der EU-Wettbewerbshüter wurde die alte Westdeutsche Landesbank 2002 in eine Förderbank und in die WestLB AG für das kommerzielle Geschäft aufgespalten. Es folgte das Auslagern von Schrottpapieren und anderem Ballast im Wert von 77 Milliarden Euro in eine Bad Bank. Die Verkleinerung zur Sparkassen-Zentralbank wäre der dritte Schritt. Wie viele Stellen der Operation zum Opfer fallen, ist unklar. Schon jetzt ist von einst mehr als 11 000 Jobs weniger als die Hälfte übrig geblieben.

Volker Danisch und Claus Haffert, DPA / DPA