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Zum Tode von Karl Albrecht: Aldi - eine deutsche Konsumgeschichte

Vor mehr als einem Jahr widmete der stern Aldi eine Titelgeschichte, die durch den Tod von Karl Albrecht nun neue Aktualität erhält. Zum Nachlesen: Eine Konsumgeschichte der Deutschen.

Von S. Gronwald, R.H. Peters, M. Streck

Eine Filiale des Discounters Aldi Nord in Rostock. Der Discounter hat das Einkaufsverhalten der Deutschen geprägt wie keine andere Institution des Einzelhandels

Eine Filiale des Discounters Aldi Nord in Rostock. Der Discounter hat das Einkaufsverhalten der Deutschen geprägt wie keine andere Institution des Einzelhandels

"100 Jahre Aldi - eine deutsche Konsumgeschichte" hieß im April 2013 die Überschrift einer stern-Titelgeschichte. Durch den Tod von Karl Albrecht erhält sie eine neue Aktualität, so dass wir uns entschlossen haben, sie als Dokument noch einmal online zu stellen.

Auch Journalisten dürfen mal träumen. Es gibt Kollegen, die für ihr Leben gern in der Kabine des FC Barcelona Mäuschen spielen würden. Königstreue Schreiber träumen von einer Audienz in Buckingham Palace, politisch Wache von einem Doppelgespräch zwischen Barack Obama und, sagen wir, Mahmud Ahmadinedschad.

Und Generationen von deutschen Wirtschaftsjournalisten wünschen sich, einmal hinter die Kulissen von Aldi zu blicken. Der größte Discounter der Welt ist so etwas wie das deutsche Nordkorea.

Verschlossen, abgeschottet, geheimnisvoll, legendenumwölkt.

86,6 Prozent der Bundesbürger kauften im vergangenen Jahr in einer der rund 4300 Filialen ein, im Grunde also jeder. Die Marke ist beliebter als Amnesty International, die Kirche, sämtliche Parteien und Fernsehsender sowieso. Vermutlich ist die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung bei kaum einem Unternehmen größer. Denn zur Firmenpolitik gehört seit Gründertagen: keine Interviews, keine Hintergrundgespräche, keine Fotos, nichts.

Schweigen. Seit Jahrzehnten Schweigen.

Das treibt die Mythenbildung.

Nur einmal, 1953, es ist noch ein Jahr bis zum Wunder von Bern, wagte sich Gründer Karl Albrecht aus der Deckung und dozierte vor dem Lebensmittelverband über die bis heute gültigen Aldi-Säulen - überschaubares Warenangebot, niedrige Preise und natürlich: Sparsamkeit, Sparsamkeit, Sparsamkeit. Das war's, der erste und letzte Auftritt eines lebenden Albrecht. Dann fielen die Türen wieder ins Schloss, und Karl und Theo, die Brüder aus Essen, bauten in den folgenden Jahrzehnten ihr Reich aus Dosensuppen, H-Milch und Bockwurst im Saitling, Klopapier und Computern auf: mehr als 60 000 Mitarbeiter, knapp über 50 Milliarden Euro Umsatz weltweit. Ihre Märkte veränderten und verschandelten alsbald das Städtebild im In- und Ausland. Die Brüder teilten erst Deutschland in Nord und Süd und dann den Planeten auf, sie prägten den deutschen Massengeschmack, betrieben eine brutale Preispolitik, wurden gemeinsam so reich wie Bill Gates und im Laufe der vielen Jahre in etwa so mysteriös und unsichtbar wie der notorisch öffentlichkeitsscheue Autor J. D. Salinger selig. Jahrzehnte ging das so. Deutschland wurde in dieser Zeit erst wohlhabend und dann wiedervereinigt. Das Land überstand Mauerbau und Mogadischu, die RAF und die Neue Deutsche Welle. Sieben Kanzler und eine Kanzlerin regierten, ein deutscher Papst kam und ging. Und Aldi blieb Aldi - eine deutsche Konstante wie Helmut Schmidt und die Gulaschkanone.

Aber dann, im März 2013, 60 Jahre nach Karls Vortrag und 100 Jahre nachdem dessen Vater Karl Albrecht senior, ein Bäckergeselle, mit einem hölzernen Verkaufswagen durch den Essener Norden zog und damit den Grundstein für den späteren Ruhm legte, geschieht ein Wunder, man muss das wohl so nennen:

Wunder. Aldi Süd öffnet die Türen, nicht sperrangelweit, aber doch so weit, dass der stern hineindarf.

Zunächst zum Vorgespräch in die moderne Firmenzentrale von Aldi Süd in Mülheim/Ruhr, ein paar Tage später auch in eines der riesigen Logistikzentren im niederrheinischen Rheinberg. Das Albrecht- Imperium wird 100, es muss die Gnade des Jubiläums sein.

Die Firmenschilder von Aldi Süd (l.) und Aldi-Nord. Die Albrechts hatten sich ihr Imperium im wahrsten Sinne des Wortes brüderlich geteilt

Die Firmenschilder von Aldi Süd (l.) und Aldi-Nord. Die Albrechts hatten sich ihr Imperium im wahrsten Sinne des Wortes brüderlich geteilt

Eine Wand aus Mineralwasser

Auf dem Parkplatz steht eine Flotte schwerer Limousinen, Audi und Mercedes. Sie sind die Währung in der Konzernhierarchie, je größer der Wagen, desto wichtiger sein Fahrer, es ist wie beim Auto-Quartett: A 6 sticht A 3. Draußen legt sich Schnee auf die Karossen, und drinnen ist Tauwetterpolitik. Die freundliche Sprecherin Kirsten Geß, die - jawohl! - "Leiterin Kommunikation" ist, führt in ein Besprechungszimmer mit großem Tisch und hellen Holzstühlen, auf denen drei Aldi- Manager aus eigener Herstellung sitzen, unter ihnen Jens Hahn, Geschäftsführer, einer aus der obersten Führungsriege. Keine Fotos, Frau Geß sagt noch: "Und keine Fragen zur Familie!" Es erzählen nun die Aldi-Manager vom Leben als Aldi- Manager. Sie sprechen angenehm unaufgeregt und vor allem: Deutsch, kein handelsübliches "cashflow", "win-win" und "benchmark"-Gerede.

Sie sagen stattdessen unentwegt Dinge wie: "Der Mensch ist der Mittelpunkt in unserem Unternehmen", "die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter liegt bei 95 Prozent, und das hat ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut ermittelt", "unsere Mitarbeiter arbeiten im Schnitt 16 Jahre für die Firma". Und gern und wiederholt: "Aldi ist nicht Revolution, sondern Evolution." Zuweilen klingen sie, als müssten sie sich für irgendwas entschuldigen.

Wenn's ungemütlich wird, bei Fragen nach Mitsprache und Betriebsräten etwa, singen sie im Chor, dass die Mitarbeiter selbstverständlich dürften, nur: warum denn bloß?

Geht doch allen gut. Kein Leidensdruck, kein Betriebsrat. Amen.

Ein Rundgang noch durchs Logistikzentrum, 43.000 Quadratmeter.

Eine Wand aus Mineralwasser gleich nach dem Eingang. Zwei Reihen mit rund 40 Paletten à 240 Flaschen, "gehen heute alle noch raus".

Ein Gabelstapler mit überlangen Gabeln surrt durch die Gänge. Er kann gleich sechs Paletten auf einmal transportieren, Spezialanfertigung.

Tschernobyl und die Konserven

Denn die Paletten haben das Düsseldorfer Format, das entspricht einer halben Europalette, sie passten besser in Aldis Konzept.

Das ist das Stichwort, Aldis Konzept:

Der modifizierte Gabelstapler und die Düsseldorfer Palette symbolisieren die Effizienz. Der Geist der Gründer weht auch im digitalen Zeitalter durch die riesigen Hallen, Temperatur: moderate 18 Grad.

Der Rundgang dauert exakt eine Stunde und führt vorbei an Cachet- Katzenfutter-Türmen, Kokett-Klopapier- Kaskaden und rechter Hand an Tukan-Schmutzfangmatten für 11,99 Euro. 200 Menschen arbeiten in Rheinberg, es ist eines von 31 Logistikzentren von Aldi Süd. Betrieb:

24 Stunden, sieben Tage in der Woche.

Gewiss beeindruckend, aber am Ende ist eine große Halle eben auch nur eine große Halle. Mittagessen hernach im Besprechungsraum, Kantine gibt's nicht. Delikatess Wiener, 400 Gramm 2,69 Euro, Premium Frikadellen, 500 Gramm 2,49 Euro, Kartoffelsalat, ein Kilo 1,69 Euro, Brezeln 0,29 Euro, Apfelschorle 0,22 Euro. Ein freundlicher Abschied im Schneegestöber vor schwarzen Audis, die Manager haben, blöder Zufall?!, alle ihre Visitenkarten vergessen.

Weiterfahrt von Rheinberg nach Goch zum hochoffiziellen Gespräch mit Franz Ising, Aldi-Filialleiter seit 40 Jahren. Glasnost, Teil zwei. Wieder ein Rundgang, diesmal in Reclam- Variante, 1010 Quadratmeter.

Ein freundlicher Mensch, der Herr Ising, 58 Jahre, graues Kurzhaar und Brille, gelebte Aldi-Geschichte. Er erzählt Anekdötchen im sogenannten Sozialraum, zwei Manager und die Pressefrau Geß sind selbstverständlich auch dabei. Wie die Leute während der Energiekrise 73 die Ölbestände leer kauften, um die Dieseltanks zu füllen. Oder der Run auf Konserven damals, April 86, nach Tschernobyl. Wie er Kunden schlafend vorm Geschäft fand, als in den Neunzigern die ersten Computer verkauft wurden. Er erzählt von den Vätern, die ihre Kinder auf Waschmaschinen setzten, um ihren Besitz zu markieren, so wie Touristen auf Mallorca mit Badelaken die Liegestühle klarmachen. Oder wie ihm ausgerechnet zu Silvester mal der Schampus ausging. Und, jetzt wird's spannend, wie er fünfmal persönlich das Vergnügen hatte mit dem alten Karl Albrecht, König der Süd-Filialen, "der plötzlich hinter mir stand und ..." Aus, stopp, Klappe. "Keine Fragen zur Familie!", sagt Frau Geß. Basta. Glasnost geht vorüber, der Schnee fällt stärker, sie verkaufen gerade Gartenmöbel, Hochlehner für 29,99 Euro und Stapelsessel zu 12,99. Zum Abschied stöhnt Franz Ising: "Kein Wetter für unsere Aktionstage." Man fragt sich: Wenn das schon alles war, warum die Geheimniskrämerei?

Zwei Aldi-Lkw's stehen in Mahlberg (Baden-Württemberg) vor dem Zentrallager

Zwei Aldi-Lkw's stehen in Mahlberg (Baden-Württemberg) vor dem Zentrallager

Härter und innovativer als die Konkurrenz

Wenn Aldi wie das deutsche Nordkorea ist, müssen sie die Atomsprengköpfe vor den Inspektoren verdammt gut versteckt haben.

Vielleicht ist es das Geheimnis, dass es gar keines mehr gibt. Aldi ist effizienter, konsequenter, stringenter, härter und oft innovativer als die Konkurrenz. Das ist alles.

Womöglich war man als Chronist gefangen und befangen durch ungezählte Anekdoten und Mythen aus einem Jahrhundert Albrecht- Lebensmittel. Gegründet von Karl senior am 10. April 1913, im Jahr drauf der Umzug in ein Geschäft in Essen-Schonnebeck. Die Kundschaft besteht aus Bergmannsfamilien.

Anna Albrecht steht hinterm Ladentresen und verkauft Butter in Pergamentpapier, Suppenwürfel, Salzheringe, man darf noch anschreiben.

Nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, Umzug in die Huestraße 89, heute noch eine kleine Aldi- Filiale, die Keimzelle vom Ganzen, eng, ein bisschen düster, gewohnt nüchtern. Duftnote Scheuermittel.

Um die Erfolgsgeschichte des Konzerns zu verstehen, muss man dorthin und weit zurück, 90 bis 100 Jahre zu den Anfängen. Karl und Theo kommen 1920 und 1922 zur Welt, zwischen den Kriegen. Sie sehen die Eltern schuften, beide werden eingezogen, Theo gerät gegen Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft, Karl wird an der Ostfront verwundet. Sie kehren in ein zerbombtes Essen zurück, und auf diesen Trümmern bauen die streng katholisch erzogenen Brüder mit ihrem Arbeitsethos ab 1946 ihre Kette auf.

Die Läden sind wie eine Allegorie auf die Nachkriegszeit: grau, schlicht und patriarchalisch geführt wie Adenauer-Deutschland. Für Schnörkel ist kein Platz und keine Zeit; im Pott sagen die Leute: "Keine Fisimatenten machen", und meinen damit:

"Komm zur Sache", Reduktion aufs Wesentliche. Genau so funktioniert Aldi, ein Spiegel der Menschen im Revier, irgendwann ein Spiegel der ganzen Republik. Das Prinzip Aldi erklärt sich auch aus seinen Anfängen.

Die Wege trennen sich

1948 gibt es vier Albrecht-Läden.

1954 sind es 77, 1955 schon 100. Die Deutschen schauen anerkennend auf die Kumpel im Westen, die auch ihren Wohlstand aus der Erde hauen.

Die Isetta kommt auf den Markt, die Bundesbürger singen "Volare".

Die Fresswelle rollt durchs Land, endlich Leben! Es herrscht Vollbeschäftigung.

Und Aldi wächst aus dem Kohlenpott heraus. 1960 herrschen Karl und Theo über 330 Läden, und im darauffolgenden Jahr teilen sie die Bundesrepublik brüderlich.

Der Aldi-Äquator verläuft grob entlang der Ruhr und der Konfessionsgrenze.

Karl kriegt den eher katholischen und etwas genussfreundlicheren Süden, Theo den protestantisch- kühlen Norden. Die Brüder sparen sogar beim Namen. Aus "Albrecht Discount" wird: Aldi.

Deutschland durchzieht nunmehr eine Grenze aus Beton, Stacheldraht und Minenfeld zwischen Ost und West und eine unsichtbare Demarkationslinie, erdacht und erschaffen von den Brüdern aus Essen.

Es ist kein Streit, der sie entzweit, strategisches Kalkül. Als sich ihre Wege trennen, beginnt die Aufgliederung in Regionalgesellschaften, die gerade mal so groß werden, dass sie die Grenze zur Bilanzpflicht nicht überschreiten.

Unter dem öffentlichen Radar kooperieren die beiden Firmengruppen eng bis hin zu den Preisabsprachen, im Gleichschritt geben sie den Takt vor. Aldi geht mit einem Preisabstand von 20 bis 30 Prozent zu den Wettbewerbern in den Markt, vor allem bei Konserven. Senken die Brüder die Preise, muss die Konkurrenz nachziehen. Die anderen werben mit Rabattmarken, Aldi preist den Rabatt gleich ein. Zeitweilig verkaufen sie Butter zum Selbstkostenpreis, manchmal sogar darunter.

Sie leisten sich keine Verkäuferinnen, sondern Kassiererinnen, die auch die Regale füllen, minimieren die Lohnkosten und perfektionieren damit den Selbstbedienungsladen.

Der Umsatz pro Kopf, hat das Europäische Handelsinstitut (EHI) errechnet, ist auch heute dreimal so hoch wie in einem gewöhnlichen Supermarkt. Die Umsatzrendite liegt bei unglaublichen 5 Prozent (Süd) respektive 3,5 Prozent (Nord).

Rivale Rewe zum Vergleich kommt gerade mal auf 1,7 Prozent, und viele Tante-Emma-Läden kapitulieren gleich. Das elterliche Geschäft wäre unter der Knute der Söhne vermutlich pleitegegangen.

Man muss Aldi nicht mögen. Man kann, im Gegenteil, Aldi eine ganze Menge vorwerfen. Die Kritik, oft gehört und trotzdem wahr: Mit knochenbrecherischen Verhandlungen treibt der Konzern seine Zulieferer in totale Abhängigkeit. Wer sich diesem darwinistischen Diktat widersetzt, wird ausgelistet, wie es im Handel heißt.

Die systematische Preisdrückerei bei Discountlebensmitteln führt zu einer Spirale der Ausbeutung erst der Erzeuger, dann der Erzeugnisse, also der Tiere, und schließlich der Böden. Tiere werden qualvoll gehalten, Böden verkommen zu puren Pflanzenhaltern. Systematische Preisdrückerei bei Lebensmitteln führt außerdem zu Ladensterben, Arbeitsplatzverlust, Gebäudeverfall und Verödung der Innenstädte. Und Aldi marschierte auch da vorneweg.

Zog aus den Zentren an die Peripherie, setzte immer gleiche Klötze an die Ausfallstraßen, die Kunden mussten Auto fahren. Die Konkurrenz folgte dem Original wie Putzerfische dem Wal, und auf diese Weise entstanden flächendeckend scheußliche Discounterwüsten.

Auch die Einkauftüten folgten der imaginären Aldi-Grenze in Süd und Nord

Auch die Einkauftüten folgten der imaginären Aldi-Grenze in Süd und Nord

Fleisch billig wie Katzenfutter

Ulrich Burchardt, Autor des Buchs "Ausgegeizt!", schimpft den Discount "eine Wertvernichtungsstrategie" und sagt: "Die große Masse konsumiert zunehmend gedankenlos. Wir wertschätzen unsere Lebensmittel nicht richtig. Es stiftet keinen Nutzen, Nahrung noch billiger zu machen.

Kaufkraftbereinigt zahlen wir Deutschen ohnehin sehr wenig." Die Zahlen bestätigen das. 1960 mussten deutsche Haushalte noch 38 Prozent ihres Haushaltsbudgets für Nahrungs- und Genussmittel ausgeben, 1980 waren es 24 Prozent, heute nur 19 Prozent. Ausgerechnet in Deutschland, dem Epizentrum des Gebratenen, Geschmorten und Gegrillten, verkam Fleisch zum Billigprodukt niederster Güte. Diesen dramatischen Verfall haben Aldi, Lidl und Konsorten vorangetrieben und wir, die Kunden, unterstützt.

Die 60er Jahre fliegen vorbei, die Bundesrepublik ein Wirtschaftswunderland.

Der VW Käfer läuft und läuft und läuft. Kennedy ist ein Berliner.

Die Studenten hauen dem Springer auf die Finger. Oswald Kolle klärt die Teutonen auf, Willy Brandt wird Kanzler, die Frauen tragen Mini. Und Aldi Nord wie Süd bleiben sich treu. Sie wechseln vorerst zumindest nicht in den Mainstream. Verkaufen Konserven, Bohnen, Zucker, Mehl, Kaffee, die Grundnahrungsmittel. Kann sein, dass Bauknecht weiß, was Frauen wünschen. Die Albrecht-Brüder aber auch. "Aldi hat seine Kunden erzogen", sagt Matthias Queck, Analyst beim Handelsforschungsunternehmen Planet Retail. "Der Kunde lernte, sich an das Selbstbedienungskonzept zu gewöhnen." Er gewöhnt sich an Großpackungen und spartanischen Service. Er gewöhnt sich an Paletten, Pappkartons und neonbeleuchtete Läden mit dem Charme einer Krankenhaus-Pathologie.

Aldi ist keine Gaudi. Aldi ist Mittel zum Zweck. Rein, raus, fertig.

"Der Aldi-Kunde", sagt Queck, "war in gewisser Weise auch immer selbstbewusst. Er brauchte keine Marken, um sein Ego aufzubessern." Der Aldi-Käufer ist damals Avantgarde, er weiß es nur noch nicht. Die Albrechts sind es in jedem Fall, und sie wissen es auch. Sie revolutionieren den Einzelhandel. Für Plastiktüten müssen Aldi-Kunden zahlen. Im Norden sind das aber nicht irgendwelche Tüten - das blaue A auf weißem Grund hat der berühmte zeitgenössische Künstler Günter Fruhtrunk entworfen und sich später vor Studenten für seinen "Sündenfall" entschuldigt. Die Albrechts führen Teilzeitarbeit ein, und der Gewerkschafter Dieter Steinborn nennt die Frauen geringschätzig "Callgirls des deutschen Einzelhandels, die immer dann kommen müssen, wenn bei Aldi Stoßzeit ist ..." Heute sagen die Gewerkschaften selten noch etwas Negatives über Aldi. Was womöglich daran liegt, dass der Konzern unter all den anderen Billigheimern fast wie ein Leuchtturm der Menschenwürde wirkt. Von Verdi ist zu hören: "Die zahlen immer über Tarif. Wenn nur mal alle Discounter so wären." Karl und Theo ficht seinerzeit die Kritik nicht an. Die beiden optimieren, rechnen, sparen und erfinden.

Das Multipack etwa - in einem Karton sind nun drei bis vier verschiedene Sorten. Sie entwickeln "aldinative" Artikel, wie es heißt, die Eigenmarken also, und treffen den Massengeschmack. Und sie bringen schließlich die vier Meter langen Vorlaufbänder in ihre Märkte. Der Kunde kann fortan sein gesamtes Sortiment aufs Band legen und wird Zeuge eines Spektakels. Die Aldi- Kassiererinnen in den blauen Kitteln steigen mit ihren rasenden Fingern zur Legende auf. Sie sind schnell, zuverlässig, unbestechlich.

Das mögen die Deutschen. Erika Georg, heute 85, war so eine Legende.

Sie fing 1972 bei Aldi im südwestfälischen Siegen an, lebt inzwischen in Mainz um die Ecke von Tochter Christel Reusch, am Tisch sitzt auch Enkel Manuel, drei Generationen überzeugte Aldianer, drei Generationen Deutschland. Die Oma, weißes Haar und Lachfalten, erzählt mit dem rollenden R ihrer Heimat, wie das damals war im ersten Aldi der Stadt. Wie sie die Preise der Produkte auswendig lernen musste, mehr als 400. Saß dann an der Kasse und hämmerte mit aberwitziger Geschwindigkeit den Code in die Tasten, und die Kunden kamen mit dem Einpacken kaum nach. Das EHI hat einmal gemessen, dass es im Aldi bei Barzahlung gerade mal 15 Sekunden von der Nennung des Betrags bis zur Ausgabe des Kassenbons mit dem Wechselgeld dauert.

Das ist so was wie Weltrekord.

Der Geschmack der Kindheit

Wenn kein Kunde an der Kasse wartete, stapelte Erika Georg die Waren oder putzte. Stillstand war nie. Sie verdiente 1200 Mark im Monat, mehr als ihr Mann. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Umsatzprämie.

Aldi zahlte und zahlt stets besser als die Konkurrenz.

Nichts Schlechtes kann Oma Erika berichten. Klar, die Inventur nervte und die vielen Kontrollen, "Können Sie mal Ihre Tasche aufmachen?".

Die Albrechts sind Kontrollfreaks und immens knickerig. Theo wurde 1971 entführt und wollte die Kidnapper sogar noch beim Lösegeld drücken. Er musste dann doch sieben Millionen Mark blechen und wollte die nach seiner Freilassung dreist von der Steuer absetzen.

Die Brüder hat die Oma live nie erlebt, lediglich die Geschichten gehört von ihrem Geiz: abgezählte Kugelschreiber, Licht aus, wenn möglich, Papier beidseitig beschreiben, so was.

Sie selbst gehört zu jener Generation, die den Pfennig ehrt, und kann an den Marotten nichts Lächerliches finden. Im Gegenteil. Sie hatte in ihren Aldi-Jahren nur einmal eine Differenz von drei Pfennig in der Kasse. Der Bezirksleiter aber wurde gefeuert, "er hatte ein Päckchen Zwieback geklaut".

Erika Georg nippt am Kaffee, natürlich Aldi, "immer noch der beste".

Ihre Tochter Christel, 57, medizinische Fußpflege, und Enkel Manuel, 34, Fernsehjournalist beim SWR, haben ihre Vorliebe für den weltgrößten Discounter geerbt. In der Küche steht der Wocheneinkauf in Aldi- Süd-Tüten, Kaffee, Mehl, Zucker, Mineralwasser, Kekse. 90 bis 100 Euro.

Man kann die deutsche und die Aldi-Geschichte durchaus an dieser Familie aus Mainz entlang deklinieren.

Die Oma geprägt vom Krieg, ihre Tochter aus der "Euch soll es mal besser gehen"-Ära, Enkel Manuel schließlich Generation Bio und Vegetarier. Sie erlebten, wie sich Aldi sukzessive wandelte und schließlich hineinwuchs in die gesellschaftliche Mitte.

Unterhalten sich heute Babyboomer über die Produkte ihrer Jugend, wird's zuweilen sentimental - "Weißt du noch?" Heimliche Besäufnisse auf dem Schulhof mit Dr. Demuths Brombeerwein oder Hansa-Pils aus der Dose. Man trank das Zeug in Freistunden oder nachmittags im Park, hörte dazu die Bots, fand den jungen Joschka Fischer geil, Kohl peinlich und Reagan richtig scheiße. Es gab River-Cola, die verdächtig nach DDR schmeckte, und Orangen-Squash, eine Art Sirup, den man im Verhältnis 1 : 7 verdünnte - Tri Top für Arme.

Der Geschmack der Kindheit Pichelsteiner Eintopf und der "Feuerzauber Texas" auf Interrail-Trips.

Das Waschmittel Tandil. Ombra- Sonnencreme am Atlantikstrand, die roch wie Delial. Pizza später, als Aldi auch Tiefkühlkost anzubieten begann. Und Wein, weiß oder rot, aus Tetrapacks. Ein Wagen voll Aldi kostete selten mehr als 50 Mark. So wurde man groß und stieß aufs Examen mit Aldi-Schampus an: Veuve Durand (Aldi Nord), Selection Brut.

Sah aus wie Veuve, schmeckte wie Veuve, war bestimmt Veuve. Schampus für alle!

Plötzlich gilt Aldi nicht mehr als peinlich, sondern als: populär.

Es spricht sich herum, dass der Discounter Produkte verkauft, die genauso gut sind wie Markenartikel, nur billiger. Und es spricht sich herum, dass die Waren sogar von Markenartiklern produziert werden, nur unter anderem Namen. Danach gibt's kein Halten mehr.

Aldi Mitbegründer Karl Albrecht starb, wie erst heute bekannt wurde, am vergangenen Mittwoch in Essen im Kreis seiner Familie

Aldi Mitbegründer Karl Albrecht starb, wie erst heute bekannt wurde, am vergangenen Mittwoch in Essen im Kreis seiner Familie

Tragisch-paradoxe Aldi-Ära

Bücher erscheinen, Dutzende, das bekannteste, "Aldidente", 1996.

Da war die Mauer gefallen, und die ostdeutschen Brüder und Schwestern fluteten die Filialen und hatten ein kollektives Déjà-vu:

Die Läden erinnern in ihrer gnadenlosen Kargheit an die schäbigen HO-Läden Ost, nur eben randvoll mit Waren West und längst nicht mehr nur mit Lebensmitteln.

Jacken, Radios, Gartenmöbel, Fernseher, Vertikutierer. In den Neunzigern machen Non-Food-Artikel beim Umsatz schon einen Anteil von 20 Prozent aus.

Zum Urknall dieses Phänomens gerät Mitte der Neunziger der Verkauf des "586 PC mit Cyrix- Prozessor" der Marke Medion. Die Menschen kampieren vor den Läden, und in Rielasingen am Bodensee verliert ein Mann die Nerven und bedroht einen glücklichen PC-Käufer mit einem Schreckschussrevolver.

Die Polizei rückt mit Maschinenpistolen an.

Aldi ist jetzt, schlimmes Wort:

Kult. Matze Knop singt "ALDI" zur Melodie von "YMCA" und schafft es in die Charts. Nebenbei verwirklicht Aldi das Ideal einer klassenlosen Einkaufsgemeinschaft. Prekariat trifft Pelzmantel. Ärzte-Ehepaare verkosten noch auf dem Parkplatz hinter abgedunkelten Scheiben ihrer S-Klasse die Cuvée von Franz Keller oder den Montepulciano aus Italien, schleppen das Zeug dann kistenweise aus dem Laden und kredenzen es abends zur Party in Grünwald.

Muslime treffen Christen, Griechen treffen Türken, Schalker treffen Dortmund-Fans - und vor der Kasse sind alle gleich. Das ist Konsumdemokratie, wenn auch nur für die Dauer eines Einkaufs.

Und Aldi ist im rauschhaft schnellen digitalen Zeitalter eine Art Rückbesinnung, ein Refugium des Analogen. Umtost vom Netz, in dem alles immer und jederzeit zu haben ist. Das versetzt die Menschen "in einen hilflosen Dauerzustand des Waren- und Preisflimmerns", wie der Kölner Psychologe Stephan Grünewald sagt, der beim Rheingold-Institut Verbraucher auf die Couch legt. Aldi erfülle da die Sehnsucht, "das Einkaufen zu vereinfachen und wieder Herr der Lage zu werden". Er geht noch weiter:

"Aldi hat das Einkaufen in Deutschland geprägt, weil es nicht nur ökonomische, sondern auch seelische Kosten gespart hat. Aldi entbindet von der deutschen Pflicht zum Preisvergleich, weil die Kunden davon ausgehen, dass alle Produkte bereits reduziert sind." Inzwischen zehrt das Unternehmen vom eigenen Mythos. Die Preise?

Nicht günstiger als bei den anderen.

Die Qualität? Gut, aber auch nicht besser. Bei der letzten Güte- Erhebung von Stiftung Warentest im Jahre 2011 zog Lidl an Aldi vorbei.

Die Aldi-Ära hat für viele Bundesbürger sogar was Tragisch-Paradoxes, wie Matthias Queck, der Analyst von Planet Retail, erklärt: "Durch diese starre und unbeirrbare Effizienz können viele Grundnahrungsmittel so günstig angeboten werden wie eh und je. Viele Lebensmittel sind seit Jahrzehnten kaum im Preis angestiegen. Das führt dazu, dass auch die Gehälter und Hartz-IV-Sätze kaum gestiegen sind. So gesehen ist das Ganze ein Nullsummenspiel." Und ein Nullsummenspiel hatten die Albrecht- Brüder gewiss nicht im Sinn.

Theo, Aldi Nord, starb vor drei Jahren, Bruder Karl hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und lebt in Essen, vor Neugier geschützt durch einen Industriezaun. (Am vergangenen Mittwoch, 16. Juli, ist Karl Albrecht gestorben. Er wurde am heutigen Montag, 21. Juli in Essen beigesetzt - Anm. d. Redaktion.)

Es ist nichts geplant zum Jubiläum, keine goldenen Lettern in Schaufenstern, keine Werbung, keine Sonderaktionen. Im Grunde wird alles wie immer sein im Aldi-Land.

Sie sparen sich sogar die Feier.

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