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Zustelldienste: Grün gegen Gelb

Das höchst einträgliche Monopol der Deutschen Post fällt. Schon jetzt tragen neue Anbieter wie die Firma Pin Briefe aus. Schön für die Kunden: Das Porto wird günstiger, der Service besser.

Von Joachim Reuter

Vor einem Wohnblock in der Martin-Luther-Straße mitten in Hamburg erlebt Giuseppe Corradino Tag für Tag die Grenze des Möglichen. Durch die verglaste Eingangstür kann er zwar die Batterie von Briefkästen drinnen im Hausflur bestens sehen. Nur hinein kommt er nicht. Für Corradino ist das ziemlich blöd, denn er ist Briefträger, angestellt beim noch jungen Post-Konkurrenten Pin. Sein Zustellgebiet: Hamburg-Altstadt und St. Pauli. Bei drei Parteien hat der gebürtige Italiener inzwischen geklingelt - nichts. "Das kostet Zeit", ärgert sich Corradino. "Ich muss ja noch 700 Briefe einwerfen."

So klingelt er weiter, bis doch jemand öffnet - oder ihm kommt der Zufall zu Hilfe. Heute in Gestalt von Ilona Rafai. "Na, kommen Sie wieder mal nicht hinein?", lacht die Briefträgerin von der Deutschen Post AG. Sie hat damit kein Problem, denn die meisten Hausverwaltungen geben der Post bereitwillig die Hausschlüssel, während es für die Pin-Boten heißt: Wir müssen leider draußen bleiben. "Warten Sie", sagt Rafai fröhlich zu Corradino, "ich schließe auf und nehme Ihre Briefe mit. Dann können Sie gleich weiterfahren."

An der Briefträger-Basis herrscht noch friedliche Koexistenz. Auf Unternehmensebene könnte das schon bald ganz anders sein. Denn das für den einstigen Staatskonzern Post noch heute höchst einträgliche Monopol bei den Briefzustellungen fällt weg. Von Januar 2008 an dürfen auch andere Firmen ohne jede Einschränkung Post befördern, so wie jetzt bereits bei den Paketen Unternehmen wie UPS oder FedEx. Experten rechnen mit einem harten Kampf um den Milliardenmarkt. Gewinner werden die Kunden sein: Das Porto für Briefe wird voraussichtlich sinken.

Das Unternehmen Pin ist einer der Vorboten dieser neuen Zeit. Statt gelb kommen Corradino und seine Kollegen grasgrün daher. Die Fahrräder allerdings sind blau gestrichen; Pin verwendet das gleiche Modell wie die Post, mit Spezialträgern für 60 Kilogramm Ladegewicht.

Dass Pin dasselbe macht wie die Post, nur in Grün, stößt bei Kunden oft noch auf Skepsis. "Wer sind Sie denn?", fragen sie dann Corradino, wenn er die Post persönlich abgibt, und blicken auf sein grünes Outfit. "Dürfen Sie überhaupt Briefe an mich austragen?" Dann sagt Corradino immer, dass alles seine Ordnung habe. Für eine ausführlichere Begründung hat er leider keine Zeit, wenn er sein Tagespensum bis zum frühen Nachmittag schaffen will. Er muss schließlich, wenn auch mit weniger Briefen, allein ein Gebiet beliefern, für das bei der gelben Post drei Briefträger zuständig sind.

Würde der Pin-Zusteller sich die Zeit nehmen, müsste er erklären, dass das staatlich geschützte Briefmonopol der Deutschen Post schon vor der Liberalisierung im übernächsten Jahr löchrig geworden ist. Das Feld, auf dem die private Konkurrenz dem gelben Riesen besonders zusetzt, sind Briefe, die nicht mehr als 50 Gramm auf die Waage bringen. Hier dürfen Unternehmen der Post schon jetzt Konkurrenz machen, sofern sie einen Mehrwert anbieten. Entweder holen sie die Briefe beim Kunden ab, oder sie stellen sie am selben Tag zu, oder sie bieten den Absendern die Möglichkeit, ihre Briefsendungen nachzuverfolgen.

Vor allem zwei Unternehmen wildern schon heute im Revier des gelben Platzhirsches. Zum einen die grüne Pin AG, die großen Zeitungsverlagen (unter anderem Springer, Holtzbrinck, WAZ) und dem Pin-Chef Günter Thiel gehört. Zum anderen die orangefarbene TNT Post, ein Gemeinschaftsunternehmen der niederländischen TPG Post und der Otto-Tochter Hermes.

TNT konzentriert sich auf Geschäftskunden und die regionale Briefzustellung in den Ballungsräumen, wo 80 Prozent des Briefverkehrs ablaufen. Privatpersonen spielen als Absender noch keine Rolle. "Wenn das Monopol fällt, werden wir wahrscheinlich unseren Service auch für die Verbraucher anbieten", sagt TNT-Deutschland-Chef Ronald Jager.

Da ist Pin ambitionierter.

Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg liefert zwar heute überwiegend auch Geschäftspost aus - Absender sind meist Behörden und Telefonfirmen. Doch schon jetzt bietet Pin privaten Briefschreibern die Möglichkeit, ihren Postverkehr in den Großräumen Hamburg, Hannover, Berlin, Thüringen, Leipzig, Köln, Düsseldorf, Essen und Frankfurt/Main mit den "grünen Männchen" abzuwickeln. "Ende des Jahres haben wir ein flächendeckendes Netz für unsere Kunden geknüpft", sagt Pin-Vorstandschef Thiel. "Wir knabbern stetig und konsequent am großen Kuchen der gelben Post." 200 Millionen Sendungen hat Pin vergangenes Jahr ausgeliefert. In diesem Jahr sollen es doppelt so viele sein.

Pin und TNT sind die Dickschiffe in einer ganzen Flotte neuer privater Briefzusteller. Fast 2000 Unternehmen haben bei der zuständigen Bundesnetzagentur eine Lizenz erworben - darunter überregionale private Zustelldienste, lokale Bus- und Taxiunternehmen und sogar Pizzadienste. Die sind besonders interessant für Newcomer wie Pin oder TNT: Durch Kooperationen und Übernahmen können sie ein immer dichteres Zustellnetz spinnen. Die Partnerunternehmen sammeln etwa Geschäfts- und Behördenpost oder auch Werbesendungen bei den Absendern ein. Die Sendungen bringen sie in die örtlichen Verteilzentren von Pin oder TNT, wo sie sortiert, frankiert und anschließend ausgetragen werden.

Dass sich die private Konkurrenz schon vor dem Fall des Briefmonopols mit so viel Aufwand in Stellung bringt, hat seinen Grund: Das Geschäft mit den Briefen ist ein gigantischer Markt, auf dem im vergangenen Jahr in Deutschland 10,2 Milliarden Euro umgesetzt wurden. Den Löwenanteil von 93 Prozent bestreitet noch die Deutsche Post. Sie verdient daran prächtig: im Jahr 2005 rund zwei Milliarden Euro - das sind fast zwei Drittel des gesamten Konzerngewinns. Von diesem fetten Kuchen will sich Pin ein ordentliches Stück abschneiden. Das Ziel lautet eine Milliarde Euro Umsatz bis 2010.

Pins Vorzeigemarkt ist Berlin: In der Hauptstadt ist das Unternehmen schon seit 1998 aktiv, die Infrastruktur entsprechend weit entwickelt. Rund 800 Zusteller, die in einer zweiwöchigen Schulung zum grünen Boten ausgebildet wurden, verteilen von Dienstag bis Samstag täglich per Fahrrad oder Moped etwa 600000 Sendungen. Der Mammutanteil wird am Tag zuvor direkt bei den Geschäftskunden abgeholt: Behördenpost von Finanzämtern und Amtsgerichten, Briefe von der DAK, Rechnungen der Stadtwerke und der Mobilfunkbranche.

Und es sind bereits rund 40 000 private Briefe dabei. Die werfen die Kunden in einen der 330 Pin-Postkästen ein, die an Kiosken hängen, oder geben sie in einem der acht Pin-Läden ab. Der Wechsel zum neuen Post-Wettbewerber lohnt sich - und das, obwohl die Post von der 16-prozentigen Mehrwertsteuer befreit ist, die neue Konkurrenz aber nicht. Für einen 1000-Gramm-Maxibrief zahlt der Pin-Kunde 1,53 Euro, die Deutsche Post verlangt dafür 2,20 Euro. Der Standardbrief kostet bei Pin 41 Cent, bei der Post dagegen 55 Cent.

Inzwischen sind die Pin-Marken mit Motiven der Berliner S-Bahn, den Comicfiguren Abrafaxe aus der DDR-Zeit oder dem Konterfei von Katja Ebstein sogar in Sammlerkreisen begehrt. "Der Absender spart gut 30 Prozent", sagt Axel Stirl, Pin-AG-Chef in Berlin. "Und das bei besserer Leistung."

Um den geforderten Mehrwert bieten zu können, erhält jeder Umschlag in den Verteilzentren einen Strichcode, sodass der Kunde mit einem Anruf bei einer kostenfreien Servicenummer jederzeit nachvollziehen kann, wo sein Brief gerade steckt. Und wenn der Empfänger auf einer Hallig in der Nordsee sitzt? Dann wird getrickst: Pin wirft solche Post einfach bei der Post ein - und zahlt die Portodifferenz aus eigener Tasche. Die gelbe Post kann sich dagegen nicht wehren. Der Marktbeherrscher, so verlangt es das Gesetz, muss überallhin liefern, auf die kleinste Hallig ebenso wie auf die einsamste Almhütte.

Der preiswerte Pin-Briefverkehr, über den sich vor allem Ämter und Unternehmen freuen, hat allerdings eine Kehrseite: Die grünen Zusteller verdienen deutlich weniger als die gelben Postboten. Während der Bonner Konzern 1765 Euro Tariflohn im Monat bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden zahlt, kommen die Pinler in Berlin mit ihrer 40-Stunden-Woche nur auf 1250 Euro. "Die Gehälter liegen an der Armutsgrenze", schimpft Benedikt Frank von der Gewerkschaft Verdi in Berlin. "Das ist doch nur das Grundgehalt", wehrt sich Axel Stirl. "Für gute Zustellarbeit kommt noch eine monatliche Prämie von bis zu 400 Euro hinzu." Die zahlt Pin allerdings freiwillig und kann sie jederzeit wieder streichen. Eine Spitze gegen den Monopolisten muss Stirl noch loswerden: "Während die Post im Briefdienst bereits 20000 Arbeitsplätze abgebaut hat, haben die privaten Dienstleister seit 1998 mehr als 30000 Stellen neu geschaffen."

Der mächtige Konkurrent

in Bonn beobachtet derweil vom hohen Post-Tower aus das neue bunte Treiben mit Argusaugen. Die ehemalige Staatspost ärgert vor allem, dass immer mehr Behörden Gefallen am grünen Briefdienst finden. "Der öffentliche Sektor ist extrem preissensibel", sagt Jürgen Gerdes, Vorsitzender des Bereichsvorstands Brief bei der Deutschen Post. "Wir werden beim Porto aber nicht an der Preisschraube drehen, sondern unseren Service für Privat- und Firmenkunden steigern. Da gibt es noch Chancen, uns zu verbessern." Immerhin hat die Post bereits ein Reklamationsmanagement eingerichtet.

Und auch Gerdes hat noch eine kleine, gemeine Grußbotschaft für die Konkurrenz parat: "Wir analysieren derzeit das Verlagsgeschäft. Genauso wie die Verlage mit uns im Wettbewerb bei der Briefbeförderung stehen, halten wir uns verschiedene Optionen offen. Beispielsweise eine Gratiszeitung."

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