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Lobby: Die Bluffs der Funktionäre

Im Kampf um ihre Pfründe nehmen es manche Mediziner mit der Wahrheit nicht so genau. Wir zeigen acht Beispiele aus ihrer Trickkiste.

KASSENHONORARE

Behauptung

»Seit Jahren sinken die Einkommen der niedergelassenen Ärzte«, sagt Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Ein Drittel der Praxen stehe vor der Pleite. Die »Ärzte-Zeitung« barmt gar: »Das Honorar hat oft den Charakter eines Almosens.«

Tatsache

Die Krankenkassen überwiesen im vergangenen Jahr 22 Milliarden Euro auf die Konten der bundesweit 23 Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), 410 Millionen Euro mehr als im Jahr 2000. In den vergangenen zehn Jahren ist der Honorartopf der Ärzte um 43 Prozent gewachsen. Die Zahl der Kassenärzte nahm in derselben Zeit um 27 Prozent zu, so dass für jeden ein kleines Plus blieb. Ein Kostenvergleich des ZI-Instituts der Ärzte für das Jahr 1998 ergab: Jeder der 25.000 westdeutschen Allgemeinärzte erzielte im Durchschnitt einen Jahresumsatz vom 190.000 Euro. Nach Abzug der Betriebskosten blieb dem Durchschnittsarzt ein Bruttoeinkommen von 83.000 Euro übrig. Der Gewinn von Fachärzten liegt noch höher.

PRIVATHONORARE

Behauptung

Die Gebührenordnung für Privatpatienten stamme von 1977 und sei zuletzt 1982 geändert worden, klagt Professor Klaus Rehm, Direktor der Unfallchirurgie an der Uni-Klinik Köln. Im Klartext: Ärzte behandelten Privatpatienten für das gleiche Honorar wie vor 25 Jahren.

Tatsache

Die Gebührenordnung wurde 1988 und 1996 zugunsten der Ärzte geändert, wenn auch geringfügig. Die Ausgaben für ambulante Arztbehandlungen haben sich seit 1983 je Privatversicherten um 162 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Für Kassenmitglieder stiegen die Ausgaben nur um 80 Prozent.

ARBEITSZEIT

Behauptung

Die durchschnittliche Arbeitszeit, so klagt KBV-Chef Richter-Reichhelm, liege bei 47 bis 65 Stunden die Woche.

Tatsache

Krankenversicherte stehen immer häufiger vor verschlossenen Praxistüren. Der Vorsitzende der KV Nordrhein, Leonhard Hansen, gibt intern zu: »In den Kreisstellen der KV werden unsere Mitarbeiterinnen zunehmend mit dem Phänomen konfrontiert, dass Patienten in absehbarer Zeit keine Termine bekommen, mitten am Tag der Anrufbeantworter läuft oder der gewünschte Doktor ohne jeden Hinweis einfach nicht da ist.«

ARZENEIMITTELBUDGETS

Behauptung

Ärzte erzählen immer wieder, dass ihr Budget für Arzneimittel aufgebraucht sei, etwa für teure Aids- oder Multiple-Sklerose-Medikamente. Jetzt sei kein Geld mehr da. Wenn sie ihre »Richtgröße« überschritten, müssten sie dafür aus der eigenen Tasche zahlen.

Tatsache

Teure Patienten mit Aids oder Multipler Sklerose sind »Praxisbesonderheiten« und gehen nicht zulasten der Arzneiausgaben für die übrigen Kranken. Außerdem hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die strikte Budgetierung für Medikamente aufgehoben. Die in den Jahren zuvor aufgelaufenen Kollektivregresse wurden nie durchgesetzt.

ÄRZTEMANGEL

Behauptung

Wegen niedriger Honorare und hoher Belastung wolle bald niemand mehr Medizin studieren. In einem »Brandbrief« warnte Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, das Gesundheitsministerium stehe vor einem »drohenden Versorgungsnotstand«.

Tatsache

Der Ansturm der Abiturienten auf das Fach Humanmedizin ist nach wie vor groß. Bei der Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen meldeten sich zuletzt rund dreimal mehr Bewerber, als es Plätze gibt. Mit 23.651 Bewerbern im Wintersemester 2002/2003 war dies die höchste Zahl seit 17 Jahren. Allerdings wollen inzwischen nur noch 60 Prozent der fertig ausgebildeten Mediziner als Ärzte arbeiten, und diese verteilen sich sehr ungleich auf die verschiedenen Regionen und Einsatzgebiete. Krankenhäuser haben es oft schwer, Nachwuchs zu rekrutieren, und in manchen ostdeutschen Landstrichen herrscht genereller Ärztemangel. Andererseits sind viele Regionen für viele Fachgebiete längst wegen zu hoher Arztdichte gesperrt.

KRANKENHAUS

Behauptung

Angestellte Ärzte müssten in Krankenhäusern für »katastrophale Vergütungen« arbeiten, sagt etwa der Starnberger Mediziner Knut H. Sponer. Auch die Bereitschaftsdienste außerhalb der offiziellen Arbeitszeit würden nicht ordentlich bezahlt.

Tatsache

Die zeitliche Belastung für Klinikärzte ist groß. Überstunden werden meist nicht vergütet. Lässt man die tatsächliche Stundenzahl außer Acht, sind die Gehälter allerdings nicht niedriger als die anderer Akademiker. Nach Abschluss des Studiums und einer Arzt-im-Praktikum-Zeit von anderthalb Jahren verdient ein lediger 28-jähriger Krankenhausarzt während seiner Weiterbildungszeit 3.150 Euro im Monat. Ein verheirateter 35-jähriger Facharzt bekommt 4.200 Euro. Für sechs Bereitschaftsdienste können noch rund 1.500 Euro hinzukommen.

ABRECHNUNGSBETRUG

Behauptung

Falsch abrechnende Ärzte schädigten lediglich ihre Kollegen. Schließlich würden die Krankenkassen nur die festgelegte Honorarsumme an die Kassenärztlichen Vereinigungen überweisen, argumentieren die Funktionäre. Im Übrigen seien es immer nur Einzelfälle.

Tatsache

Der Innungskrankenkassen-Vorstand Gernot Kiefer, Chef einer Untersuchungskommission, schätzt, dass bis zu 20 Prozent aller Arztrechnungen fehlerhaft sind - und sei es nur aus Unwissenheit. Laut Kriminalstatistik gab es im Jahr 2000 immerhin mehr als 17.000 betrugsverdächtige Fälle. Zuletzt sollen in Hessen 574 Ärzte Privatpatienten mit überhöhten Rechnungen abgezockt haben. Auch die Behauptung, dass Kassenpatienten von betrügerischer Mehrabrechnung nicht betroffen seien, ist falsch: Denn dann steht für die übrigen Leistungen weniger Geld zur Verfügung.

SELBSTVERSTÄNDNIS

Behauptung

Laut offizieller Selbstdarstellung versteht sich die Bundesärztekammer »auch als Anwalt der Patienteninteressen«.

Tatsache

Funktionäre wie der Vorsitzende des Hartmannbundes Hans-Jürgen Thomas prangern immer wieder die »Vollkasko-Mentalität« der Krankenversicherten an. Dahinter steht die Idee, dass die Kassenbeiträge nur für eine Grundversorgung reichen und die Patienten die Ärzte für zusätzliche Leistungen zusätzlich direkt honorieren sollen. Mit der so genannten Igel-Liste versuchen es die Mediziner bereits. Aber sogar bei notwendigen Impfungen verweigern manche Ärzte die Annahme der Chipkarte. So forderten gerade erst Berliner Ärzte von Patienten Bargeld für Impfungen, weil Verträge mit einzelnen Krankenkassen fehlten.

Kurt Kieselbach / print