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Russlands Drohgebärden Wie reagieren, wenn Putin zu Atomwaffen greift? Die USA spielen den Ernstfall durch

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin
© Gavriil Grigorov/Pool Sputnik Kremlin/AP / DPA
Wladimir Putin droht wiederholt mit dem Einsatz von Atomwaffen. Ein Bluff? Die USA bereiten sich auf den Fall der Fälle vor. Dabei ist fraglich, welchen Nutzen ein Nuklearschlag für Russland überhaupt hätte.

"Das ist kein Bluff", sagt Wladimir Putin. Das sagte er schon 2018, als er der Welt eine Reihe neuer Nuklearwaffen präsentierte, weil die USA und Nato angeblich immer näher an die russische Grenze rückten. Und er sagte es 2022, vor wenigen Tagen, als er die völkerrechtswidrige Annexion weiterer ukrainischer Gebiete ankündigte. "Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht ist", ließ Russlands Präsident wissen, "werden wir natürlich alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Russland und unser Volk zu verteidigen." Putin: "Das ist kein Bluff."

Aber was folgt daraus, wenn es dieses Mal tatsächlich kein Bluff ist? 

Putin steht unter Druck, er hat sich verzockt. Das ukrainische Militär erobert immer mehr Gebiete zurück. Die "Teilmobilmachung" von Hunderttausenden Reservisten, mit der er die offenbar hohen Verluste im Krieg kompensieren will, läuft chaotisch ab. Und auch im Moskauer Machtapparat deuten sich Risse an. Die illegale Einverleibung vier ukrainischer Gebiete, die zum Teil noch umkämpft sind, dürften eine Konsequenz aus der Reihe an Rückschlägen sein: Sie sollen ihm nach russischer Rechtslage die nukleare Option eröffnen, also die größtmögliche Eskalation des Krieges (mehr dazu lesen Sie hier). 

Angesichts der unheilvollen Gemengelage stellt sich die Frage, wie der Westen auf einen russischen Einsatz von Nuklearwaffen reagieren könnte. Ausbuchstabiert ist das bisher nicht. Die US-Reaktion wäre "folgenreich", sagte Präsident Joe Biden, ohne ins Detail gehen zu wollen. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz warnte vor härtesten Konsequenzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Mit dem ehemaligen CIA-Direktor und pensionierten Vier-Sterne-General David Petraeus, 69, hat sich nun erstmals ein hochrangiger Ex-US-Beamter öffentlich zu einer möglichen Reaktion geäußert. Demnach könnten die USA und Nato-Alliierten "jede russische konventionelle Streitmacht ausschalten, die wir auf dem Schlachtfeld (in der Ukraine) sehen und identifizieren", sagte Petraeus gegenüber ABC News am Sonntag. Gleiches gelte für die 2014 von Russland annektierte Krim. Auch die russische Schwarzmeer-Flotte könnte ausradiert werden. 

Es handele sich lediglich um eine "Hypothese", so Petraeus. Er habe nicht mit dem Nationalen Sicherheitsberater Jake Sullivan über die wahrscheinliche US-Reaktion auf eine nukleare Eskalation Russlands gesprochen – die Moskau laut US-Angaben wiederholt über den "heißen Draht" übermittelt worden sei. Dennoch zeigt die Wortmeldung, dass in den USA intensiv über eine mögliche Eskalation durch Nuklearwaffen nachgedacht wird. 

Die Sorge vor einer Eskalation wächst

Einem CNN-Bericht zufolge spielen die USA seit Kriegsbeginn mehrere Szenarien durch und entwickeln Notfallpläne, um rasch auf Russlands Kriegshandlungen reagieren zu können. Einschließlich der Möglichkeit, dass Putin die Lage zunächst durch eine "nukleare Demonstration" weiter eskalieren könnte, wie der US-Sender am Montag eine anonyme Quelle zitierte. Eine derartige Demonstration könnte demnach ein Militärschlag auf das Kernkraftwerk in Saporischschja sein oder die Detonation einer Nuklearwaffe in großer Höhe oder außerhalb von besiedelten Gebieten. 

Derzeit habe man keine Erkenntnisse darüber, dass Russland Vorbereitungen für einen Atomschlag treffe, berichtete CNN unter Berufung auf US-Offizielle. Dennoch habe die Sorge vor einem solchen Angriff in den vergangenen Wochen zugenommen. "Eine Niederlage ist für Putin keine Option", zitierte CNN eine anonyme Quelle, die mit Geheimdienstinformationen vertraut sei. 

Auch US-Verteidigungsminister Lloyd Austin betonte zuletzt, dass er keine Hinweise darüber habe, dass der russische Präsident zu Atomwaffen greifen wolle. Gleichzeitig mahnte er, dass Putin der einzige sei, der diese Entscheidung treffen könnte. "Putin wird nicht kontrolliert", sagte Austin im Gespräch mit CNN. "So wie er die unverantwortliche Entscheidung getroffen hat, in der Ukraine einzumarschieren, könnte er eine andere Entscheidung treffen. Aber ich sehe im Moment nichts, was mich glauben lassen würde, dass er eine solche Entscheidung getroffen hat."

Was, wenn radioaktive Winde auf Nato-Gebiet wehen würden?

Ob Putin den Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine tatsächlich in Erwägung zieht, weiß derzeit wohl nur Putin selbst. Fraglich ist aber auch, welchen Nutzen ein Einsatz hätte – und welche (unvorhersehbaren) Folgen.

Seit Monaten würden das Pentagon, Nuklearlabore und Geheimdienste der USA in Computersimulationen versuchen zu modellieren, was bei einem Einsatz passieren würde – und daraus Schlussfolgerungen ziehen, wie die USA reagieren könnten. Das berichtete die "New York Times" am Montag. Kein leichtes Unterfangen, heißt es.

Taktische Nuklearwaffen – von denen Russland schätzungsweise rund 2000 besitzen soll – gebe es in vielen Größen und Variationen. Die meisten hätten einen Bruchteil der Zerstörungskraft jener Bomben, die 1945 von den USA auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Die kleineren Nuklearwaffen könnten trotzdem Tausende in den Tod reißen und eine Stadt für Jahre unbewohnbar machen, seien aber auch schwieriger einzusetzen und schwieriger zu kontrollieren. Folglich seien sie vor allem eine Waffe des Terrors und der Einschüchterung statt einer Kriegswaffe, so US-Offizielle zu der Zeitung.

Analysten innerhalb und außerhalb der Regierung würden daher bezweifeln, ob ein Einsatz geeignet sei, um Putins Kriegsziele voranzutreiben. Der primäre Nutzen, so US-Beamte zu der Zeitung, wäre demnach Teil eines letzten verzweifelten Versuchs von Putin, die ukrainische Gegenoffensive zu stoppen, indem er droht, Teile des Landes unbewohnbar zu machen.

Die Risiken eines Einsatzes könnten die ohnehin fragwürdigen Vorteile für Putin überwiegen. Russland würde endgültig zu einem internationalen Paria werden, der wohl auch von Indien und China geächtet werden würde, die immer noch russisches Öl und Gas kaufen und bislang nur mit sachter Kritik am russischen Kriegstreiben aufgefallen sind. Ein weiteres Problem könnten die radioaktiven Winde darstellen, die von den Nuklearwaffen freigesetzt würden. Sie könnten auf russisches Gebiet wehen – und möglicherweise auch auf das Gebiet von Nato-Staaten.

"Eine massive Wette um begrenzte Gewinne"

Zwar würde ein Nuklearschlag gegen die Ukraine nicht den Nato-Bündnisfall auslösen, sagte Ex-CIA-Direktor Petraeus bei ABC News. Die Ukraine sei kein Mitglied des Verteidigungsbündnisses. Doch sollte sich die dabei entstandene Strahlung auf ein Nato-Land ausweiten, könnte das möglicherweise als Angriff auf ein Mitglied des Bündnisses ausgelegt werden. "Vielleicht können Sie diesen Fall vorbringen", so Petraeus. In jedem Fall könne ein russischer Nuklearangriff nicht unbeantwortet bleiben und eine Reaktion der USA und Nato nach sich ziehen.

Wenngleich taktische Nuklearwaffen eine geringere Zerstörungskraft haben als strategische, würden sich die Strahlungseffekte an Land dennoch "sehr hartnäckig halten". Das sagte Michael G. Vickers zur "New York Times", der einst im Pentagon für Strategien zur Aufstandsbekämpfung tätig war.

Nach Putin-Drohungen: Welche Folgen hätte ein russischer Atomwaffen-Einsatz? (Symbolbild einer Atombombe)

Seiner Ansicht nach würden Russlands taktische Nuklearwaffen "höchstwahrscheinlich gegen feindliche Kräftekonzentrationen eingesetzt werden, um eine konventionelle Niederlage abzuwehren" – wenn überhaupt. Denn "ihr strategischer Nutzen angesichts der Konsequenzen, denen Russland nach ihrem Einsatz mit ziemlicher Sicherheit ausgesetzt sein würde, ist höchst fraglich."

Zu einem ähnlichen Schluss kam vergangene Woche das renommierte Institute for the Study of War (ISW), das ausführt, dass ein russischer Einsatz von Nuklearwaffen eine "massive Spielwette um begrenzte Gewinne" wäre, die Putins Kriegsziele nicht erfüllen würde. "Im besten Fall würde der russische Nukleareinsatz die Frontlinien in ihrer aktuellen Position einfrieren und es dem Kreml ermöglichen, sein derzeit besetztes Territorium in der Ukraine zu bewahren." Und selbst das würde "mehrere taktische Nuklearwaffen" erfordern, so das ISW. "Der russische Nukleareinsatz würde es der russischen Offensive nicht ermöglichen, die gesamte Ukraine zu erobern."

Quellen:  ABC News, CNN, "New York Times", "Der Spiegel", CBS"The Guardian", Institute for the Study of War

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