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Unternehmen in der Coronakrise Solidarität statt Konkurrenz: Restaurants machen gemeinsame Sache gegen Corona

Die Drei vom "Gutburgerlich" in Gießen: Dominic Büttner (l.), Philipp Kübler (m.) und Minas Adis.
Die Drei vom "Gutburgerlich" in Gießen: Dominic Büttner (l.), Philipp Kübler (m.) und Minas Adis. Ihr Corona-Motto: "Seid zärtlich zu uns, wie sind neu im Liefer-Business"
© gutburgerlich
Der Corona-Lockdown stürzt die Gastronomie in die Existenzkrise. In Gießen stemmen sich 19 Restaurants dagegen: Mit Solidarität statt Konkurrenz. Die Reaktionen der Bevölkerung sind geradezu rührend.

Gießen, Bahnhofsstraße, Ecke Johannette-Lein-Gasse. Philipp Kübler seufzt. Er ist Mitinhaber des "Gutburgerlich" in Gießen. Die Polizei hatte seine Fahrradkuriere aufgefordert, sich nicht an die Tische vor seinem Restaurant zu setzen. "Wo sollen die denn sonst warten? Drinnen? In dem kleinen Raum?", fragt er sich selbst. Aber was solle man machen, es ist jetzt halt so. Gastronomie in Zeiten von Covid-19. Dabei sind die Radkuriere so etwas wie Küblers Anti-Viren-Waffe gegen den Umsatzeinbruch. Und im gewissen Sinne sind sie sogar eine kleine Wunderwaffe.

Per Rad werden nun die hausgemachten Burger, Pommes und Krautsalate an die Kunden ausgeliefert. Ein Geschäft, mit dem das Team des Restaurants vor der Coronazeit keine Erfahrung hatte. Normalerweise sitzen seine Gäste drinnen und an eben jenen fünf großen Tischen entlang der kleinen Gasse. Essen zum Mitnehmen habe es gegeben, doch das sei eben etwas anderes als ein Lieferservice.

So wie ihm ging es auch anderen Gastronomen der hessischen Universitätsstadt. Man kennt sich in der Branche, doch eben eher als Mitbewerber ganz gleich ob Pizzabäcker, Salat-Profi, Döner-Laden oder "Grieche". Doch diesmal nicht. Shadi Souri, Inhaber der "Pizzawolke" eine Querstraße weiter rief Mitte März die Gastronomen des Kiezes zu einer Krisensitzung zusammen.

Wir liefern, doch woher sollten die Kunden das wissen?

"Mit Blick auf Italien, Spanien und Frankreich überlegten wir, wie es jetzt hier weitergehen soll. Viele hatten bereits das Ausliefern im Blick, doch die Frage war: Wie sollten die Kunden das mitkriegen?", erinnert sich Kübler. Die erste Überlegung sei gewesen, sich einfach bei Lieferando einzutragen. Doch die Kosten des Lieferdienstes hätten alle ziemlich erschreckt. Das war die Geburtsstunde des kleinen Wunders "Gießen-teilt-aus" oder digital übersetzt: #giessenteiltaus

Unter diesem Motto haben sich mittlerweile 19 Restaurants in Gießen zusammengeschlossen. In erster Linie ist es eine gemeinsame Webseite, doch dahinter steckt mehr. Über die gemeinsame Webseite finden die Gießener alle Restaurants der Stadt, die trotz Lockdown weitermachen und auf Liefern umgestellt haben. "Das funktioniert sehr gut, da jeder die gemeinsame Seite in seinen Kanälen und seiner Zielgruppe bekannt machte. Alle haben profitiert", resümiert der Gastronom.

"Nur gemeinsam erreicht der Einzelne mehr"

Der Zusammenschluss auf einer Webseite sei der kleineste gemeinsame Nenner gewesen, schließlich wollte man schnell sein und nicht Zeit damit verbringen, einen gemeinsamen Lieferdienst oder IT-Lösungen aufzuziehen. "Der eine wollte Telefonbestellungen, der andere hatte schon eine Online-Lösung parat und der Dritte verwendete kostenlose Tools. Es war schnell klar, dass jeder die Umsetzung für sich selbst machen sollte", so Kübler.

Die Gäste hatten nun eine Webadresse, auf der alle Lieferdienste der Stadt aufgeführt waren. Doch für die in ihrer Existenz bedrohten Kleinunternehmer lag der eigentliche Wert an anderer Stelle: In einer gegenseitigen Hilfe, wie sie es ohne Covid-19 nicht gegeben hätte. Wer bereits Erfahrungen mit Systemen zur Online-Bestellung hatte, half anderen beim Setup, man sprang sich gegenseitig beim IT-Support zur Seite. Die Whats-App-Gruppe der Restaurantbesitzer wurde schnell zu einer Gastro-Hotline für die täglichen Probleme bei der Umstellung, ob technisch, organisatorisch oder rechtlich. "Einige wollten vom Ausliefern am Anfang gar nichts wissen, haben sich dank dieser Unterstützung jedoch getraut. Normalerweise stehen wir ja in einer Konkurrenzsituation, doch hier war allen klar, nur gemeinsam erreichen wir für alle mehr," sagt Kübler.

Profi-Basketballer fahren Pizza aus - unentgeltlich

Vielleicht lag es am gut gewählten Namen der Aktion, in dem gleichermaßen Lokalpatriotismus wie solidarischer Widerstand gegen die Krise mitschwingt, dass die Gastronomen plötzlich Hilfe von unerwarteten Seiten bekamen. So wurde die zunächst rudimentäre Webseite kostenlos von einem Webdesigner in eine schicke, funktionale Homepage umgebaut und weiterhin betreut. Das Basketball-Team "Gießen 46ers" nutzt die Zwangspause beim Sport, um kostenlos Pizza auszufahren. Die Autos stellt ein Autohaus der Stadt. Selbst so mancher Radkurier habe sich freiwillig gemeldet. Das Gute an Gießen sei die Überschaubarkeit, sagt der Gastronom. Coole Aktionen würden sich sehr schnell herumsprechen.

Und die Kunden? "Die haben sehr viel Verständnis gezeigt. Gerade am Anfang kam es zu Fehlern. Bestellungen wurden nicht ausgeliefert oder waren unvollständig. Ich habe jedoch nie Beschwerden erlebt. Im Gegenteil, da wurden schon mal sechs Flaschen Wein bei uns geordert. Das war sicher nicht für den Abend gedacht, sondern eine Investition in uns", erinnert sich Kübler.

Solidarität mit "der Tafel" - Essen bestellen für andere

Diesen Zusammenhalt habe man vor allem in den ersten sechs Wochen an jeder Ecke gespürt. Vielleicht hat Gießen dafür auch genau die richtige Größe. Mit rund 83.000 Einwohnern zerfällt die Stadt nicht in Ortsteile, jeder kennt die Restaurants der Stadt und um eine Ecke ohnehin so gut wie jeden. So entstand auch die Zusammenarbeit zwischen Küblers Restaurant und der "Der Tafel" in Gießen. Aufgrund der Corona-Bestimmungen mussten die Tafeln ihre Tätigkeit einstellen. Philipp Kübler unterstützt die Initiative seither mit 20 kostenlosen Mahlzeiten pro Tag und ermuntert seine Gäste zum Spenden. Für 4,50 Euro können die Gießener ein Essen für jemand anderen bestellen. Der "Nordstadtverein" übernimmt dann die Vermittlung von Menschen, die vor Corona das Tafelangebot wahrgenommen haben.

Die schnelle Umstellung der Betriebe vom Gast zur Hauslieferung hat sich nach Küblers Einschätzung für alle gelohnt: "Was ich so höre, geht es allen soweit gut, dass sie keine Angst mehr vor der Zukunft haben."  Das größte Problem sei jedoch, dass das Liefergeschäft bislang nicht in die Produkte einkalkuliert sei. Man habe deutliche höhere Kosten bei der Verpackung und einen höheren Personalaufwand. Was unter dem Strich tatsächlich übrig bleibe, sei noch nicht sicher. Aber über den Fortbestand des Geschäfts müsse sich keiner bei "Gießen-Teilt-aus" Sorgen machen, auch wenn das Ersparte bei den meisten wohl komplett aufgebraucht sei.

Doch ob Gießen auch nach dem Lockdown weiter gemeinsam austeilt, ist unsicher. Bislang habe noch keiner der Teilnehmer gesagt, dass er schon früher einen Lieferservice hätte anbieten sollen, weil er dann mehr Geld verdient hätte, zieht Kübler Bilanz. Was von der gemeinsamen Anstrengung weiter Bestand haben könnte, wäre die allerdings Webseite. Und wer weiß, spekuliert Philipp Kübler, vielleicht werde aus #Giessenteiltaus eines Tages doch eine größere Sache.


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