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Kinderprostitution - die Realität ist schlimmer als jeder Film

Der Film "Jagdgesellschaft" verstörte am Mittwochabend viele Zuschauer. Zu brutal scheint die Geschichte über Menschenhandel und Kinderprostitution. Doch die Realität sei noch viel schlimmer, sagt Ina Jung, die Autorin des Films.

  Szene aus dem Film "Jagdgesellschaft": Lucy erhält von dem Mann, bei dem sie lebt, nach der Misshandlung zum Trost eine Cola

Szene aus dem Film "Jagdgesellschaft": Lucy erhält von dem Mann, bei dem sie lebt, nach der Misshandlung zum Trost eine Cola

Sie sehen aus wie die perfekte Familie. Er, ein erfolgreicher Bauunternehmer, der sich trotz seines Jobs liebevoll um die zwei hübschen Töchter bemüht und genau weiß, welche Pizza jedes Familienmitglied am liebsten isst. Sie, die sorgende Ehefrau und Mutter, die sich um Haus und Kinder kümmert und abends ihren Mann in Reizwäsche erwartet. Doch hinter den Türen der hübschen Villa lauert das Grauen.

Die Mädchen sind nicht die Töchter des Paares. Sie werden von ihnen nur ernährt und bewacht. Die Frau schminkt ihre kleinen Münder und steckt die Kinder in hübsche Kleidchen. Der Vater verfrachtet sie in seinen Kofferraum und fährt sie in den Wald, wo sie von brutalen Männern erwartet und zu Sex-Partys gebracht werden. Polizei und Justiz gucken zu – unfähig, etwas zu ändern oder sogar selbst in die Sache verstrickt.

Das ist das Grundgerüst der Geschichte des gestern Abend in der ARD ausgestrahlten Films "Jagdgesellschaft". Es ist der zweite Teil des bereits 2013 gezeigten "Operation Zucker", in dem es ebenfalls um Kinderprostitution und Menschenhandel ging. Der Film spielt in Potsdam, doch dass etwas so Grausames in Deutschland passieren soll, scheint unvorstellbar. Könnte es wirklich so stattfinden? "In unserem Film ist nichts unrealistisch. Wir mussten eher aufpassen, dass es überhaupt fiktive Szenen gibt. Es ist eine Mischung aus all unseren Geschichten und Recherchen der letzten Jahre ", sagt Ina Jung, Autorin beim Bayerischen Rundfunk.

"Genau so ist es. Nur noch schlimmer"

Sie hat zusammen mit Friedrich Ani das Drehbuch zu dem Fernsehfilm geschrieben. Ina Jung recherchiert seit Jahren zu den Themen Misshandlung und sexueller Missbrauch. "Die 'Jagdgesellschaft', wie wir sie in unserem Film nennen, gibt es wirklich. Genauso wie es die Kinder gibt, die in Kofferräume gesperrt werden. Das wurde uns auch noch einmal von mehreren Polizeibeamten bestätigt", so die Autorin im Gespräch mit dem stern. So schockierend der Film für viele Zuschauer war: Die Realität ist laut Ina Jung noch viel schlimmer. Die Situationen im Film seien "im Schongang beschrieben".

"Die Kinder werden manipuliert, wahrhaft programmiert. Der Missbrauch ist für sie normal, sie können gar nicht mehr wahrnehmen, was sie da tun. Jegliche Fluchtgedanken werden ihnen ausgetrieben, indem man ihnen sagt, dass sie ja eh selbst schuld wären." Sie müssten oft zusehen, wie andere Mädchen und Jungen gequält oder sogar ermordet werden. So lernen sie, dass auch die anderen leiden müssen, wenn sie einen Fehler machen. "Die Täter jagen die Kinder durch Wälder, auch das ist im Film keine fiktionale Szene", sagt Jung. "Die Kinder werden Opfer ritueller Gewalt und das hat nichts mit Pädophilie oder Satanismus zu tun. Sie sind Opfer von Menschen, die Macht ausüben wollen, die zynisch sind, andere klein halten wollen und die sich durch das Zerstören dieser Kinderseelen besser fühlen. Solche Taten werden von Männern begangen, die hochrangige Positionen in unserer Gesellschaft besetzen und die sich mit dem Geschehenen gegenseitig manipulieren und erpressen."

Zum Teil verkaufen die Familien die Kinder an ihre zukünftigen Peiniger, sagt Jung. Oder sie werden explizit für den Menschenhandel gezeugt. "Sie werden zu einer Ware, nur geboren für den Missbrauch. Und das ist keine Geschichte, die man nur in Tschechien oder in Rumänien findet, sondern das gibt es überall. Auch wenn man sich das nicht vorstellen mag." 

Wem glauben Sie eher - dem Justizbeamten oder der Prostituierten?

Konkrete Zahlen, wie viele Kinder in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden, kann Jung nicht nennen. Laut Kriminalstatistik wird in Deutschland alle 37 Minuten ein Kind missbraucht. 2014 sind pro Woche zwei Kinder Opfer eines Tötungsdeliktes geworden. Es sind Zahlen und Statistiken, die unbegreiflich sind. Und die Ina Jung für Unsinn hält. "Es sind natürlich viel, viel mehr", sagt sie. Eine Einschätzung, die Polizisten und Experten teilen. Gerade bei Missbrauchsfällen ist die Dunkelziffer riesig. Und selbst wenn es die Gepeinigten schaffen, sich zu öffnen, haben sie oft mit Widerstand zu kämpfen. "Im Schnitt müssen die Kinder mit sechs bis acht Personen sprechen, bis sie auf jemanden stoßen, der ihnen glaubt. Dafür haben sie meist gar nicht die Kraft", erläutert Jung. Sie hat in den letzten Jahren selbst immer wieder ehemalige Opfer getroffen.  Viele haben eine dissoziative Persönlichkeit entwickelt, um so den Missbrauch ertragen zu können. Sie haben sich von der Persönlichkeit, der all diese furchtbaren Dinge geschehen sind, abgespalten. Gerade das mache es für Therapeuten und Betreuer aber so schwierig, ihnen zu helfen. "Ich habe ein Kind kennengelernt, dem musste man nur das Bild eines Mannes zeigen, da hat es überreagiert. Wenn sie ihm das Bild eines noblen Hauses gezeigt haben - denn es sind ja immer die großen, noblen Häuser - dann hat das Kind sich unter dem Tisch versteckt. "

Jungs Anschuldigungen unterstützt auch Julia von Weiler, Psychologin und Vorstand der Kinderschutzorganisation "Innocence in danger". Der Film sei sehr nah an der Realität, nur dass es eigentlich noch viel schlimmer sei, sagte sie am Mittwochabend in der Talkshow "Maischberger". Auch bestätigte sie, genauso wie der Ex-Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus, dass sexualisierte Gewalt kein Unterschichten-Problem und in der "vermeintlich besseren Gesellschaft" weit verbreitet sei.

Wenn sie über die Täter spricht, die sie getroffen hat, sagt Jung, dass die Treffen sie sehr geprägt haben. "Ich möchte so einem Menschen nie wieder begegnen. Ich habe monatelang Angst gehabt. Ich war so wütend auf diese Männer, doch wenn man vor so einem steht, dann ist man sprachlos. Sie sprühen vor Gewaltbereitschaft und strahlen eine solche Arroganz und Überlegenheit aus, das ist unfassbar. " Ähnlich wie bei der Kommissarin im Film, geht auch an Jungs Privatleben die jahrelange Beschäftigung mit dem Thema nicht spurlos vorbei.  "Ich war früher ein gutgläubiger, optimistischer Mensch. Doch ich musste erfahren, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Ich hatte eine Phase, in der ich jeden zweiten Mann als Täter gesehen habe. Da muss man sehr aufpassen,  um nicht einen merkwürdigen Blick auf die Welt zu bekommen."

Keine Hoffnung auf Gerechtigkeit

Jung bezeichnet das Netzwerk, das hinter dieser Pädophilen-Gewalt steht, als Imperium. Es sei viel größer und einflussreicher, als man denke. Sie habe in den letzten Jahren häufig Menschen getroffen, die dieses Netzwerk bekämpfen wollten, doch denen sei immer etwas Unerwartetes passiert. Sie verloren ihren Job, wurden versetzt oder krank. Wenn sie den Geschichten zu nahe kamen, wurden sie zerstört, physisch und psychisch, sagt Jung.

Der Film bietet den Zuschauern am Ende einen kleinen Hoffnungsschimmer, stellt zumindest theoretisch in Aussicht, dass die Täter gefasst werden. Das sei das einzig Fiktionale an ihrer Geschichte, sagt Jung und lacht. "Man wird sie niemals stoppen können, weil sie einfach viel zu einflussreich und gut vernetzt sind. Es wird immer an Beweisen fehlen." Die Hoffnung, das Treiben zu beenden, hat die Journalistin schon lange nicht mehr. "Das Einzige, was man tun kann, ist, den Opfern zu helfen und ihnen eine Stimme zu geben. Vielleicht schafft unser Film es, dass den Kindern eher geglaubt wird und sie nicht mehr als Einzelfälle abgetan werden. Und vielleicht zeigt er dem Täterkreis auch, ihr seid erkannt. Wir wissen, dass es euch gibt. Es gibt Namen, die liegen in Tresoren bei Rechtsanwälten und können auch publik gemacht werden. Doch dafür braucht man natürlich Mut. Ich werde es nicht tun." 


Hilfe finden Opfer sexualisierter Gewalt zum Beispiel beim Hilfeportal des Familienministeriums.


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