HOME

Tschechische Republik: "Ich will nicht, dass die deutschen Männer kommen"

Kinderprostitution ist in der deutsch-tschechischen Grenzregion ein Massenphänomen. Die UNICEF-Studie "Kinder auf dem Strich" beschreibt den Terror der deutschen Freier.

"Ich will nicht mehr, dass die deutschen Männer kommen", sagt der elfjährige Antonin, der in einer tschechischen Grenzstadt auf den Kinderstrich geht. Kinderprostitution ist in der deutsch-tschechischen Grenzregion inzwischen ein Massenphänomen. Deutsche pädophile Sextouristen fragen immer häufiger gezielt nach minderjährigen Prostituierten, manche vergehen sich sogar an Säuglingen. Die Streetworkerin Cathrin Schauer geht dem Problem seit 1996 nach und hat ihre Beobachtungen in einem Buch zusammengefasst.

"Kinder auf dem Strich" heißt die Studie, die vom Kinderhilfswerk UNICEF und der Kinderrechtsorganisation ECPAT am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde. Schauer hat dafür 500 Kinder in der Grenzregion beobachtet und 200 Interviews mit missbrauchten Kindern wie Antonin, mit Prostituierten, Sozialarbeitern, Polizisten und Passanten geführt.

Das größte Freilichtbordell Europas

In der Studie nennt der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz die Region entlang der Europastraßen E48 und E49 eines der größten Freilichtbordelle Europas. Karawanen von Autos schöben sich an manchen Tagen über die Grenzübergänge - meist gut geputzte Mittelklassewagen mit einem Mann am Steuer, aber auch mit Männern vollbesetzte Kleinbusse mit getönten Scheiben. Zu jeder Tages- und Nachtzeit bewege sich der Sextouristenkorso durch Städte wie Cheb (Eger). In einer Art Warteschleife führen die Freier an einer großen Zahl von Mädchen, Jungen und Frauen vorbei. Man könne den Eindruck bekommen, dass sich eine ganze Generation junger Menschen an den Straßen verkaufe.

Kinder-Traum: "Alle Deutschen einsperren"

Die Wünsche der missbrauchten Kinder, die Schauer in ihrem Buch wiedergibt, sind ähnlich. Der achtjährige Tomas würde später gerne Polizist. "Dann würde ich alle Deutschen einsperren", sagt er. Das Mädchen Milena klingt resigniert, wenn es über seine Zukunft redet: "Ich kann mir doch nichts wünschen, vielleicht, dass es nicht mehr so viele Deutsche gibt, die hierher kommen." Die 14-jährige Danka sagt: "Die Deutschen sollen verbieten, dass die Männer herkommen."

Die Sozialarbeiterin Schauer beschreibt die Opfer als Kinder aus sozial benachteiligten, verarmten und kinderreichen Familien. Die Eltern seien meist arbeitslos, teils drogen- oder alkoholabhängig, andere säßen im Gefängnis. Die Kinder fielen durch ihr verwahrlostes Äußeres auf und besuchten nur selten die Schule. Zur Prostitution würden sie häufig durch Familienangehörige gezwungen. Bis zum Alter von sechs Jahren würden Kinder meist von Frauen angeboten, ab sieben würden sie oft von männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen begleitet. Ab acht verhandelten die Kinder meist selbstständig über Preise und Sexualpraktiken.

Missbrauch für fünf Euro

Als Bezahlung für ihre sexuellen Dienste erhalten die Kinder laut Studie fünf bis 25 Euro, manchmal jedoch nur Süßigkeiten. Andere Freier gingen mit ihnen essen oder unterstützten die Familie materiell. Die Kinder berichteten Schauer auch über Gewalt, die ihnen Zuhälter und Sextouristen antun. So würden sie ins Gesicht geschlagen, mit Füßen getreten oder an den Haaren gezogen. Die Sozialarbeiter beobachteten häufig schwere Blutergüsse bis hin zu Schnittverletzungen im Genitalbereich. Die Kinder würden außerdem teils ohne Kleidung oder gefesselt an den "Stichplätzen" - den Orten, an denen sie missbraucht werden - zurückgelassen.

Wenig Interesse der Wohlstandsgesellschaft

Die Kinder seien schwer traumatisiert und für ihr Leben gezeichnet, meint der Vorsitzende von UNICEF Deutschland, Reinhard Schlagintweit. Er prangert an, dass die "massive Verletzung von Kinderrechten vor der eigenen Haustür und durch deutsche Täter" verdrängt werde. Auch UNICEF-Schirmherrin Christina Rau findet es schockierend, "dass in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und am Rande der Wohlstandsgesellschaft Kinder zur Prostitution gezwungen werden".

Als Erklärung für das Grenzphänomen nennt Schauer das Wohlstandsgefälle entlang des ehemals Eisernen Vorhangs. Die Arbeitslosigkeit jenseits der Grenze sei hoch. Gallwitz vermutet, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach dem ultimativen Kick sind. Die "Erlebnistouristen" lebten eine hemmungslose Promiskuität und suchten den Tabubruch. Sie suchten sich Kinder, weil sie dort Natürlichkeit und Unprofessionalität vermuteten und weil sie vermeintlich keine Geschlechtskrankheiten fürchten müssten.

Von AP-Korrespondentin Claudia Kemmer