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Ist doch nur Liebe

Vier Jahre lang fotografierte Sophie Ebrard an Porno-Sets in Schottland, Amerika und Spanien. Und fand nichts Schmuddeliges. Sondern Ästhetik, nette Menschen. Und gute Laune.

Von Michael Streck

  "Hier sehe ich vor allem das ehrliche Lachen der Frau. So sieht sie aus, als sei sie ein Teenager, voller Leben", sagt die Fotografin Sophie Ebrard.

"Hier sehe ich vor allem das ehrliche Lachen der Frau. So sieht sie aus, als sei sie ein Teenager, voller Leben", sagt die Fotografin Sophie Ebrard.

Es hat etwas Merkwürdiges, in einem kleinen Café im Londoner Osten einer jungen Frau gegenüberzusitzen und über Pornos zu reden. Der jungen Frau, sie heißt Sophie, ist das nicht weiter peinlich. Sie ist nämlich, man muss das so sagen, Expertin auf diesem Gebiet und hat die vergangenen vier Jahre weitgehend in diesem Gewerbe verbracht. Das heißt: Sie hat anderen Menschen dabei zugeschaut, wie sie Pornos drehen, und das fotografisch dokumentiert. Und wenn sie nun darüber redet in einer Espressobar in Hackney und Szene-Abkürzungen wie "Boy-boy" oder "DP" oder "Facial" einstreut, klingt das unaufgeregt und unverfänglich und normal wie eine Diskussion über Gartenarbeit oder Wandertouren durch Südtirol.

Und an sich ist das ja auch so.

Sophie Ebrard, 38, Fotografin, geboren in Grenoble, wohnhaft in Amsterdam und London, erzählt also, wie sie auf die Idee kam vor vier Jahren. Als sie gemeinsam mit einer Freundin aus Neugier eine Swingerparty besuchte in einer feinen Londoner Gegend und in einem Haus, das mal als Kulisse diente für den oscarprämierten Film "The King's Speech". Sie saß auf einem Sofa und beobachtete einen gut aussehenden Kerl, der offenbar recht kunstvoll eine nicht minder gut aussehende Dame bestieg, und sie dachte: "Das ist ästhetisch, das hat nichts Schmuddeliges, so was möchte ich fotografieren als Projekt. Nackte Menschen."

An jenem Abend noch lernte sie einen Herrn kennen, der in der Szene als Gazzman firmiert, einen schottischen Produzenten von High-End-Pornos. Gazzman lud sie ein zum nächsten Dreh in Stoke-on-Trent, englischer Norden. Und so begann für Sophie Ebrard ein vier Jahre währendes Abenteuer hinter den Kulissen der eher gehobenen Porno-Branche. Sie besuchte Sets in England, Amerika, Spanien, Portugal und Inverness, der Heimat des Produzenten. Wo erstaunlicherweise die meisten ihrer Bilder entstanden. Unter anderem auch jenes von einem Mann im Kilt, der ein inhaltlich ziemlich überschaubares Skript liest und dem – denn unter dem Schottenrock ist gar nichts – sein Gemächt herausbaumelt.

Ein Spiel mit Nähe und lässiger Unbedarftheit

Ebrard sagt, dass sie sich inspirieren ließ von der Kunst der alten Meister und immer wieder durch die National Gallery in London schlenderte. Womöglich wirken die Fotos auch deshalb fast wie Stillleben mit allerdings prallem Leben drin. Ihre Arbeiten spielen mit der Nähe und mit einer fast lässigen Unbedarftheit. Denn darum ging es ihr auch: die Szene so abzubilden, wie sie ist. Nämlich vor allem normal. Pornografie ist ja längst Mainstream und Youporn keineswegs nur Abspielplatz für verklemmte Masturbatoren. Ebrard traf in diesen vier Jahren auf Frauen und Männer, die ihr offen und ehrlich erzählten, dass sie schlicht Spaß und gewissermaßen ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Eine trägt den Künstlernamen Skin Diamond, sie sprach: "Ich liebe das, was ich mache, denn ich liebe nun mal Sex." Ein anderer, Danny, hatte sich zuvor sogar die Absolution von der Mama geholt, die lediglich wollte, dass er kein männlicher Escort werde.

Ebrard lebte mit ihnen, redete mit ihnen stundenlang, "wir waren wie eine Familie". Sie aßen zusammen unter anderem auch an einem Tisch, der zuvor mal Requisite war, denn: "We have dinner where we fuck",sagte Gazzman. Manchmal half sie am Set. Zum Beispiel beim Dolmetschen für eine junge Französin, der ihr Regisseur am Tag ihrer Ankunft wortreich und entschuldigend erklärte, sie müsse aus Platznot für eine Nacht ein Zimmer mit zwei männlichen Darstellern teilen, und das sei ihm außerordentlich peinlich. Am nächsten Morgen stand dann "DP" mit den beiden auf dem Programm, was eben nicht "Director of Photography" bedeutete, wie Ebrard zunächst dachte, sondern doppelte Penetration. Wie überhaupt: "Die Fachtermini lernte ich zügig."

Zwischendurch kehrte sie immer wieder in die andere Welt zurück und fotografierte Werbung für Rolex, Adidas, Heineken, viel Prominenz darunter. Roger Federer und Michael Bublé und James Cameron zum Beispiel. Sie wurde auch Mutter zwischendurch – und doch zog es sie an die Sets zurück. Zu Hause fragten Freunde und Familie, ob das nicht eklig sei, aber es war nicht eklig. Es war im Gegenteil genauso, wie der Titel ihrer Serie verheißt: "It's Just Love". Ist doch nur Liebe.


Michael Streck traf Sophie Ebrard in ihrer Zweitheimat London. Ihr Haus in Amsterdam hatte die Fotografin zwischenzeitlich umgestaltet – in eine Galerie. Musik, Kerzenlicht und Porno- Fotos. Die Kunstkritiker schwärmten.

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