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Dieses Sandwich ist nach über einem Jahr noch frisch

Die Stewardess bot ein Sandwich an, und der Kollege griff zu. Packte es zu Hause in den Kühlschrank - und vergaß es. Anderthalb Jahre später fragte er sich: Warum nur sieht das noch so lecker aus?

Von Dirk van Versendaal

  Dieses Sandwich bekam unser Autor im Flugzeug serviert. Eineinhalb Jahre später sah es immer noch frisch aus. Er fragte: wie kann das sein?

Dieses Sandwich bekam unser Autor im Flugzeug serviert. Eineinhalb Jahre später sah es immer noch frisch aus. Er fragte: wie kann das sein?

Mein Flug am 13. Januar 2013 von Mailand-Malpensa nach Hamburg verlief wie etliche andere, bei schlechter Kabinenluft und leichter Verspätung. Der Grund, weshalb ich mich an ihn erinnere, obwohl ein Jahr und neun Monate vergangen sind: ein Sandwich. Es war aus Weizenvollkornbrot gebacken worden, mit Remouladen-Speisequark bestrichen und mit Fleischkäse belegt.

Wurstbrote esse ich nur in der Not, aber meine Kinder sind in einem Übergangsalter, sie kommen und gehen, schlafen manchmal hier, meistens dort, aber hungrig sind sie immer. Und wenn sie mal zu Hause sind, dann plündern sie den Kühlschrank, als gäbe es kein Morgen. Da wird dann auch ein Backofenfleisch-Käse-Sandwich verdrückt werden, dachte ich. Außerdem: Man soll Essbares ja nicht wegwerfen. Ich kam vom Flughafen nach Hause, verstaute das Sandwich im mittleren Fach des Kühlschranks, dann vergaß ich es.

Etwa zwei Wochen später, vielleicht war er auf der Suche nach Gurken oder Gnocchi, fischte einer meiner Söhne es dort aus einer dunklen Ecke wieder hervor. Er ist Vegetarier, belegte Wurstbrote sind so gar nicht sein Ding. Er versenkte es tief unten im rechten Gemüsefach, dort, wo bei uns Tofu, ein Parfümflakon von Helmut Lang und Tuben mit Kalles Kaviar lagern, einer schwedischen Tubenpaste. Ja, jede Familie unterhält ihr ganz eigenes Kühlsystem.

Es hielt und hielt und hielt

Irgendwann im späten Frühjahr 2013 fiel das luftverpackte Sandwich einem meiner karnivoren Söhne in die Hände. Die Wurst glänzte durch die Folienverpackung rosa und frisch wie am ersten Tag, tadellos auch die Remoulade und die Ränder der Salatblättchen, kein Grund für einen jungen Mann, nicht die Packung aufzureißen und wenigstens mal reinzubeißen. Das wusste ich zu verhindern, der reine Zufall nur, ja, wer weiß, was sonst mit meinem Sohn geschehen wäre? Fortan wurde das Proviantpäckchen mit zwei Post-it-Zetteln versehen, einer oben, einer unten: nicht essen! Dazu ein Totenschädel.

Warum ich es nicht wegwarf? Meine Neugier war geweckt: Wie lange, fragte ich mich, hält das Appetithäppchen der Lufthansa – offizielles Haltbarkeitsdatum laut Aufdruck: 19. Januar 2013 – wohl noch durch? Im Laufe des Sommers 2013 überstand das Sandwich mindestens drei Partys, auf denen der Kühlschrank geleert wurde, und zwar rückstandslos, bis auf das Sandwich und den Parfümflakon. Am 9. September 2013 überlebte es sogar eine Grillparty am Elbufer. Es war dort nicht eingeladen, wurde aber mitgeschleppt, mutmaßlich von Freunden meiner Söhne (die Post-its hatten sich bei allgemein hoher Luftfeuchtigkeit gelöst). Herbst und Winter zogen vorbei, welch trauriges Leben, dachte ich manchmal, im ewigen Dunkel eines Kühlschranks, selbst für ein Sandwich.

  Als das Sandwich ein Jahr nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum immer noch frisch aussah, gab es unser Autor ins Labor.

Als das Sandwich ein Jahr nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum immer noch frisch aussah, gab es unser Autor ins Labor.

Nach dem 13. Januar 2014 bekam es ein Upgrade und wurde hin und wieder zur Belustigung staunender Besucher hervorgeholt: eine einjährige Fleischwurstschnitte hält sich nicht jeder in der eigenen Wohnung. Mein Sandwich wurde stets gut gekühlt, das muss ich betonen, lediglich ein altersbedingter Kühlschrankwechsel im März 2014 setzte es für einige Stunden milderen Temperaturen aus.

"Mein Sandwich war nur ein Chemiebömbchen"

Dann zog das Sandwich um. Im August 2014 tauschte es unseren Kühlschrank mit einem Kühlschrank im Institut für Lebensmittel und Umwelt im schleswig-holsteinischen Ahrensburg (LEFO). Dort wurde es auf einem Labortisch aus seiner verschlossenen Packung befreit, in der Moulinette zerschnitten, zermahlen, auf Trockenfilmplatten nach aeroben Keimen, Bakterien und Schimmel durchsucht, per Spektroskopie mit elektromagnetischen Wellen beschossen, im Gaschromatografen zerlegt und mit dem Massenspektrometer analysiert. Ich gebe es zu, all dies schmerzt mich, denn selbst Fleischkäsebrötchen können einem ans Herz wachsen, fast wie ein Lieblingsparfüm, das plötzlich vom Markt verschwindet.

Ergebnis der Laboranalyse: Weichmacher aus der Plastikverpackung waren in der Probe Nummer 6917 nicht nachweisbar. Der Anteil von Ascorbinsäure (Vitamin C) lag im Rahmen. Mikrobiologisch dagegen wurde mein Sandwich als "auffällig" klassifiziert: Die Anzahl der entdeckten Schimmelund Hefepilze lag oberhalb des Richtwerts der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie für Sandwiches und belegte Brötchen (Ja, das gibt's!). Der Prüfbericht endet mit dem Fazit, eine Gesundheitsgefährdung des Verbrauchers sei zwar nicht auszuschließen - ja, und? Ist doch kein Wunder, denke ich, nach anderthalb Jahren unter einer Plastikhülle bauen wir alle massiv ab. Andererseits müsse es aber auch nicht zwangsläufig zu Durchfall, Erbrechen oder sonstigem Elend kommen.

Mein Sandwich hatte sich also nicht in eine Keimhölle verwandelt, nicht in eine Giftbrühe, mein Sandwich war nur ein kleines Chemiebömbchen mit den Konservierungsstoffen Branntweinessig und E 250, Nitritpökelsalz. Aber die gehören beim modernen Catering nicht einmal zu den schlimmsten Bösewichten. Mein Sandwich hat sich unheimlich gut gehalten. Und wenn ich heute in 10.000 Meter Höhe vor die Wahl gestellt werde, ob es Käse oder Wurst sein darf, dann antworte ich: "Der Müsliriegel!"

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