Gebrüll ohne Ende

Schreibaby werden sie genannt: Rund 20 Prozent aller Säuglinge brüllen extrem oft. Das kann Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben. Säuglingskoliken, diagnostiziert der Arzt meist.

Schreibaby, Schreibabys, Säuglingskolik, Säugling, Kleinkind, Schrei-Baby, Kinderkrankheiten, extremes Schreien

Alles zuviel: Die Schreihälse sind überreizt und reagieren empfindlich©

Alle Babys schreien. Bekommen sie, was sie brauchen, sind sie schnell ruhig. Doch manche Säuglinge brüllen weiter - ohne Ende. Besonders in den ersten drei Monaten ihres Daseins ist es besonders schlimm.

Nichts hilft: kein Stillen, kein Herumtragen, kein Kuscheln. Das kann Eltern verzweifeln lassen. Je mehr das Baby weint, umso angespannter werden die Eltern. Sie können es nicht beruhigen und fühlen sich hilflos. Wahrscheinlich sind sie zudem unausgeschlafen. All das sind keine guten Voraussetzungen, um einfühlsam mit dem Kind umzugehen. Was die Eltern häufig nicht wissen: Das Baby hat ganz andere Probleme, als sie meinen.

Bauchschmerzen und Blähbauch sind nicht die Ursache

Trotz jahrzehntelanger Forschung bleiben die Ursachen der Brüllerei unklar. Früher nahmen Mediziner an, dass es Bauchschmerzen seien, die diese Säuglinge weinen lasse. Deshalb tauften sie das Syndrom auf den Namen Säuglingskolik. Doch Koliken, also Bauchkrämpfe, sind nicht der Grund für das Geschrei. Denn Verdauungsprobleme haben solche Babys eher selten: Nur fünf bis zehn Prozent der kleinen Brüller vertragen kein Eiweiß aus Kuhmilch oder Soja. Noch viel seltener malträtiert eine entzündete Speiseröhre die Schrei-Kinder.

Da brüllende und unruhige Kinder oft einen aufgeblähten Bauch haben, vermuteten Ärzte früher darin den Grund für das Schreien. Auch das beurteilen Fachleute heute anders: Der Bläh-Bauch kommt vom Schreien. Die Babys schlucken dabei so viel Luft, dass sich der Leib wie ein Luftballon aufpumpen kann.

Das Leben an sich macht den Babys zu schaffen

Schrei-Babys werden also nicht von Bauchschmerzen geplagt. Was ihnen zu schaffen macht, so vermuten Wissenschaftler, ist das Leben an sich: Die Neuankömmlinge müssen eine Menge lernen, sie müssen viele Reize verarbeiten und einen Rhythmus finden zwischen Wachen und Schlafen. Fachleute bezeichnen diesen Prozess als Selbstregulation.

Einige Kinder schaffen das sehr gut. Sie sind aufmerksam, wenn sie wach sind, und schalten ab, wenn zu viel auf sie einstürmt. Sie können sich sogar selbst beruhigen, indem sie an ihren Fingern nuckeln. Säuglinge, die übermäßig schreien, können all dies nicht so gut. Sie sind häufig überreizt und schlafen schlecht ein. Sie reagieren sehr empfindlich auf Umweltreize. Manche sind schon überfordert, wenn die Eltern sie wickeln wollen.

Warum manche Babys so empfindlich sind, ist bisher noch unklar. Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang mit der Schwangerschaft. Säuglinge neigen eher zum exzessiven Schreien, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft seelisch besonders stark belastet waren. Das belegt eine deutsche Studie. Ein niederländisches Forschungsteam bestätigte dies und fand heraus, dass Mütter von Schreikindern eher unter Depressionen litten, Ängste bezüglich ihrer Schwangerschaft hatten und unter starkem beruflichen Druck standen.

Holen Sie sich Hilfe vom Profi statt Pillen

Wenn Ihr Baby empfindlich ist und sehr viel schreit, sollten Sie es nicht zu vielen Reizen aussetzen. Achten Sie auf einen ruhigen Tagesablauf und gönnen Sie Ihrem Kind regelmäßige Schlafphasen. So helfen Sie dem Säugling, sich in der Welt zurechtzufinden. Medikamente, etwa gegen Blähungen, können Sie vergessen - sie helfen nicht. Und eine Ernährungs-Umstellung ist nur dann sinnvoll, wenn Ihr Kind tatsächlich allergisch gegen ein Nahrungsmittel ist.

Suchen Sie sich auf jeden Fall Hilfe, wenn Sie sich überfordert fühlen. Ihre Anspannung wird sonst zu groß und Sie können nicht mehr mit der nötigen Gelassenheit auf Ihr Kind reagieren. Zudem kann sich auch Ihr Kind nicht altersgerecht entwickeln, wenn es immer weiter schreit.

Lassen Sie sich von Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin sowie von Freunden und Verwandten helfen. Als entnervter Vater oder als erschöpfte Mutter müssen Sie sich zwischendurch ausruhen können. Lassen Sie den Arzt auch untersuchen, ob Ihr Kind krank ist. Hilfe können Sie auch in so genannten Schreiambulanzen finden. Diese sind angegliedert an Kliniken, Praxen und Beratungsstellen.

Lesen Sie auch
Der stern-Experte
Professor Reinhard Berner steht dem Ratgeber Kinderkrankheiten als Experte zur Seite. Er arbeitet am Universitätsklinikum Freiburg.