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Natürliches Verhüten mithilfe einer App - kann das gut gehen?

Mit einer neuen App sollen Paare natürlich verhüten können - ganz ohne Hormone und Nebenwirkungen. Experten warnen jedoch vor den Risiken der Methode.

Die Pille? Enthält zu viele Hormone und ist unnatürlich. Das Kondom? Kann reißen und ist unbequem. So oder so ähnlich denken viele Paare über gängige Verhütungsmethoden. Als natürliche Alternative gibt es die Temperaturmethode: Mit ihr misst frau jeden Tag ihre Körpertemperatur und bestimmt so ihre fruchtbaren Tage. Mithilfe einer App soll das noch einfacher gelingen: "Natural Cycles" für Android und iOS verspricht sichere Verhütung ohne Nebenwirkungen und wurde sogar vom TÜV als Verhütungsmethode zertifiziert. Doch kann das funktionieren?

Das Prinzip der App basiert auf dem Wissen, dass Frauen in jedem Zyklus einen Eisprung haben. In der Zeit um den Eisprung erhöht sich die Körpertemperatur um etwa 0,2 bis 0,5 Grad. Kommt es nun zu ungeschütztem Sex, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft recht hoch. Unbefruchtete Eizellen hingegen können nur kurze Zeit im Körper überleben. Sie gehen in der Regel nach 24 Stunden zugrunde. Ab etwa drei Tagen nach dem Eisprung bis zur Menstruation ist daher keine Befruchtung mehr möglich - und ungeschützter Geschlechtsverkehr bleibt folgenlos.

Verhütung mit Thermometer und Smartphone - kann das funktionieren?

Wollen Frauen mithilfe der App verhüten, brauchen sie dafür ein Fieberthermometer und ein Smartphone. Jeden Morgen vor dem Aufstehen muss die Körpertemperatur gemessen und in das Programm eingetragen werden. Die App soll dann Auskunft über die fruchtbaren Tage liefern. Das lässt sich mit etwas Übung jedoch auch anhand einer einfachen Tabelle berechnen. Paare ohne Kinderwunsch sollten in dieser Zeit auf Sex verzichten oder auf Barrieremethoden wie Kondome zurückgreifen. Die Temperaturmethode klingt zunächst plausibel - birgt aber auch gewisse Risiken, warnt etwa der "Berufsverband der Frauenärzte e.V.".

So sei das Verhüten via Temperatur recht fehleranfällig und daher "nie ganz sicher". Die Körpertemperatur steige bereits leicht an, wenn Frauen länger ausschlafen, später ins Bett gehen, abends noch Sport machen, Alkohol trinken, Stress haben oder auf Reisen seien. "Auch bei Frauen im Schichtdienst oder mit stark wechselnden Arbeitszeiten und Nachtarbeit sind die Temperaturkurven praktisch nicht zu verwenden", heißt es in einer Mitteilung. Für junge Frauen bis etwa 18 Jahre sei die Methode ebenfalls nicht zuverlässig genug.

Natürliche Verhütung - für wen ist sie geeignet?

Der Grund: Schwankt die Körpertemperatur, könnte die App anzeigen, dass der Eisprung bereits stattgefunden hat, obwohl das noch gar nicht der Fall war. "Wenn die Frau nach einer solchen Temperaturerhöhung aufhört, Barrieremethoden wie Kondom oder Diaphragma zu verwenden, kann das zu einer unerwünschten Schwangerschaft führen", heißt es weiter. Auch das Zertifikat des TÜVs sage nichts darüber aus, wie sicher und zuverlässig die Methode sei. Entscheidend sei vor allem eine sehr regelmäßige Lebensführung der Frau und ihre Bereitschaft, an fruchtbaren Tagen auf Sex zu verzichten oder mit Kondomen zu verhüten.

Da die Methode nicht zu 100 Prozent vor einer Schwangerschaft schützt, sei sie vor allem für Paare in einer Langzeitbeziehung geeignet, "die sowieso irgendwann ein Kind wollen, und bei denen eine Schwangerschaft kein Drama ist", erklärt Christian Albring, der Präsident des Berufsverbandes. Ansonsten seien hormonelle Verhütungsmethoden "die wesentlich zuverlässigeren Methoden". 

ikr