Deutschlands dubiose Goldmedaillen-Zucht

24. Juli 2012, 13:13 Uhr

130 Millionen Euro lässt sich der Staat die Hoffnung auf viele Medaillen kosten. Er setzt die Verbände mit geheimen Zielvorgaben unter Druck. stern.de gibt Einblick in ein fragwürdiges System. Von Daniel Drepper und Niklas Schenck

Olympia 2012, Deutscher Olympischer Sportbund, Medaillen, Kosten, Olympisches Gold

Von diesen Medaillen träumen die Teilnehmer der Olympischen Spiele in London. Der Deutsche Olympische Sportbund plant bei den Leichtathleten mit insgesamt acht.©

Im Vierjahresplan des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht schon fest, wie Deutschland bei den Olympischen Spielen in London abschneidet. So müssen allein die deutschen Leichtathleten in London acht Medaillen holen, zwei davon in Gold. Das wurde 2008 beschlossen, das sollen die Athleten ausführen. Bei Nichterfüllung des Planes drohen Geldentzug und Trainerentlassungen. Die deutsche Spitzensportförderung arbeitet wie eine Planwirtschaft an der Produktion von Medaillen im Vierjahrestakt. Sie sollen das Ansehen Deutschlands steigern.

2008 in Frankfurt, die Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) verhandeln beim DOSB über ihre erste Zielvereinbarung. Man ist sich einig geworden über die Medaillenzahl und die dafür nötigen Maßnahmen: Trainerstellen, Lehrgänge, Projektmittel. An dem Tag, an dem alles in einer Zielvereinbarung festgeschrieben werden soll, wird plötzlich das Geld zusammengestrichen, die Medaillenziele aber nicht. Der damalige DLV-Vizepräsident Eike Emrich war fassungslos: Er musste nun die vereinbarte Medaillenzahl mit zwei Dritteln des Geldes erreichen. "Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um dort in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind." Er zögerte wochenlang mit der Unterschrift, hoffte auf einen Sponsor, der ihn aus der Abhängigkeit befreit. "Dann haben wir doch unterschrieben, sonst hätten wir viel zu lange auf das Geld gewartet oder es gar nicht bekommen", sagt Emrich.

So geht es vielen Verbänden: Leistung lässt sich beeinflussen, Medaillen nicht. Sie hängen ab von den Konkurrenten, von der Tagesform, von Manipulationen im Feld, sogar vom Wetter. Der Diskuswerfer Robert Harting ist seit 28 Wettkämpfen ungeschlagen, er soll eine der beiden Goldmedaillen holen. "Aber wenn er bei seinen Würfen Rückenwind hat, wird er vielleicht nur Dritter", sagt Emrichs Nachfolger Günther Lohre. "Ich frage mich, warum ich mich solchen Zielstellungen unterwerfen sollte?"

Parlamentarier bohren – der DOSB mauert

DOSB-Funktionäre und Beamte versuchen zu verhindern, dass die Details dieser Planwirtschaft, die sich vor allem an Prestigeerfolgen messen lässt, aufgeklärt werden. Sie halten Zahlen und Daten unter Verschluss, verweigern Auskünfte selbst vor Gericht. Recherchen der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", ausgewertet gemeinsam mit stern.de, offenbaren die Dimension des Medaillenwahns in der öffentlichen Sportförderung.

In Athen holten die deutschen Leichtathleten zweimal Silber, in Peking einmal Bronze. Die Vorgabe für London: Eine Medaille im Sprint, drei in den Mehrkämpfen und Sprungdisziplinen, davon eine Gold, vier in den Wurfdisziplinen, auch davon eine in Gold. Das steht in einer Zielvereinbarung zwischen dem DOSB und dem Deutschen Leichtathletik Verband (DLV), die der WAZ und stern.de vorliegen. Erfüllt der DLV sie nicht, kann das Ministerium Mittel abziehen, als Strafe. Oder es stockt auf, weil das Geld für die gesteckten Ziele nicht reichte. Die Entscheidung darüber fällt hinter verschlossenen Türen.

Mit den Zielvereinbarungen kontrolliert der DOSB de facto die Vergabe von Steuermitteln an Sportverbände durch das Bundesinnenministerium. Zwei freie Journalisten beantragten Akteneinsicht – und werden bis heute hingehalten. Manche Verbände hätten ihre Zielvereinbarungen gerne öffentlich gemacht – und wurden vom DOSB zurückgepfiffen.

Kaum ein Verband traut sich, öffentlich zu protestieren. "Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, Verhandlungen über die Zielvereinbarungen seien die pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik", sagt Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD und Präsident des nicht-olympischen Sportakrobatik-Verbandes. "Die Zielvereinbarungen sind ein Machtinstrument des DOSB." Gerster sitzt im Sportausschuss des Bundestages. Selbst Gerster und seine Parlamentskollegen kennen die Zielvereinbarungen nicht.

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