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9. Oktober 2007, 11:02 Uhr

Keine Chance für Kerle

Wo sind die wilden Kerls?

Vorbei die Zeit, als Buben in Jugendromanen Banden gründen und Diebe jagen durften, während Mädchen ihre Freizeit vergnügt auf Ponyhöfen verbrachten. "Mädchen dürfen in der heutigen Jugendliteratur jederzeit die Grenze zur Jungenwelt überschreiten, umgekehrt ist das nicht möglich", sagt Burkhardt Fuhs, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Erfurt. Offenbar lechzen die Jungen geradezu nach Männerwelten. Beispiel "Die wilden Fußballkerle": Die Buchreihe avancierte zum Bestseller. Als Verkaufshit entpuppte sich auch "Berts Katastrophen", ein vierzehnbändiges fiktives Tagebuch des pubertierenden Bert Ljung, der mit Spaß und Lust sein schrecklich-schönes Leben vom 11. bis zum 16. Lebensjahr schildert. Ansonsten bleiben Pickel und Petting literarisch eine Mädchendomäne. "Jungen werden mit ihren Problemen weitgehend allein gelassen", sagt Professor Fuhs.

Dass Autorinnen ihre Erfahrungen, Ängste und Wünsche in Kinderbücher verpacken, ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass die verbissene Pädagogik der 70er und 80er Jahre in jüngster Vergangenheit einer heiteren Selbstverständlichkeit gewichen ist. Etwa im Bilderbuch "Wir teilen alles" von Babette Cole. Sie erzählt von einem galligen Rosenkrieg der Eltern Schroberklott. Papa mischt Mama Beton ins Badesalz, Mama rührt Papa Knaller in den Kartoffelbrei. Doch die Kinder nehmen es stets easy und organisieren eine Entheiratungsparty. Die Zielgruppe findet das weniger cool, hat Forscherin Daubert herausgefunden: Bei einer Leseprobe mit kleinen Kindern reagierten die Zuhörer verstört auf die Story. Ein Junge lief weinend aus dem Zimmer. "Wenn die Literatur die tief greifenden Folgen einer Scheidung so verharmlost, so ist das nicht unproblematisch."

Real-Life-Bilderbuch um Patrick Lindners Familie wird zur Farce

"Die Destruktion des Familienlebens ist auffällig", stellt auch die Literaturwissenschaftlerin Susanne Becker fest, Mitglied der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises. Welch skurrile Blüten das treibt, beweist das 2002 erschienene und von manchen Pädagogen gefeierte Real-Life-Bilderbuch "Komm, ich zeig dir meine Eltern". Es belegt aus Sicht des vierjährigen Daniels, wie gut es sich mit seinen zwei schwulen Adoptivvätern, dem Schnulzenstar Patrick Lindner und dessen Manager Michael Link, leben lässt. Eine Farce: Vor zwei Jahren trugen Linder und Link einen hässlichen Trennungskrieg um Daniel über die Presse aus.

Inzwischen bedienen die bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen die Klaviatur moderner Beziehungs- und Psychokisten, vom Kleinkrieg in der Patchwork-Familie bis zum Coming-Out der eigenen Mutter. Und immer wieder übernehmen Mädchen die Opferrolle oder retten die verirrten Seelen der Eltern, während Jungen meist als Chargen dienen. "Selbst ist das Mädel", lautet die Kernbotschaft.

Starke Frauen, schwache Männer, kaputte Familien: Pädagoge Fuhs hält diese dramaturgische Melange nicht nur in Hinblick auf Jungen für bedenkenswert. "Wie nah", fragt der Professor, "sollte man Kinder überhaupt an die Erwachsenenwelt heranführen?" Sie immer wieder mit Problemen und Rollenbildern konfrontieren, die nur die wenigsten von ihnen kennen? Zwar nähmen alternative Lebensstile zu, "doch die traditionelle Familie ist immer noch die Normalform." Rund 80 bis 85 Prozent der deutschen Kinder leben stinknormal und mit den üblichen Alltagssorgen mit verheirateten Eltern zusammen. In den belletristischen Kinderwelten seien die Verhältnisse inzwischen auf den Kopf gestellt, sagt Forscherin Daubert.

Für Jugendbuchforscher Ewers geht das literarische Ego-Shooting der Autorinnen am Markt vorbei. 1,3 Milliarden Euro spielten Kinder- und Jugendbücher im vergangenen Jahr ein - es könnten seiner Ansicht nach deutlich mehr sein. "Das Rollenverhalten von Mutter und Vater beschäftigt vielleicht noch Siebenjährige, ab zehn Jahren ist es ihnen ziemlich egal." Sein Fazit: "Kinder- und Jugendliteratur kümmert sich - gemessen an der Zielgruppe - zu viel um das Thema Familie." Was Wunder, dass sich die jungen Leser lieber in die zauberhaften Märchenwelten von Bartimäus, Harry Potter, Pipi Langstrumpf oder Jim Knopf fallen lassen.

Egal ob Fanatsy, Science-Fiction oder Kitsch - Hauptsache, die Jungen lassen sich wieder vom Schmökern begeistern, sagt Literaturexpertin Daubert. Vor allem im Alter zwischen neun und elf Jahren entscheidet sich, ob Kinder Bücher lieben lernen. "Kinder, die in diesem Alter Detektiv- und Internatsliteratur verschlingen, haben beste Chancen, später motivierter Leser zu werden. Wer dagegen Literatur bekommt, die ihn nicht erreicht, wird es schwer haben."

Beate Dölling

Beate Dölling In "Mama verliebt" von Beate Dölling wird die Mutter von Vater zur Überraschung ihrer verständnisvollen Töchter beim Essen kurzerhand als Lesbe und Liebhaberin ihrer Arbeitskollegin geoutet.

Tanneke Wigersma

Tanneke Wigersma In "Acht Tage mit Engel" beschreibt Tanneke Wigersma, wie das Mädchen Silke sich mit ihrer Phantasie gegen den Missbrauch durch ihren Vater wehrt.

Von Rolf-Herbert Peters
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