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14. August 2006, 14:41 Uhr

Alterssühne oder provokante Selbstvermarktung?

Aufregung um Günter Grass: Sein Geständnis, als junger Mann der Waffen-SS angehört zu haben, sorgt für deftige Kommentare. Ein CDU-Politiker fordert gar die Rückgabe des Nobelpreises.

Günter Grass vor seinem Ferienhaus auf der dänischen Insel Möhn© Matthias Hönig/DPA

In seinen Romanen hat Günter Grass über diverse Facetten der deutschen Nazi-Vergangenheit geschrieben, hat sich bei politischen Diskussionen eingeschaltet und über die Nazi-Vergangenheit des österreichischen Ex-Bundespräsidenten Kurt Waldheim geurteilt. Gleichzeitig hat er 50 Jahre lang verschwiegen, dass er 1944, mit 17 Jahren, selbst zur Waffen-SS einberufen wurde. Dabei hätte er genug Gelegenheiten gehabt, sich zu "outen", was ihm Schriftsteller-Kollege Rolf Hochhuth ankreidet, der ihn nach seinem Geständnis für moralisch diskreditiert hält. Schließlich habe er sich 1985 über den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ereifert, weil dieser mit US-Präsident Ronald Reagan einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem neben Hunderten amerikanischer und deutscher Soldaten auch 49 Mitglieder der Waffen-SS beerdigt wurden.

Denn erst jetzt gesteht Grass in seinem Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel", das am 1. September erscheinen wird, die Mitgliedschaft bei der Nazi-Organisation. Obwohl Rezensionsexemplare der Autobiografie schon länger im Umlauf waren, hat sich über diese Tatsache erst seit diesem Wochenende eine Woge der Empörung ergossen: Als nämlich Günter Grass in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die Frage, warum er erst jetzt über seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS spreche, sagt: "Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich…"

Rückgabe des Literatur-Nobelpreises

Die Reaktionen darauf sind heftig: Der CDU-Kulturpolitiker Wolfgang Börnsen drängt gar auf eine Rückgabe des Literatur-Nobelpreises. Seine Forderung begründet er damit, dass Grass sein Leben lang hohe moralische Ansprüche vor allem an Politiker gestellt habe. "Diese Ansprüche sollte er jetzt auch an sich selbst stellen und alle Ehrungen, die er erhalten hat, in honoriger Weise zurückgeben - auch den Nobelpreis", sagte Börnsen in der "Bild"-Zeitung.

Im Übrigen finden sich dort besonders viele empörte Kommentare zu Grass' Geständnis. Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner bezeichnet den Autor als "Gutmensch-Bestseller-Karrierist" und wirft ihm vor, seine Jugendsünde allein aus Vermarktungsgründen gestanden zu haben: "Was für eine für bessere PR gäbe es, wenn Sie sich als SS-Mann outen." Für Hitler-Biograf Joachim Fest ist das Verhalten von Grass "ein Rätsel".

Kein Ruhm mehr in der Heimat?

Und der polnische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, ebenfalls Ehrenbürger von Danzig, forderte den 78-jährigen Autor in der "Bild" auf, auf diesen Titel zu verzichten. Nach den Sommerferien wird der Rat der polnischen Stadt, Geburtsort von Grass, beraten, ob er weiterhin als Ehrenbürger gelten wird oder ob er den Titel abgeben muss.

Scham ausreichende Begründung

Verständnis für Grass zeigt sein österreichischer Schriftsteller-Kollege Robert Menasse. "Wer als 17-Jähriger talentiert und sensibel ist, obendrein von zu Hause weg will, der ist sehr leicht für alles Mögliche verführbar", sagte Menasse gegenüber einer Wiener Zeitung. "Grass' Begründung, die Scham hätte ihn von einem früheren Bekenntnis abgehalten, erscheint mir glaubwürdig und nachvollziehbar. Das kann man doch bewundern: Dass ein alter Mann sagt: Ich habe einen Fehler gemacht.

Auch der Jenaer Historiker Norbert Frei hat die Mitgliedschaft des Literatur-Nobelpreisträgers in der Waffen-SS als "keine große Sache" bezeichnet. Die Waffen-SS des Jahres 1944 sei keine Eliteformation mehr gewesen, sagte der Professor für Neuere und Neueste Geschichte im Deutschlandradio Kultur. "Da war man nicht mehr wählerisch, da wurden auch die ganz jungen Leute in den Krieg hineingezogen."

Grass findet sich zur "Unperson" gemacht

Grass selbst hat das Medienecho als persönlich verletzend kritisiert. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte Grass: "Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen". Er sei froh, dass es differenzierende Gegenstimmen gäbe. Entscheidend sei in seinem Buch nicht das Thema Waffen-SS, sondern das quälende Hinterfragen seiner Naivität als Jugendlicher in der NS-Zeit. "Wie konnte ich so blauäugig dieser Ideologie hinterherlaufen?" An einem Verbrechen wäre er allerdings nicht beteiligt gewesen, von seiner Vereidigung Ende Februar 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 habe er nicht einen einzigen Schuss abgegeben. Zu einer möglichen Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerschaft und des Nobelpreises wollte sich Grass allerdings nicht äußern.

Knalleffekt für Wickerts neue Sendung

Am Donnerstag wird Günter Grass in der ARD Ulrich Wickert Rede und Antwort stehen. Extra zu diesem Anlass wird nämlich die neue TV-Reihe "Wickerts Bücher" vorgezogen. Wie es der Zufall will, wollte man sich in der eigentlich für den 7. September geplanten Sendung monothematisch Grass' Autobiografie widmen. Nun hat Wickert mit seiner ersten Ausgabe den größeren Coup gelandet und den "Skandal"-Autor persönlich zu Gast.

Erscheinungstermin für die Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" ist der 1. September. Ob sich die Aufregung um Günter Grass' Bekenntnis positiv auf die Vorbestellungen ausgewirkt hat, ist nicht bekannt. Der Steidl Verlag, der das Buch herausgibt, macht bis zum 15. August Sommerferien.

kbu mit DPA
 
 
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