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30. April 2008, 11:30 Uhr

"Keine Öko-Tussi wie Charlotte Roche"

Sie ist groß, schlank, hübsch, Akademikerin und - ganz im Zeitgeist - vorsätzlich vulgär. Eigentlich wollte die Hardcore-Rapperin Lady Bitch Ray keine Interviews mehr mit Frauen führen. Für den stern machte sie eine Ausnahme - und gab sich gewohnt derbe. Von Gerda-Marie Schönfeld

Reyhan "Lady Bitch Ray" Sahin bei der Deutschlandpremiere des Films "Chiko" in Hamburg© Roland Magunia/DDP

Als die 27-jährige Deutschtürkin Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray neulich abends bei Schmidt & Pocher in der ARD zu Gast war, hielten die beiden Herren so deutlich Abstand, dass vermutet werden konnte: Hier herrschte Panik, die Dame könnte unversehens aus der Rolle fallen. Ist sie aber nicht. Denn bei Lady Bitch Ray geschieht nichts unversehens. Sie ist sehr bedacht auf ihr Image, trägt als Outfit eine eigene Kreation - vorne Dekolletee, hinten ein Hauch von Chiffon - und ist später, beim Interview in der Kölner Studiogarderobe, ein wenig enttäuscht über die kurze Zeit, die ihr Schmidt & Pocher eingeräumt haben.

Auf dem Tisch stehen Häppchen - "nehmen Sie, die müssen weg" - sie hat sich umgezogen und trägt nun ein braves Röckchen. Wenn man mit ihr spricht, ist sie schnell im Kopf und sehr konzentriert. Sie lacht gern, macht der Studio-Assistentin liebreizende Komplimente ("Fatma, das Mädchen mit dem schönsten Lächeln hier") und ist um eine lockere Stimmung bemüht, als sie ihre Definition einer "Bitch" erklärt: "Eine Bitch ist vulgär, frech, rotzig und intelligent. Sie tut Dinge, die bei Frauen gesellschaftlich tabuisiert sind, bei Männern aber stillschweigend akzeptiert werden. Eine Bitch steht zu ihrer vaginalen Selbstbestimmung."

Keine Attitüden, dafür ganz gespannte Aufmerksamkeit. Die Tochter türkischer Eltern, geboren in Bremen, schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit und weiß, dass sie eine ungewöhnliche Karriere hinter und vor sich hat - Doktorandin, Feministin, Dozentin an der Bremer Uni, Hardcore-Rapperin mit so obszönen Texten, dass man erstmal verschreckt den Kopfhörer beiseite legt.

Auch wenn Lady Bitch Ray Klartext spricht wie Charlotte Roche in "Feuchtgebiete", hält sie nicht viel vom Stil der Buchautorin: "Meine Philosophie: Vagina-Style, Pussy de luxe. Ich bin nicht so eine Öko-Tussi wie Charlotte Roche: untenrum nicht waschen, keine Achselhaare rasieren und so. Ich liebe ästhetische Weiblichkeit..."

Im Sommer kommt ihr erstes Album. Titel: "Aufklärung", nach Immanuel Kant. Ein "feuchtes, aufregendes Album", wie Lady Bitch Ray verrät. Natürlich gibt's da wieder ein bitchmäßig-intelligentes Doppelspiel. Das heißt Emmanuelle Cunt, und meint a) die Emmanuelle-Softpornos aus den siebziger Jahren mit der schönen eleganten Silvia Kristel und b) cunt, was wiederum vulgär-englisch für Vagina steht. Wirklich, ein schlaues Mädchen. Das ganze Interview mit Lady Bitch Ray lesen Sie im neuen stern.

Mehr dazu...

Mehr dazu... ...im neuen stern

Von Gerda-Marie Schönfeld
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Alex64 (02.05.2008, 16:34 Uhr)
Ach was
Das Ganze läuft eben doch wie beim männlichen Rest der coolen "Gangstas".
Auch meine Generation kennt das. Der "Coolste" der Gruppe im Kindergarten bzw. der Schule war der, der die schmutzigsten Wörter kannte und das provokanteste Auftreten hatte.
Nur - so manches dumme Kind wird eben nie erwachsen. Und die ganzen dummen Kinder rundherum gehören gerne zu seiner Clique - und merken dabei gar nicht, das sie immer noch die dummen Kinder von gestern sind.
H.P. (02.05.2008, 14:10 Uhr)
Franzi001
+++@....hier sind Herren, die das natürlich nicht hören wollen, was von "Lady Bitch Ray" ausgesprochen wird, da es sie natürlich in ihrem Selbstverständnis angreift oder mindestens hinterfragt.+++
Franzi001, mir persönlich ist das, was diese im Aussehen nette Türkin sagt völlig egal, ich erzähle selbst gerne Witze die nicht immer Sauber sind. Was ich nicht mag, wenn es zu vulgär und ordinär wird, weil es alles kaputt macht. Den meisten dabei geht es nur ums Geschäft und dafür braucht man ein bestimmtes Publikum, die Öffentlichkeit, also eine Plattform und die bekommen sie auch noch geboten. Daran erkennt man die Dummheit einer Gesellschaft die jedem losgeht und ihn berühmt und reich macht. Die Leute sind es selbst schuld, selbst ein Dieter Bohlen lacht sich krank über die Dummheit seiner Anhänger die ihn reich gemacht haben.
Franzi001 (01.05.2008, 21:05 Uhr)
@Gaiwa
Vielen Dank, sie sprechen mir aus dem Herzen! ;-)
Man macht es sich sehr leicht, es einfach nur als Provokation abzutun. Ich wette, die meisten der Kommentatoren hier sind Herren, die das natürlich nicht hören wollen, was von "Lady Bitch Ray" ausgesprochen wird, da es sie natürlich in ihrem Selbstverständnis angreift oder mindestens hinterfragt.
Dylan1941 (01.05.2008, 15:20 Uhr)
LBR^
Am besten erklärt diese billige und überflüssige Copy erstmal Ihrem Vater und der ganzen Verwandschaft Ihre Definition einer Bitch bevor die Welt von diesem Gedankemgut erleuchtet wird.
bernie-abg (01.05.2008, 13:19 Uhr)
@stwberlin...
...und nachdem erschaffen und erkannt wurde stellt sich die Frage, wie bringe ich etwas, daß niemand braucht oder haben will an den Mann?
Natürlich mit Hilfe der Medien, die ja auch bloß verkaufen wollen. Und sinnfrei provozierend sind LBR und der aggro-Dreck. Die Masche zur Kasse.
Wobei zu ergründen bleibt, was war zuerst da die Henne oder das Ei?
Swissmiss (01.05.2008, 12:42 Uhr)
Ziel erreicht
Wie all die vielen Kommentar hier zeigen, die sich über Lady Bitch Ray aufregen, hat sie ihr Ziel erreicht und der Gesellschaft wieder mal den Spiegel vorgehalten. Man ist auch in Europa noch längst von einer wirklichen Gleichstellung der Geschlechter entfernt. Oder habt ihr euch auch so aufgeregt, als sich Robbie Williams bei seinem letzten Konzert in den Schritt gefasst hat? Ooder regt ihr euch auch so auf über die Frauenverachtenden, Gruppensex, -gewalt und -machoverherrlichenden Texte von Bushido und Co? Wenn aber eine Frau ihre sexuelle Selbstbestimmung so offen zur Schau stellt...
Clemens1964 (01.05.2008, 10:41 Uhr)
was ist der superlativ von überflüssig?
drüberflüssig?!
acitapple (01.05.2008, 10:40 Uhr)
@gaiwa
sexuelle revolution hin oder her: solange die jahrtausende alten regeln der paarung und paarfindng unverändert sind, wird sich nie etwas an den manifestierten geschlechterbildern ändern !!! die männchen buhlen immer noch um die weibchen, bauen nester, putzen sich heraus, tragen den zweikampf mittlerweile mit ihren statussymbolen aus und denken nur an fortpflanzung. ja, so einfach ist das. denn auch wenn die partnersuche mittlerweile sogar im internet stattfindet, wir uns als so furchtbar zivilisiert betrachten, so bleiben wir trotzdem neandertaler.
Gaiwa (01.05.2008, 06:42 Uhr)
Nur Provokation?
Heute wird im Bereich Kunst alles als "NUR Provokation" abgetan, oder Kunst jeder Wert oder sogar die Bezeichnung als solche aberkannt, wenn es persönlich nicht gefällt.
Unter der Oberfläche und den vulgären Worten ist die von ihr genannte Wahrheit aber absolut ein Teil der Gesellschaft in diesen Schichten:
Trotz sexueller Revolution und Gleichberechtigung stehen Männer und Frauen in ihrer sexuellen Gleichbestimmung gesellschaftlich auf einem völlig unterschiedlichen Level und werden unterschiedlich bewertet.
Abstreitbar ist das ernsthaft, und zwar unabhängig von ihr und der Musik, ja wohl kaum. Und wenn man es anerkennt aber es "normal" findet, dann ist jede Kritik berechtigt, auch wenn man sie in dieser Form zu vulgär findet. Aber unabhängig davon WIE sie es sagt, der Kern dessen basiert auf der realen Situation.
Heut zu Tage ist das aber in der Allgemeinheit und "Mittelschicht" (denn auf höherem Niveu wird es vielleicht nicht subjektiv gemacht, aber zumindest verstanden und hinterfragt) relativ üblich die Aussage selbst und das WAS völlig zu ignorieren, sobald das WER und WIE subjektiv nicht passt. "Das ist nur Provokation" ist dann ein häufiger Satz, meist ohne dass das jeweilige Thema dann wirklich beleuchtet wird.
Pelykanos (01.05.2008, 04:32 Uhr)
Dekadenz zum Quadrat
Wenn es noch einer Begründung bedurft hätte, weshalb unsere westliche Gesellschaft in den Augen der islamischen Welt als verkommen, dekadent, obszön und widerwärtig angesehen wird, dann wird sie durch diese Nina-Hagen-Kopie geliefert. Dass ein hochgejazzter und überschätzter Regisseur sie auch noch zur "Schauspielerin" stilisiert, macht den Medienhype auch nicht besser. Es ist traurig mitanzusehen, wie eine dem Turbokapitalismus geopferte Gesellschaft den letzten Rest iher kulturellen Würde verspielt.
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