Weil sie in Afrika Kondome verteilte, wurde die katholische Nonne Majella Lenzen aus ihrem Orden entlassen. Doch statt gehorsam zu schweigen, bezieht die Missionarin jetzt in einem Buch Stellung. Begegnung mit einer ungewöhnlichen Rebellin. Von Andrea Ritter

Von der Nonne zur Buchautorin: Majella Lenzen© Thomas Rabsch
Die Haare sind kurz geschnitten. Das ist praktisch, bei der Hitze und auch sonst. Genau wie die rahmenlose Brille mit den selbst tönenden Gläsern. Majella Lenzen ist groß, über 1,75 Meter, in Afrika nannten sie sie "Schwester Giraffe". Was sonst noch auffällt? Die hohen Wangenknochen in dem sehr schmalen Gesicht. Und vor allem: Die Stimme. Majella Lenzen ist 70 Jahre alt, aber wenn sie spricht, klingt es nach jugendlicher Begeisterung. Das ist umso verwirrender, weil sie gerade von ihrer Arbeit - ihrer "Berufung" - erzählt: Sie ist eine Dienerin Gottes. Also ist Jesus quasi ihr Chef. Und sie selbst dazu da, seinen Auftrag zu erfüllen, mit jeder Sekunde ihres Lebens.
"Für Gott anderen Menschen zu dienen. Das ist meine Aufgabe", sagt Majella Lenzen, und sie sagt es mit einer Überzeugung, die man wohl nur erreicht, wenn die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des eigenen Daseins über Jahrzehnte gereift ist. Majella Lenzen ist ein Mensch, der genau weiß, wozu er auf der Welt ist.
Mehr als vierzig Jahre war sie katholische Missionsschwester; dreiunddreißig davon verbrachte sie in Ostafrika. Sie hat Krankenhäuser geleitet, bei Operationen assistiert, Medikamente beschafft und verteilt. Sie hat Menschen ins Leben und in den Tod begleitet, Patienten von der westlichen Medizin überzeugt, ein Aidszentrum aufgebaut und einhei-mische Krankenschwestern ausgebildet. Bis zu jenem Ereignis, das sie rückblickend ihren "Aids-Tod" nennt: Im Januar 1992 verteilt sie in den Slums von Morogoro, Tansania, Kondome an Prostituierte. Eine Nonne, die sich mit Huren und Verhütungsmitteln abgibt - das ist zu viel für die katholischen Amtsträger. Die Vorgesetzten beginnen ein mehrjähriges Verfahren, mit dem sie aus der Ordensgemeinschaft ausgeschlossen wird. "Caput" heißt das auf lateinisch. Majella Lenzen wurde "geköpft". Ein Wort, das nur intern fiel. Offiziell hat sie, wie jede Nonne, den Orden freiwillig verlassen.
Dass die katholische Kirche im Inneren oft anders kommuniziert, als sie es nach Außen klingen lässt, ist einer von vielen Punkten, die Majella Lenzen heute "Heuchelei" nennt. "Kommunikationsschwierigkeiten" waren dann auch der offizielle Grund für ihre Entlassung. "Mit dem, was für meine Arbeit notwendig war, bin ich immer wieder an die Grenzen der kirchlichen Moral gestoßen", sagt sie. Und war damit sie nicht die einzige. "Ich habe erlebt, wie Pfarrer entpflichtet wurden. Wie ein Bischoff aus Südafrika unter Tränen bekannt hat, dass er nicht weiß, wie er helfen soll, wenn die Kirche Kondome verbietet."
Bei seiner letzten Afrikareise im März sprach Papst Benedikt davon, dass Kondome das Aids-Problem verschlimmerten. Helfen könne nur "spirituelles und menschliches Erwachen". Worte, die in der Praxis wenig bringen. "Jeder weiß, dass Kondome nicht die alleinige Lösung sind. Aber wenn die Kirche Kondome verbietet, redet sie den Menschen ein schlechtes Gewissen ein. Mit Sexualität hatte die Kirche schon immer Probleme. Und das Schlimme ist, dass sie sie mit Schuld verknüpft. So werden Scham, Schweigen und Heimlichtuerei genährt. Das sind die Dinge, die die Problematik verschlimmern."
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