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26. Oktober 2009, 10:45 Uhr

Dem Weltuntergang so nah

Die Schriftstellerin George Eliot führte den Begriff Angst in die englische Sprache ein. Ebenso populär ist mittlerweile die Wortkombination "german angst", sie verbreitete sich Anfang der 1980er Jahre, als man in Deutschland das Waldsterben entdeckte. Von Sven Siedenberg

Man spricht Deutsch, Sprachkolumne, Sven Siedenberg

Besserwisser, Katzenjammer oder Gemütlichkeit - diese deutschen Wörter kennt man auch im Ausland© Heyne

In Deutschland haben ängstliche Menschen nicht einfach Angst. Sie leiden unter Fracksausen, Lampenfieber und Torschlusspanik, manchmal bekommen sie auch eine Gänsehaut, weiche Knie oder ihnen rutscht das Herz in die Hose. In Österreich kennt man außerdem die kopfschmückende "Angströhre". Der Begriff wurde 1848 in Wien geprägt, als die aufständischen Studenten statt der breitkrempigen Filzhüte angeblich wieder bürgerliche Zylinder aufsetzten.

Ein Jahr später wurde "angst" von der Schriftstellerin George Eliot in die englische Sprache eingeführt. Dort bezeichnet es ein Gefühl der Beklemmung oder gar Panik und hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg so fest als düstere Variante des englischen "fear" etabliert, dass sie in zahlreichen Lexika zu finden ist. Man begegnet "angst" in der akademischen Hochsprache, zum Beispiel als Buchtitel ("Woody Allen's Angst"), aber auch im Boulevardjargon oder in der Comicwelt.

Mindestens genauso populär ist mittlerweile die Wortkombination „german angst“. Darunter versteht man im angelsächsischen Raum ein typisch deutsches Lebensgefühl, das sich aus Verzagtheit, Pessimismus und Endzeitstimmung speist und von Sirenengesängen begleitet wird. Ein Phänomen, das die britische Oberschicht für übertrieben, uncool oder gar neurotisch hält.

Die Wortkombination verbreitete sich Anfang der 1980er Jahre, als man in Deutschland immer lautstärker Umweltthemen diskutierte und das Waldsterben entdeckte, was sogleich als Zeichen des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs interpretiert wurde. Eine Fehlinterpretation, wie sich herausstellte, trotzdem ängstigt man sich munter weiter: vor Genmais, Feinstaub, Vogelgrippe, Elektrosmog, Hartz IV, der Klimakatastrophe oder der nächsten Rezession.

"German angst" ist besonders oft im politischen Schlagabtausch anzutreffen. So benutzte der englische Premierminister Tony Blair diesen Begriff, um damit die angebliche Reform-Angst der Deutschen zu geißeln. Manchmal allerdings kommt es vor, dass auch Briten plötzlich ganz unbritischen Bammel haben, zum Beispiel vor deutschen Wortschöpfungen wie „Blitzkrieg“ oder „Alzheimer“; sie sind dann „angst-ridden“. Neuerdings trifft man die „angst“ auch als Verb an: „to angst over something“.

"Angst" kennt man im Englischen

Zur Person

Zur Person Sven Siedenberg lebt und arbeitet als Journalist und Autor in München. Seine Glossen, Kritiken, Reportagen, Porträts und Essays sind unter anderem im Spiegel, stern, Focus sowie in der Zeit, Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung erschienen. Er hat an zahlreichen Anthologien mitgewirkt und bereits einige Bücher geschrieben, sein neuestes "Besservisser beim Kaffeeklatsching" ist im Heyne Verlag erschienen.

Von Sven Siedenberg
 
 
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