Thomas Anders hat ein Buch geschrieben. Über sein Leben, Modern Talking, Dieter Bohlen. Warum der Musiker wieder in Ruhe fernsehen kann: ein stern.de-Gespräch. Von Sophie Albers
Ich fühle mich gut damit. Wenn ich mir jetzt Gedanken machen würde, was ich falsch gemacht habe, hätte ich nicht anfangen dürfen zu schreiben...
Ich weiß. Aber es war ja klar, was passieren wird. Das Buch erzählt mein Leben. 48 Jahre, an denen, wie jeder wissen sollte, mein Ex-Partner stark beteiligt war. Über die Hälfte meines Lebens habe ich mit Dieter Bohlen mal mehr und mal weniger zu tun gehabt. Und hätte ich nur einen Satz in meinem Buch über Dieter Bohlen geschrieben, wäre das der Aufhänger gewesen. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass das immer noch so große Aufmerksamkeit hervorruft. Die Trennung von Modern Talking ist ja nun schon acht Jahre her.
Aber er hat doch schon von anderen Leuten einen mitbekommen.
Ok, ich bin das nächste Bindeglied, ich sehe es ja ein. Und dann habe ich diesem Wunsch natürlich auch voll und ganz entsprochen.
Weil es eben nicht meine Art ist. Ich wollte diese feine Nuance reinbringen, eben nicht mit dem Hammer voll draufzuhauen, sondern einfach aufzuschreiben, wie ich es erlebt habe. Jeder, der mein Buch liest, kann sich selbst ein Urteil über Dieter Bohlen bilden. Nicht ich. Das war mir von Anfang an wichtig. Ich bin kein Hau-drauf-Typ.
Nur weil das Publikum das erwartet, schreibe ich doch kein Abrechnugsbuch! Ich bin ich. Dafür bin ich zu sehr im Leben und in der Mitte. Ich kann doch nicht Dieter Bohlen und sein Buch verurteilen, in dem er mit mir und anderen abrechnet, und dann ein paar Jahre später das Gleiche tun. Das ist einfach nicht mein Stil. Ich hatte nach Bohlens Buch wirklich viele Anfragen: "Herr Anders, wir geben Ihnen einen Vorschuss. Hauen Sie zurück. Sie haben doch auch was zu erzählen." Aber ich bin der Versuchung des schnöden Mammon nicht erlegen. Mein Buch kommt dann, wenn ich bereit bin, es zu schreiben - mit gutem Gewissen.
Das waren noch andere Zeiten, aber sie lagen schon im oberen sechsstelligen Bereich. Aber ich will morgens in den Spiegel schauen können. Ich will mich nicht für mich selbst schämen. Nach der Trennung von Modern Talking 1987 ist sofort Thomas Stein zu mir gekommen, damals noch Geschäftsführer der Teldec, und hat mir einen Vier-Millionen-Vertrag offeriert. Aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht mehr. Das war vielleicht ein Burnout, nur das Wort gab es noch nicht.
Eine Reflektion meines Lebens. Ich habe für mich persönlich und beruflich meine Mitte gefunden. Ich habe mein Leben im Griff, ich liebe meine Familie, ich liebe meinen Beruf, ich kann Erfolge vorweisen. Ich gehe auf die 50 zu, und ich habe viel erlebt.
Vielleicht, unterbewusst. Ich habe beim Schreiben wirklich nicht Vergangenheitsbewältigung betrieben. Aber wahrscheilich habe ich mit Bohlen abgeschlossen, meinen Frieden gemacht. Das merke ich auch immer wieder, wenn er im Fernsehen zu sehen ist. Ich gucke es an, und plötzlich sehe ich Dieter Bohlen in ihm - und nicht mehr meinen Ex-Partner. Das sind so Entwicklungsphasen. 2003 oder 2005 war das noch anders.
Nein, beim Durchzappen. Aber ich zappe nun eben nicht mehr verschreckt weg, wenn Bohlen zu sehen ist.
Ja, ich bin sehr harmoniebedürftig.
Mit Sicherheit gab es Phasen, da hätte ich ihm gesagt, für wie bescheuert ich ihn halte, wenn er vor mir gestanden hätte. Aber darüber bin ich hinweg. Wenn ich ihn jetzt sehen würde, würde ich denken: "Bitte, bitte nicht kostbare Minuten meines Lebens in einer Konfrontation mit Dieter Bohlen verschwenden, die eh zu nichts führt." So weit bin ich gekommen. Es gab aber auch Zeiten, da habe ich an der Öffentlichkeit gezweifelt. Wie kann man so jemanden so hochstilisieren, so uneingeschränkt gut finden, was er tut. Dass er es selbst gut findet, das ist das menschliche Drama bei der Sache. Aber wie kann eine Nation es gutfinden, wenn ein pubertierender Jüngling vor der Kamera steht, dem ein Millionenpublikum entgegengeschleudert wird, und Bohlen sagt: "Der Unterschied zwischen einem Eimer Scheiße und dir ist der Eimer." Da muss sich doch jeder Mensch fragen, was dieses menschenverachtende Gerede soll. Ich verstehe das bis heute nicht.
Wäre ich noch mal 20 und mir würde jemand meinen Film ablaufen lassen, der zeigt, was da auf mich zukommt, ich glaube, ich hätte nicht den Mut, den Weg zu gehen. Der hatte verdammte Höhen und Tiefen, und das war nicht immer alles lustig. Von heute aus betrachtet, bin ich durch die Erfahrungen gereift. Da würde ich im Rückblick sagen, es hat sich gelohnt.
Ja! Meine Frau, damals noch Freundin, sagte: "Ist doch superklasse, wenn ihr noch mal Modern Talking macht." Ich habe geantwortet: "Du hast keine Ahnung, auf was du dich da einlässt." Den Satz hat sie nie vergessen. Sie sagt heute noch: "Ich hab nicht verstanden, was du meintest, jetzt verstehe ich es." Aber ich hab's ja überlebt.
Ja! Es wird kein Modern Talking mehr geben. Ich werde nicht mehr mit ihm arbeiten! Modern Talking ist mir zu kostbar, als dass ich mich noch mal darauf einlasse und mir Gedanken machen muss, wie sich das entwickeln wird. Es hat sich ja nun gezeigt, dass Charaktere sich nicht verändern. Am Ende des Tages hat Dieter Bohlen nicht die Größe, Partner - beruflich oder privat - mit guten Gedanken ziehen zu lassen. Es ist sein Charakterzug nachtreten zu müssen. Das war bei allen seinen Frauen so, bei Geschäftspartnern - und auch bei mir. Schon beim Gedanken daran schüttelt es mich.