Der Film "Stay" ist absurd, unbegreifbar und wühlt dennoch auf. Im stern.de-Interview erzählt Regisseur Forster von seiner Familie, der fehlenden Logik des Lebens - und der Bedeutung des Todes.

Marc Forster, Regisseur von "Monster's Ball", "Wenn Träume fliegen lernen" und "Stay"© Arnd Wiegmann/Reuters
Wir versuchen, mit unserer Realität zu leben und diese Realität mit Logik zu erklären. Für mich war es immer schon schwierig, Realität und Traum zu unterscheiden. Schon als Kind bin ich der Wirklichkeit entflohen, habe mich eine Traumwelt geflüchtet. Bei diesem Film habe ich die Möglichkeit bekommen, mit den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum zu spielen.
Zuschauer sind daran gewöhnt, dass Filme einer gewissen Logik folgen. Aber tatsächlich folgt das Leben ja keiner Logik. Es passieren immer wieder Dinge, die wir logisch nicht erklären können. Das spiegelt sich in dem Film wider, sodass der Zuschauer sich an nichts festhalten kann. Natürlich sagen einige Leute, dass sie damit nichts anfangen können. Aber ich wollte das probieren. Für mich war es wichtig, hier Grenzen zu ertasten.
Der ist schon für mich. Der Produzent hat gesagt: 'Ich will, dass Du etwas ganz anderes machst. Gib mir etwas Interessantes, etwas, das ich noch nie gesehen habe.' Für meine Ohren war das natürlich Musik. Wann erhält man schon die Freiheit, so einen Film zu machen. Dennoch hoffe ich natürlich, dass der Film auch Zuschauer finden wird.
Ja. Das ist so. Ich habe mir oft Bilder von M.C. Escher angesehen, die ohne Anfang und Ende sind. Ein Bild - das war die Idee auch hinter dem Film. Ich hoffe allerdings, dass Ihnen das Bild auch etwas gegeben hat.
Ich glaube, dass die meisten unserer Ängste direkt oder indirekt auf die Todesangst zurückzuführen sind. Damit beschäftige ich mich - auch in meinen anderen Filmen. Wenn wir den Tod begreifen, haben wir viel mehr Freiheit in unserem Leben, es lässt sich sogar einfacher leben. Aber ich habe das Gefühl, in unserer Gesellschaft setzen wir uns kaum mit dem Tod auseinander - außer, wir werden schwer krank oder haben einen schweren Unfall. Wir haben viele Fluchtmöglichkeiten.
Sam Foster ist ein Logiker, der versucht, alles zu erklären. Er ist ein Zuschauer, der langsam den Bezug zur Realität verliert. Plötzlich stimmt die Logik einfach nicht mehr. So, wie ich aufgewachsen und erzogen worden bin, habe ich lange versucht, alles logisch und rational zu erklären. Als Jugendlicher ist mir dann jegliche Logik und Rationalität entfallen...
Mein Bruder ist an Schizophrenie erkrankt und hat später Selbstmord begangen. Ich musste mich damit auseinander setzen. Gleichzeitig hat mein Vater sein ganzes Vermögen verloren. Alles in meinen Leben hat sich sehr schnell geändert. Plötzlich passierten Dinge, die einfach nicht hätten passieren sollen. Als Teenager war es für mich sehr schwierig, damit umzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass alles und nichts möglich ist, dass es im Leben keine bestimmte Logik gibt.
Ich glaube ans Leben und liebe das Leben, die Natur, die Menschen. Es ist eine Art von Einstellung, Wenn man das Schöne sehen will, dann kann man das auch.
Ich habe "Lost Highway" vor langer Zeit gesehen. Für "Stay" habe ich ihn nicht mehr extra angeschaut. Ich dachte, ehrlich gesagt, "Stay" wäre viel klarer und etwas weniger verwirrt als "Lost Highway". Ich habe mich eher orientiert an Filmen wie "Petulia" von Richard Lester aus den späten 60er Jahren, oder an "The Paralax View" von Alan J. Pakula oder an Nicolas-Roeg-Filmen wie "Performance" oder "Don’t look now" in den 70er Jahren - absurde, abstrakte thrillermäßige Filme, die nicht erklärt worden sind. Die waren eher die Vorbilder als David Lynchs "Lost Highway".
Der nächste Film - die Komödie "Stranger than Fiction" - ist schon abgedreht und wird gerade geschnitten. Der Film ist auch ein wenig unlogisch, aber etwas logischer als "Stay". Ich habe das Gefühl, die Leute werden ihn verstehen.
Zur Person Marc Forster wurde 1969 in Ulm geboren und wuchs in der Schweiz auf. Er studierte an der Filmschule der New York University. 2000 gelang Forster, mittlerweile in Los Angeles wohnend, mit seinem ersten Kinofilm "Everything put together" der Durchbruch. Er erhielt eine Nominierung für den Jurypreis des Sundance Film Festivals. Für Forsters nächsten Film "Monster's Ball" wurde Schauspielerin Halle Berry mit einem Oscar ausgezeichnet. Es folgten die Filme "Wenn Träume fliegen lernen" und "Stay", der auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde und am 23. Februar deutschlandweit gestartet wird. Noch in diesem Jahr soll der Film "Stranger Than Fiction" in die deutschen Kinos kommen.