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"Stay": Wenn der Psychiater spinnt

"Stay" ist eine egozentrische, grandiose Frechheit des Regisseurs Marc Forster. Es ist ein Film über Tod und Leben, über Wirklichkeit und Träume - mit hochkarätiger Besetzung.

Von Florian Güßgen

Irgendwann verliert der Psychiater Dr. Sam Foster die Bodenhaftung. Plötzlich nennt ihn seine Freundin "Henry", plötzlich erlebt er Zeit doppelt, plötzlich rast er endlose Treppen hinunter. Und alles nur, weil dieser Junge, dieser Kunststudent, sich umbringen will. Am Samstag. Um Mitternacht. Mit einer Pistole. Peng. Foster fliegt dieser Stunde entgegen, er will den Selbstmord verhindern, gerade so wie er schon den Selbstmord seiner Freundin verhindert hat. Er beschleunigt, er fliegt durch eine Wirklichkeit, die nicht wirklich ist und immer unwirklicher wird. Er fliegt durch die Szenerie eines düsteren, eines windigen, eines schönen New York, dessen Bilder verschwimmen, flirren, dessen Eindrücke auf dem Bildschirm Schlieren hinterlassen und im Kopf Spuren.

Frechheit im Sinne David Lynchs

Machen wir uns nichts vor: Mit "Stay" mutet Regisseur Marc Forster seinem Publikum allerhand zu. Er lässt es alleine mit einem Plot, der jedwede Logik bricht, der Zeit verhackstückt, scheinbar unsystematisch vor- und zurückspult. Dem Betrachter bietet Forster überhaupt keinen Anhaltspunkt. Es gibt keinen Schlüssel, mit dem selbst ein gewieftes Superhirn den Film in ein nachvollziehbares, rationales Schema pressen könnte. Die Mühe, eine Lösung zu finden, kann man sich sparen. Das alles gibt es nicht. "Stay" ist das egozentrische, grandiose, rein emotionale Werk eines Regisseurs, der seine ganz persönlichen Gefühle gegenüber dem Tod bebildern darf, seine ganz persönlichen Assoziationen mit dem Leben - und dem Sterben. "Stay", jener Film, der schon auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde, ist eine Frechheit, wie sie sich im großen Stil ansonsten nur David Lynch erlauben kann, etwa mit "Lost Highway". Einem surrealen Gemälde gleich schafft der Regisseur ein Kunstwerk, führt es vor, und schert sich nur wenig um den Erkenntnisgewinn des Betrachters. Man muss das mögen. Man muss das ertragen.

Der Psychater und der Regisseur

Dabei ist Marc Forster beileibe kein existenzialistischer Filmstudent, der seinen ersten Low-Budget-Versuch wagt. Forster, 36, in Ulm geboren und in der Schweiz aufgewachsen, gehört spätestens seit seinen Erfolgen mit "Monster's Ball" und "Wenn Träume fliegen lernen" zu den arrivierten jungen Wilden Hollywoods. In seinen Filmen spielen keine Nobodys, sondern - wie etwa in "Stay" - Hochkaräter wie Ewan McGregor ("Train Spotting", "Star Wars"), Naomi Watts ("King Kong", "Ring 2") oder auch Bob Hoskins ("Roger Rabbit", "Meerjungfrauen küssen besser"). Für ihre Rolle in "Monster's Ball" hat Ex-Bond-Girl Halle Berry Forster sogar einen Oscar zu verdanken. Forster hat also bereits einen Ruf zu verlieren und gerade deshalb ist "Stay", dieser technisch brillante, inhaltlich so irrsinnig sperrige und doch so persönliche Film, ein Wagnis. Es ist ein persönlicher Film, weil die Erfahrungen Dr. Fosters - die Konfrontation mit dem Plötzlichen, dem Unfall, dem Tod, dem Abgleiten der Wirklichkeit - auch zu Marc Forsters Biografie gehören. Der Bruder des Regisseurs beging Selbstmord, nachdem er zuvor jahrelang an Schizophrenie gelitten hatte. Der Vater, zuvor ein erfolgreicher Unternehmer, verlor binnen kürzester Zeit das gesamte Vermögen und starb früh an Krebs. Das alles fließt in diesen Film ein, wird in der Figur Fosters verwoben - und macht damit auch Marc Forster sehr persönlich sichtbar und angreifbar.

Die blonde, verletzliche Zähheit der Naomi Watts

"Stay" hat viele Stärken und einige Schwächen. Grandios sind die Bilder, die Forster von New York bietet, die Stimmung, die er einfängt, irgendwo zwischen Melancholie, Fieber und stählerner Brutalität. Grandios ist auch Watts, die Fosters Freundin Lila spielt, in ihrer blonden, zarten, verletzlichen Zähheit. Ryan Gosling überzeugt in der Rolle des grüblerischen, Kurt-Cobain-artigen Suizid-Kandidaten Henry. Etwas blasser, flacher erscheint dagegen der Psychiater, die Rolle Ewan McGregors, dessen notorisch zu kurze Hosen wie vieles andere in dem Film ein Rätsel bleiben. Aber die Stärken und Schwächen sind ohnehin nicht das Entscheidende bei der Frage, ob man sich Forsters Werk antun will. Entscheidend ist, ob man sich auf diese Bilder einlassen will, auf diesen surrealen Flug des Dr. Sam Foster, ob man seinen Kopf ausschalten und dieses surreale Gemälde auf sich wirken lassen will, mit all seinen sinnlosen Fluchten, Treppen und Absätzen. Was man dabei gewinnen kann, ist ungewiss. Gewiss ist nur: Wer auf diese Form von egozentrischer Kunst keine Lust hat, darf sich "Stay" nicht ansehen.