Psychothriller "Stay" "Was reizt Sie am Tod, Herr Forster?"


Der Film "Stay" ist absurd, unbegreifbar und wühlt dennoch auf. Im stern.de-Interview erzählt Regisseur Forster von seiner Familie, der fehlenden Logik des Lebens - und der Bedeutung des Todes.

Herr Forster, "Stay" ist absurd und verwirrend. Es ist ein Film, der es dem Zuschauer unmöglich macht, die Handlung zu begreifen. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Wir versuchen, mit unserer Realität zu leben und diese Realität mit Logik zu erklären. Für mich war es immer schon schwierig, Realität und Traum zu unterscheiden. Schon als Kind bin ich der Wirklichkeit entflohen, habe mich eine Traumwelt geflüchtet. Bei diesem Film habe ich die Möglichkeit bekommen, mit den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum zu spielen.

Wenn der Film aber nun Ihre persönliche Realität widerspiegelt - woran soll sich dann nur der Zuschauer festhalten?

Zuschauer sind daran gewöhnt, dass Filme einer gewissen Logik folgen. Aber tatsächlich folgt das Leben ja keiner Logik. Es passieren immer wieder Dinge, die wir logisch nicht erklären können. Das spiegelt sich in dem Film wider, sodass der Zuschauer sich an nichts festhalten kann. Natürlich sagen einige Leute, dass sie damit nichts anfangen können. Aber ich wollte das probieren. Für mich war es wichtig, hier Grenzen zu ertasten.

Ist "Stay" demnach ein Film für Sie oder fürs Publikum?

Der ist schon für mich. Der Produzent hat gesagt: 'Ich will, dass Du etwas ganz anderes machst. Gib mir etwas Interessantes, etwas, das ich noch nie gesehen habe.' Für meine Ohren war das natürlich Musik. Wann erhält man schon die Freiheit, so einen Film zu machen. Dennoch hoffe ich natürlich, dass der Film auch Zuschauer finden wird.

Mich hat Ihr Film an ein Gemälde erinnert, dessen Maler den Betrachter weitgehend alleine lässt. Trifft das zu?

Ja. Das ist so. Ich habe mir oft Bilder von M.C. Escher angesehen, die ohne Anfang und Ende sind. Ein Bild - das war die Idee auch hinter dem Film. Ich hoffe allerdings, dass Ihnen das Bild auch etwas gegeben hat.

Mit Sicherheit viel Stoff zum Nachdenken, auch wenn ich vieles einfach nicht begriffen habe. Aber ich finde interessant, dass Sie das Thema Tod immer wieder aufgreifen - bis hin zur letzten Szene, die auf eine Nah-Tod-Erfahrung anzuspielen scheint. Welche Rolle spielt der Tod in Ihrem Film?

Ich glaube, dass die meisten unserer Ängste direkt oder indirekt auf die Todesangst zurückzuführen sind. Damit beschäftige ich mich - auch in meinen anderen Filmen. Wenn wir den Tod begreifen, haben wir viel mehr Freiheit in unserem Leben, es lässt sich sogar einfacher leben. Aber ich habe das Gefühl, in unserer Gesellschaft setzen wir uns kaum mit dem Tod auseinander - außer, wir werden schwer krank oder haben einen schweren Unfall. Wir haben viele Fluchtmöglichkeiten.

In "Stay" ist es der Psychater Sam, der gezwungen wird, sich mit dem Tod zu konfrontieren und der dabei die Kontrolle über seine Wirklichkeit verliert. Spiegelt diese Entwicklung Ihre eigenen Erfahrungen wider?

Sam Foster ist ein Logiker, der versucht, alles zu erklären. Er ist ein Zuschauer, der langsam den Bezug zur Realität verliert. Plötzlich stimmt die Logik einfach nicht mehr. So, wie ich aufgewachsen und erzogen worden bin, habe ich lange versucht, alles logisch und rational zu erklären. Als Jugendlicher ist mir dann jegliche Logik und Rationalität entfallen...

Wie ist Ihnen ihre Rationalität abhanden gekommen?

Mein Bruder ist an Schizophrenie erkrankt und hat später Selbstmord begangen. Ich musste mich damit auseinander setzen. Gleichzeitig hat mein Vater sein ganzes Vermögen verloren. Alles in meinen Leben hat sich sehr schnell geändert. Plötzlich passierten Dinge, die einfach nicht hätten passieren sollen. Als Teenager war es für mich sehr schwierig, damit umzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass alles und nichts möglich ist, dass es im Leben keine bestimmte Logik gibt.

In "Stay" lässt Lila, die Freundin des Psychaters, dessen selbstmordgefährdetem Patienten ausrichten, er solle doch am Leben bleiben, weil es zu viel Schönheit gebe, als dass man einfach aufhören dürfe. Was ist denn so schön am Leben?

Ich glaube ans Leben und liebe das Leben, die Natur, die Menschen. Es ist eine Art von Einstellung, Wenn man das Schöne sehen will, dann kann man das auch.

Mich hat "Stay" sehr stark an "Lost Highway" von David Lynch erinnert. Haben Sie sich da bewusst etwas abgeguckt?

Ich habe "Lost Highway" vor langer Zeit gesehen. Für "Stay" habe ich ihn nicht mehr extra angeschaut. Ich dachte, ehrlich gesagt, "Stay" wäre viel klarer und etwas weniger verwirrt als "Lost Highway". Ich habe mich eher orientiert an Filmen wie "Petulia" von Richard Lester aus den späten 60er Jahren, oder an "The Paralax View" von Alan J. Pakula oder an Nicolas-Roeg-Filmen wie "Performance" oder "Don’t look now" in den 70er Jahren - absurde, abstrakte thrillermäßige Filme, die nicht erklärt worden sind. Die waren eher die Vorbilder als David Lynchs "Lost Highway".

Was machen Sie als nächstes?

Der nächste Film - die Komödie "Stranger than Fiction" - ist schon abgedreht und wird gerade geschnitten. Der Film ist auch ein wenig unlogisch, aber etwas logischer als "Stay". Ich habe das Gefühl, die Leute werden ihn verstehen.

Interview: Florian Güßgen

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