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Interview mit Regisseur Paul Haggis: "Oft sind Held und Bösewicht die gleiche Person"

"Im Tal von Elah" heißt der neue Film von Paul Haggis, und er zeigt, dass die USA selbst bereits zum Schlachtfeld des Irakkrieges gehören. Im stern.de-Interview verrät der gefeierte Drehbuchautor und Regisseur, was das Kino heutzutage leisten muss.

"Im Tal von Elah" hat David einst Goliath besiegt, erzählt die Bibel, ein kleiner Junge fällte den Riesen. In Paul Haggis' gleichnamigem Film seziert eine Detektivgeschichte die Machtverhältnisse im amerikanischen "homeland", das durch den Irakkrieg selbst zur Front geworden ist. Und die Zahl der Toten und die Verletzten sind verheerend.

Ein Soldat überlebt zwar den Einsatz im Irak, stirbt dann aber auf Heimaturlaub. Sein Vater, zwar pensioniert, doch noch immer Soldat bis in die Knochen, versucht herauszufinden, was mit seinem Sohn passiert ist. Dabei muss er feststellen, dass er mitten im Blutbad steht.

"Im Tal von Elah" basiert auf einer wahren Geschichte. Wie haben Sie diese Geschichte gefunden?

Die Story hat meine Agentin Sally Wilcox Anfang 2004 im "Playboy" gefunden. Ich hatte schon lange nach einem Stoff dieser Art gesucht. Ich habe viel im Internet recherchiert, weil in der amerikanischen Presse über solche Dinge nicht berichtet wurde. Damals haben die US-Medien lediglich die offiziellen Informationen vom Pentagon nachgekaut. Ich hab viele erschreckende Bilder im Internet gefunden, aber als ich diesen Artikel zu lesen bekam, war ich wirklich bestürzt. Ich wusste gar nicht, dass ich noch so schockiert werden konnte. Es war mir war klar, dass ich diese Geschichte erzählen musste. Es hat natürlich lange gedauert, ein Studio für diesen Film zu finden. Ohne die Hilfe von Clint Eastwood hätte die Finanzierung durch Warner Brothers nie stattgefunden.

Stimmt es, dass Sie echte Soldaten für diesen Film engagiert haben?

Oh ja, ich habe viele Soldaten interviewt. Ich wollte junge Menschen vor die Kamera holen, die tatsächlich im Irak stationiert waren, um deren Erlebnisse so ehrlich und authentisch wie möglich auf die Leinwand bringen zu können. Was ich dabei entdeckt habe, war, dass niemand diesen Frauen und Männern wirklich zuhörte. Kein Mensch war interessiert daran, was die Soldaten im Krieg tatsächlich erlebt und gesehen haben. Alle haben sie nur benutzt für ihre eigenen politischen Ideen. Aber sie haben viele Geschichten zu erzählen. Und dieser Film ist eine davon.

Die Rolle des Vaters hat Tommy Lee Jones eine Oscar-Nominierung als bester Haupdarsteller eingebracht. Dieser Schauspieler ist ein Phänomen, was ist er für ein Mensch?

Er ist nicht unkompliziert, ein undurchsichtiger Mann, der wenig Worte verliert. Man muss sich seinen Respekt hart erarbeiten. Ich erwarte keine leichten Beziehungen, ich mag es von Schauspielern herausgefordert zu werden, und obwohl unser professionelles Verhältnis sicher kein leichtes war, war es doch grossartig. Tommy Lee Jones hat meine volle Bewunderung. Während des Filmschnitts wurde mir dann erst so richtig bewusst, wie er die langsame, stufenweise psychische Destruktion eines Mannes körperlich vermittelt hat, so unglaublich klar und akkurat, obwohl wir nie in chronologischer Reihenfolge drehten, sondern mal Szene sechs, dann Szene 189 und dann Szene 98. Ich weiss nicht, wie er das geleistet hat. Ich war voller Ehrfurcht dem schweigsamen, genialen Mann gegenüber.

Filme gehören generell zum Entertainment Bereich. Ihr Film zeigt jedoch Seiten des Irakkrieges auf, von denen uns eigentlich die Medien berichten sollten. Es scheint als sei man heutzutage in Amerika auf Dokumentar-Filme angewiesen, um die Wahrheit zu erfahren. Sehen Sie das ähnlich?

Es stimmt, die Medien zeigen uns nichts von diesen Horrorbildern, denen unsere Männer und Frauen tagein tagaus im Irak ausgeliefert sind. Wir können gar nicht beurteilen, was dort passiert. Ich finde wir tragen alle eine Verantwortung, die Wahrheit ans Licht zu bringen, Journalisten wie Künstler.

Sie haben für den Clint-Eastwood-Film "Million Dollar Baby" den Oscar für das beste Drehbuch gewonnen. "L.A. Crash", Ihr Regie-Debüt, wurde als bester Film ausgezeichnet. Mittlerweile haben Sie das Drehbuch für den neuen Bond-Film geschrieben. Wie schwer ist es für Sie als Regisseur, ihr "Baby", das Drehbuch, an einen anderen Regisseur abzugeben?

Das ist leicht für mich. Besonders wenn ich dem Regisseur vertraue, so wie Marc Forster oder Clint Eastwood. Ich hoffe, dass ich für Clint bald wieder schreibe, wir sind im Gespräch. Ich schreibe nur für wirklich gute, meisterhafte Regisseure. Und das sind Marc und Clint in jedem Fall.

Sie arbeiten eng mit Eastwood zusammen. Wie würden Sie Ihre Beziehung beschreiben?

Er ist ein Freund, ein Mentor. Clint ist eine Ikone, wie jeder weiss. Und er ist ein wunderbarer Mensch. Er hat sich den Film im Rohschnitt angesehen und mir viele Tips gegeben. Und er ist zur Premiere gekommen, um den Film zu unterstützen. Er ist der netteste, gutmütigste Mann, den man sich vorstellen kann. Ich kann ihm nicht genug danken.

Was begeistert Sie am neuen Bond-Regisseur Marc Forster?

Ich habe Marc kennengelernt, als er grade mit "Finding Neverland" fertig war. Ich bin ein grosser Fan von diesem Film. Ich liebe die Bond-Filme, und als ich erfuhr, dass Marc der neue Regisseur sein wird, war ich begeistert, weil ich wusste, dass er mit diesem Thema etwas Besonderes und Interessantes machen wird. Deswegen ist es sehr aufregend für mich, mit ihm zu arbeiten.

Wann ist Ihnen in Ihrem Leben klar geworden, dass Sie das Talent zum Schreiben haben?

Gute Frage... Ich erinnere mich an einen Moment in der Schule, ich war kein guter Schüler. Es war in der fünften Klasse, als ich einen Aufsatz ablieferte und eine Lehrerin, sie war eine Nonne, zu mir sagte, ich könne gut Geschichten erzählen. Diese Bemerkung hatte eine grosse Wirkung auf mich. Lehrer können ihre Schüler sehr beeinflussen. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich Geschichten erzählen mochte.

Trotzdem haben Sie schon viele Berufe gehabt, vom Modefotografen bis zum Möbelpacker...

Ja, und ich habe in allem versagt. [lacht] Mir liegt das Geschichtenerzählen, dazu gehört das visuelle Element der Fotografie, die Cinematografie. All das hilft mir dabei.

Als Drehbuchautor haben Sie von der Komödie bis zum Drama, vom Kriminal- bis zum Actionfilm schon alles geliefert. Wie muss man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen?

Ich suche nach Geschichten, die mich beunruhigen, durcheinander bringen, Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten kann. Ich versuche, in die Schuhe eines Protagonisten zu schlüpfen, der nicht weiss, was er tun soll. Wenn ich die Antwort weiss, interessiert es mich nicht mehr. Ich finde die Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen, sind heutzutage unglaublich komplex. Es gibt so wenig Situationen, wo es wirklich klar scheint, was falsch oder richtig ist. Die Auswirkungen einer richtigen Entscheidung sind manchmal sehr tragisch, und das ist es, was mich interessiert. Es gibt Helden und Bösewichte, aber oft sind sie die gleiche Person, abhängig davon an welchem Tag und in welcher Situation man ihnen begegnet.

Interview: Frances Schönberger, L.A.