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Robert Louis-Dreyfus: Der Hoeneß-Freund mit dem Konto

Von ihm kamen offenbar die Millionen, mit denen Uli Hoeneß spekulierte: Robert Louis-Dreyfus. Milliardär, Unternehmer, Sportboss. Ein Mann, der bis zu seinem plötzlichen Tod ähnlich tickte wie Hoeneß.

Von Lutz Meier

Das Grab von Robert Louis-Dreyfus auf dem idyllisch gelegenen Waldfriedhof im Schweizer Davos sieht manchmal wie eine kleine Pilgerstätte aus. Immer mal wieder ständen Grüppchen von Besuchern still vor dem Gedenkstein, berichten Einheimische. Schon als der Industrielle, Manager und Milliardär hier im Sommer 2009 zu Grabe getragen wurde, waren sie alle da: Fifa-Chef Sepp Blatter und Fußball-Legende Franz Beckenbauer, Hollywood-Regisseur Marc Forster und, natürlich, Louis Dreyfus' Freund und Weggefährte Uli Hoeneß. Beim anschließenden Bankett im Steigenberger Belvedère für den 63-jährig an Leukämie Gestorbenen saß der Manager des FC Bayern München an prominenter Stelle.

Kein Wunder: Was hatten die zwei Männer nicht alles miteinander gedealt! Ein Jahr vor Louis Dreyfus' Tod hatten sie am Telefon den Wechsel von Nationalspieler Franck Ribéry aus Marseille zum FC Bayern fixiert. Und zu Jahresbeginn wollte Louis-Dreyfus umgekehrt Nationalspieler Lukas Podolski für 10 Millionen Euro zu seinem eigenen Klub Olympique Marseille locken und sprach das mit Hoeneß durch. Dieser Transfer scheiterte zwar, aber die Freundschaft blieb.

Wie kam es zu dieser Freundschaft? Die beiden Männer lernen sich in den Neunziger Jahren kennen, kurz nachdem Louis-Dreyfus 1993 den Sportartikelkonzern Adidas übernimmt und dort Vorstandschef wird. Das Treffen findet am Firmenstandort in Herzogenaurach statt. Adidas ist Ausrüster von Bayern München und das ist nicht die einzige geschäftliche Verbindung in der Freundschaft beider Männer. 2001 schließt Hoeneß trotz einer höheren Offerte von Nike einen neuen langlaufenden Ausrüstervertrag mit Adidas, der Sportartikelkonzern beteiligt sich mit zehn Prozent an der neu gegründeten Aktiengesellschaft Bayern München.

Im Jahr danach übernimmt Louis-Dreyfus mit Partnern die Sportrechtesparte der insolventen Kirch-Gruppe, Eigentümer der Bundesliga-Rechte. Kurz darauf fliegt der millionenschwere Geheimvertrag auf, den Hoeneß für den FC Bayern mit ebendieser Firma geschlossen hat. Später lässt sich Louis-Dreyfus sogar bei den Bayern in den Aufsichtsrat wählen, schlägt die Wahl dann allerdings aus.

Verbunden durch Leidenschaft

Fußball, geschmeidige Deals und Zockerei - diese drei Leidenschaften verbindet die beiden Männer. Mit ihnen hat auch das Konto zu tun, das nun im Zuge der Steueraffäre um Uli Hoeneß eine zentrale Rolle spielt. Laut Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" erhielt Hoeneß Geld vom eingebürgerten Schweizer Louis-Dreyfus auf ein Konto der Züricher Vontobel-Bank - fünf Millionen Mark als Kredit und für einen weiteren 15 Millionen Mark schweren Kredit eine Bürgschaft. Mit diesem Geld zockte der eingefleischte Aktien- und Derivatespekulant Hoeneß demnach an der Börse. Die Gewinne, die er dabei machte, sowie die Zinserträge verschwieg er demzufolge dem Finanzamt - insgesamt eine Summe, die auf sechs Millionen Euro geschätzt wird.

So sieht das Millionenkonto in der Schweiz aus, wie das Ergebnis eines merkwürdigen Gefallens in einer merkwürdigen Männerfreundschaft. Nicht nur ihre Leidenschaften verbanden den Kaufmannsspross aus Paris und den Ulmer Fleischersohn. Auch die unprätentiöse Art, die Distanz zu allem Dünkelhaften ist beiden gemein. Krawattenverächter Louis-Dreyfus trug meistens Pullover und Wuschelhaar spazieren, der hemdsärmelige Macher Hoeneß schätzt gleichermaßen den direkten Auftritt. Hoeneß amüsierte sich gern darüber, wie Louis-Dreyfus wegen seines legeren Outfits mal bei einem gemeinsamen Termin in einem Aachener Luxushotel in den Wartesaal für die Chauffeure geschickt wurde, Louis-Dreyfus kokettierte gern mit seiner Abneigung gegen alles Etablierte.

Im Erfolgsethos einig

Was beide Männer ebenso eint, ist die Haltung, dass man trotz allen Familiensinns seine Erfolge aus eigener Kraft erringen sollte. Louis-Dreyfus macht erst einmal mit Rebellentum von sich reden: Er fliegt an seiner Pariser Eliteschule durchs Abi und verdient erste kleine Reichtümer mit Pokerspiel. Gleichzeitig schafft er die Aufnahme an der Harvard Business School. Unter anderem mit dem Pokergeld übernimmt er die Pharmastudien-Firma IMS-Health, macht mit deren Verkauf ein Vermögen. Ende der Achtziger Jahre übernimmt Louis-Dreyfus den Chefposten bei der legendären Londoner Werbeagenturgruppe Saatchi & Saatchi. Er braucht nur vier Jahre, um das verschuldete und verstaubte Unternehmen zu sanieren.

1993 steigt er als Mehrheitseigentümer bei Adidas ein und übernimmt den Chefposten. Zeitweise fliegt er regelmäßig aus der Schweiz per Helikopter in sein Chefbüro ein. Ihm gelingt es, Adidas börsenreif zu machen. Als Louis-Dreyfus 2001 endgültig Richtung Davos entschwebt, ist sein Glanz in Herzogenaurach schon etwas verblasst, aber im Großen und Ganzen ist er in guter Erinnerung geblieben: Er hat den Konzern modernisiert, internationalisiert, viele der traditionellen eigenen Fabriken geschlossen um die Produktion nach Asien zu verlagern, aber gleichzeitig Adidas auf Augenhöhe mit Nike und Co. gebracht.

Sein Vermächtnis bleibt unerfüllt

Als Unternehmer mag Louis-Dreyfus ein Vorbild für Hoeneß sein, als Fußballmanager nimmt er sich Hoeneß zum Vorbild. 1996 kauft er den Klub Olympique Marseille, setzt sich dort an die Spitze mit dem erklärten Ziel, in der Mittelmeerstadt das "Bayern München des Südens" zu schaffen. Wenn man später mit ihm über sein Engagement als Vereinspräsident plauderte, machte Louis-Dreyfus ungebremst Witze über das eigene Unvermögen. Für den Job in der Öffentlichkeit sei er nicht so geschaffen gewesen. "Ich war dazu nicht besonders talentiert", erzählte er. So war er im Interview: lieber einen selbstironischen Witz als eine konkrete Zahl, ein Hieb auf die Schulter, ein offenes Grinsen - gar nicht die französische Geldaristokratie, aus der er stammt.

So hatte sich der Verstorbene zur reichen Sippschaft lange auf Distanz gehalten und über das Gebahren der "reichen Söhne" gespottet. Erst zwei Jahre vor dem Tod, mit 61 Jahren und um die tödliche Leukämie wissend, hatte Louis Dreyfus den Verwandten die Mehrheit im familiären Imperium abgekauft, um dort das Ruder zu übernehmen. Die Groupe Louis-Dreyfus ist eine der umsatzstärksten und eine der verschwiegensten Firmen Frankreichs. Ihr Geschäft: Rohstoffhandel. Bei Zucker, Getreide, Kaffee und Energiepflanzen spielt man an der Weltspitze mit. Die Traditionsfirma bewegt sich in einem Geschäft, das schwindelerregend geworden ist.

Finanzfirmen mischen längst maßgeblich im globalen Rohstoffhandel mit, Preise explodieren und verfallen im Takt der Spekulation. Sein letztes Vermächtnis allerdings wird nicht gehört. "Künftig soll die Familie nicht mehr allein das Sagen haben", verfügt Louis-Dreyfus und setzt einen seiner Weggefährten ins Management. Doch der wird bald nach dessen Tod von seiner russischstämmigen Witwe Margarita ausgebootet. Sie ist heute unumschränkte Herrscherin über das Imperium - ebenso wie über die Fußballklubs Olympique Marseille und Standard Lüttich.