Interview mit Khaled Hosseini "Ohne die Frauen hat Afghanistan keine Chance"


Sein Buch "Der Drachenläufer" wurde zum Bestseller und Hollywoodfilm. Die Geschichte über eine Rückkehr nach Afghanistan zeigt ein ganz anderes Bild vom "Land der Taliban" als die täglichen Nachrichten. Autor Khaled Hosseini berichtet im Interview von seiner Sicht auf die schwierige Heimat.

Khaled Hosseinis 2003 erschienener Roman "Der Drachenläufer" erzählt die Geschichte des Jungen Amir aus Kabul, der nach Jahren des Exils in seine Heimat zurückkehrt, um sich schweren Schuldgefühlen zu stellen. Als Kind hatte er seinen Freund Hassan verraten, das will er als Erwachsener wieder gut machen. Die Geschichte spielt in den 70er Jahren vor dem Hintergrund des Falls der afghanischen Monarchie, des Einmarsches der Sowjets und der erstarkenden Macht der Taliban. Von der Kritik gefeiert avancierte das Buch schnell zum Besteller und wurde 2007 von Hollywood-Regisseur Marc Forster verfilmt.

Hosseinis Familie stammt aus Kabul. Über die Stationen Teheran und Paris landete sie in den 70er Jahren in den USA, wo der Sohn Medizin studierte. Der 43-jährige Schriftsteller und Arzt lebt heute mit Frau und Kindern in Kalifornien und will dort auch bleiben.

Herr Hosseini, als Sie 2003 zum ersten Mal nach fast 30 Jahren in Ihr Heimatland zurückkehrten, wie fühlte sich das an?

Meine erste Rückkehr war ein schockierendes Erlebnis. Ich hatte Afghanistan 27 Jahre lang nicht besucht. Kabul war Kriegsgebiet. Die Stadt war völlig verwüstet, einige Viertel waren dem Erdboden gleich gemacht. In den 70er Jahren, als ich in Kabul aufwuchs, herrschte Frieden in Afghanistan. Ich habe in meiner Kindheit keinen einzigen Kanonenschuss gehört. Natürlich hatte ich vorher die Bilder im Fernsehen und in den Zeitungen gesehen. Aber das Elend dann mit eigenen Augen zu erblicken, durch die Straßen von Kabul zu gehen und die Auswirkungen des Krieges zu sehen, das war erschütternd. Hinzu kommt die furchtbare Armut. Die Menschen leben unter entsetzlichen Bedingungen: Hunger, Arbeitslosigkeit, vielen hat der Krieg tiefe Wunden zugefügt - körperlich wie psychisch. Auf der Straße sieht man so viele Menschen mit Arm- oder Beinprothesen. Es war ein Alptraum.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert - ein Afghane, der sich lange Zeit aus allem rausgehalten hat und nun zurückkehrt?

2003 bin ich als normaler Bürger zurückgekehrt. Ich hatte meinen Roman "Drachenläufer" beendet, ihn aber noch nicht veröffentlicht. Ich hatte eine ähnlich feindselige Reaktion erwartet, wie meine Romanfigur Amir sie erlebt hat. Aber die Leute in Afghanistan waren mir gegenüber sehr freundlich und unglaublich aufgeschlossen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich kam mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch, und wenn ich wissen wollte, wie sie überlebt haben, öffneten sie sich und erzählten mir ihre Geschichten.

Hatten Sie den Eindruck, dass es für sie eine Art Erleichterung war, ihre Erlebnisse mit jemandem teilen zu können?

Auf jeden Fall. Es kam mir so vor, als würden die Menschen zwar mir ihre Geschichte erzählen, aber durch mich mit der ganzen Welt sprechen. So konnten sie sich ihr Leiden von der Seele reden. Und viele sagten mir: "Wenn du nach Amerika zurückgehst, erzähl allen, was hier passiert ist, wie wir behandelt wurden, was wir erleiden mussten."

2007 waren Sie ein zweites Mal in Afghanistan. Kannte man inzwischen Ihr Buch "Drachenläufer", das mittlerweile erschienen war?

Zu dem Zeitpunkt waren bereits meine beiden Bücher veröffentlicht. Zwar ist keins davon offiziell in Afghanistan erschienen, aber man findet sie schon, sogar in einer Übersetzung auf Farsi. Erkannt hat man mich aber nicht. Man muss bedenken, dass das Land eine Analphabetenrate von mehr als 70 Prozent hat. Bei den Frauen liegt sie vermutlich sogar bei 90 Prozent. Der afghanische Durchschnittsbürger hat also vermutlich nie von meinem Buch gehört, geschweige denn es gelesen. Aber als ich das zweite Mal nach Kabul kam, gab es tatsächlich einen Unterschied: Ich reiste als Sprecher der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen ein. Es ging bei der Reise viel mehr um die UN-Mission als um mein Buch.

Was macht Afghanistan zu einem Land wie kein anderes auf der Welt?

Ich habe im Westen viele Menschen getroffen, die durch die ganze Welt gereist sind und auch nach Afghanistan. Und immer wieder - meistens, wenn ich irgendwo auftrete - kommt jemand zu mir und sagt: "Ich war 1974 in Afghanistan. Ich habe die ganze Welt gesehen, aber dieses Land hat etwas, das ich niemals vergessen werde." Und häufig sagen sie auch, dass es ihre liebste Reiseerinnerung sei. Es gibt Teile Afghanistans, da hat man das Gefühl, man befinde sich im Mittelalter, als besuche man eine alte Welt. Dazu ist es einfach wunderschön. Jeder kennt die Wüste und die Berge, aber es gibt eben auch diese unglaublich üppigen Täler und schönen Flüsse. Letztlich aber geht es bei der Schönheit dieses Landes um seine Menschen. Es gibt diese enorme Tradition der Gastfreundschaft. Gäste werden in aller Form willkommen geheißen, selbst wenn der Gastgeber eigentlich selbst nichts hat. Gleichzeitig sind die Leute so bescheiden und freundlich, das ist etwas sehr Seltenes, sehr Liebenswertes. Das erleben die Menschen, die dorthin reisen. Sie spüren die Gegenwart der Jahrhunderte alten Geschichte, all der Königreiche, die bereits durch dieses Land gezogen sind, die in Afghanistan geblieben sind, die vertrieben wurden. Das hat das Land geformt, seine Leute, seine Traditionen, seine Kultur. Das ist ein großer Reichtum.

Sie haben das Land als Teenager verlassen, aber ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen, wie Land und Menschen sich in den vergangenen 30 Jahren verändert haben?

Was mir sofort auffiel, war die Kriegskultur, die Einzug gehalten hat. Und sie durchdringt jeden Aspekt des Lebens. Man muss nur die Straße hinuntergehen und sieht all diese bewaffneten Menschen. Eine ganze Generation afghanischer Kinder ist von Anfang an in einer Atmosphäre des Krieges und der Gewalt aufgewachsen. Es hat Vertreibungen gegeben. Menschen sind zurückgekehrt, doch eigentlich haben sie nie dort gelebt, weil sie 20 Jahre lang in einem Flüchtlingslager im Iran oder in Pakistan waren. Was in Afghanistan passiert ist - der Bürgerkrieg und die Taliban - hat das Aussehen Afghanistans geformt und auch die Art, wie die Menschen über ihr Land denken. Es wird lange dauern, bis sich das wieder ändert.

Sie finden den Krieg sogar in Bastelarbeiten von Kindern, er ist sichtbar in den Teppichen der Weber oder bei den den Leuten, die in der Straße Porträts malen: Zu sehen sind Panzer, Kämpfe, der Tod. Das zeigt, wie tief die jüngste Geschichte der Gewalt bereits in den Menschen steckt.

Was haben Sie gedacht, als Sie eine Frau in einer Burka gesehen haben?

Nichts besonderes, denn ich habe schon Frauen in Burkas gesehen, als ich in den 70ern in Kabul gelebt habe. Die Burka wurde nicht von den Taliban erfunden. Es gab sie seit Jahrhunderten in Afghanistan. Ich war an den Anblick gewöhnt. Das Besondere an der Geschichte der Burka ist, dass die Taliban sie den Frauen per Gesetz aufgezwungen haben. Ursprünglich war die Burka ein Gewand, das in sozio-ökonomisch schwächsten Regionen getragen wurde. Deshalb hat man mehr Burkas gesehen, desto weiter man aufs Land gefahren ist, in die Dörfer. Nachdem die Taliban weg waren, sah man immer noch Burkas. Sie waren vorher da und sind es immer noch.

Und Sie persönlich? Fanden Sie den Anblick normal?

Nein, nicht normal. Ich wollte damit sagen, dass es kein Schock für mich war, weil ich in Kabul aufgewachsen bin und Frauen in Burkas aus dieser Zeit kannte. Es war nichts Unerwartetes. Anders als die Straße hinunter zu gehen in der früher meine Schule war, die zerstört worden ist. Anders als ein Mann an Krücken, weil er sein Bein verloren hat. Das habe ich vorher nicht gesehen.

Die Situation der Frau ist ein zentrales Thema ihres jüngsten Buches...

Das gehört zu den desillusionierndsten Aspekten beim Betrachten der Situation in Afghanistan von außen. Ich verfolge die ganze Zeit, wie es den Frauen ergeht. Ganz ehrlich: Die Stellung der Frau war in Afghanistan nie gut. Vor allem nicht im Süden und im Osten, in den ländlichen Regionen, wo eine vor allem patriarchial geprägte Gesellschaft lebt. In Kabul war es für die Frauen in den 60er und 70er Jahren besser geworden. Sie durften wählen, wurden in die Arbeitswelt mit einbezogen. Doch vor allem nachdem die Sowjets das Land verließen, als die Mudjahedin die Macht übernahmen, kam es zu schlicht unvorstellbaren Verstößen gegen die Menschenrechte der Frauen. Sie wurden versklavt, in die Prostitution verkauft, geschlagen, ihnen wurde einfach jedes Recht aberkannt, der Zugang zu jeglichem öffentlichen Leben verwehrt. Es war bestürzend, dabei zuzusehen. Und ich denke einer der wichtigsten Punkte in Afghanistans Kampf um den Wiederaufbau und zukünftigen Entwicklung ist die Beteiligung der Frauen. Afghanistan hat keine Chance, wenn Frauen an diesem Prozess nicht teilhaben dürfen. Wir sprechen hier nicht von westlicher Emanzipation, im Minirock die Straße runter und so was, aber dass sie beim Wiederaufbau zunehmend mehr Bedeutung haben. Das ist eine der zukunftsweisenden Herausforderungen für die Regierung.

Könnten Sie sich vorstellen, zurück zu kehren und als Arzt zu arbeiten?

Ich bin 43 und habe zwei Kinder von fünf und sieben Jahren. Ich kann mir nur schwer vorstellen, sie hier, wo ihnen alle Mögklichkeiten offen stehen, zu entwurzeln und nach Kabul zu bringen, wo selbst die grundlegenden Dinge des Leben schwierig zu meistern sind. In diese alles umfassende Unsicherheit. Das wäre von mir als Vater unverantwortlich. Aber natürlich werde ich wieder nach Afghanistan reisen, denn ich bin an Projekten des Wiederaufbaus beteiligt.

In wieweit glauben Sie kann ein weltweit erfolgreicher Autor wie Sie es sind, den Demokratieaufbau in Afghanbistan unterstützen, so lange ihre Bücher im Land selbst nicht bekannt sind?

Meine Rolle ist es nicht, innerhalb Afghanistans Aufmerksamkeit zu bekommen. Dafür war ich zu lange weg. Aber der Wandel muss von innen kommen. Er muss von den Leuten kommen, die dort leben, die das alles miterlebt haben. Meine Arbeit kann nur die Perspektive des Westens auf das Land beeinflussen, den Blick auf Aghanistan mit gestalten. Was für ein Land es ist, wie ist die Situation... Ich kann versuchen, Leute zum Helfen zu motivieren, den Fokus auf das Land zu richten. Der Westen darf Afghanistan nicht aus dem Blick verlieren, er muss sich weiterhin im Land engagieren.

Was ist das im Westen am weitesten verbreitete Vorurteil gegenüber Afghanistan?

Ich bemerke häufiger, dass die Leute meinen, Afghanistan liege im Mittleren Osten. Sie denken, Afghanen seien Araber. Da wird alles über einen Kamm geschoren mit dem Irak, dem Mittleren Osten und einer stark anti-westlichen Einstellung. Die Leute glauben, es gebe im Land eine große Unterstützung für die Terroristen und Extremisten. Dabei empfinden die meisten Menschen in Afghanistan als Feind, wen auch der Westen als Feind ansieht. Bin Laden und die Taliban, Al Qaeda: Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, empfinden wenig Sympathie für die Taliban und das, wofür sie stehen. Doch es gibt das Vorurteil, dass Afghanen wie die Taliban sind und deren Handeln gutheißen. Das sind die Vorurteile eines Durchschnittsamerikaners in Mittelamerika. Ich spreche nicht von Menschen, die selbst viel reisen.

Wie lange glauben Sie wird es dauern, bis das tägliche Leben in Afghanistan den Menschen wieder Stabilität bieten kann?

Ich bin nicht qualifiziert, darüber etwas zu sagen, aber ich denke eine lange Zeit.

Glauben Sie, dass eine starke Präsenz ausländischen Militärs dabei hilft, oder wäre es besser, die Polizei so auszubilden, dass sie ihr eigenes Land bewachen kann?

Das schließt einander nicht aus. Ja, die afghanische Polizei war ein Desaster, deshalb ist es sehr sehr wichtig, sie auszubilden, so dass sie Dörfer, die von der Nato wieder verlassen werden, übernehmen kann und diese nicht an die Taliban zurückfallen. Es gab ein enormes Korroptionsprobleme bei der Polizei. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Der militärische Aspekt ist ebenfalls sehr wichtig. Ich wünschte, es wäre anders. Doch genauso wichtig wie die militärische Aktion ist die humanitäre: Was die Afghanen sehen wollen, ist, dass die Schulen wieder aufgebaut werden, die Straßen, die Krankenhäuser, sie wollen Arbeit, sie wollen ihre Familien ernähren, und nicht sterben, weil es im Winter zu sehr schneit. Wenn das Humanitäre hinter dem Militärischen zurücksteht, führt das zu einer Desillusionierung der Menschen. Dann verliert man am Ende zwar nicht den Krieg auf dem Schlachtfeld, aber den Krieg um die Herzen und Köpfe. Und das ist gefährlich, denn das spielt den Taliban Macht in die Hände. "Wir lassen euch nicht hängen", sagen die dann und rekrutieren Leute. Viele Afghanen würden sich ihnen aus wirtschaftlichen Gründen anschließen, weil sie keine anderen Möglichkeiten haben. Weil sie nicht sehen, dass sich etwas ändert, besser wird. Nicht aus tiefer ideologischer Überzeugung.

Interview: David Heimburger für das VIEW-Magazin
Mitarbeit: Christina Magdalinou


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