Ja, großer Hype macht misstrauisch. Aber die Freude, die der Oscar-Favorit "The Artist" verbreitet, ist wohlverdient. Dieser Film ist eine Hommage ans Kino - und an alle Menschen, die es lieben. Von Sophie Albers
Es war einmal ein Drehbuch, das war so anders als alle anderen, dass es niemand haben wollte. Ein Stummfilm? In Schwarz-Weiß? Über das Ende der Karriere eines Stummfilmstars? Die Finanziers schüttelten die Köpfe. Die Frau des Filmemachers fürchtete einen Egotrip. Der Wunschkandidat für die Hauptrolle sagte ab. Doch der Regisseur gab nicht auf, jagte weiter seinen Traum, drehte den Film so, wie er es sich vorgestellt hatte, und zeigte "The Artist" schließlich auf dem Filmfestival von Cannes im Mai 2011.
Dem Moment des gespannten Luftanhaltens, während der Abspann lief, folgte frenetischer Jubel. "Kein Film dieses Jahres hat das reine Vergnügen im Kino und am Film besser auf die Leinwand gebracht", fasste die renommierte britische Filmzeitschrift "Sight&Sound" das Hochgefühl dieses Kinoerlebnisses zusammen. Die Zeitspanne wurde bald auf ein Jahrzehnt ausgeweitet. Seitdem wird Hauptdarsteller Jean Dujardin dafür belohnt, dass er sich dann doch noch getraut hat: Zuerst gab es den Darstellerpreis in Cannes, dann den Golden Globe und nun auch noch die Oscar-Nominierung. Eine von zehn Chancen auf den Goldjungen für "The Artist".
Das ist alles tatsächlich ein Kino-Wunder, denn der wahrgewordene Traum von Regisseur Michel Hazanavicius ist nicht nur ein Stummfilm in Schwarz-Weiß, er kommt auch noch aus Frankreich. Seit Einführung des Tonfilms 1927 hat sich die Academy nicht mehr für die stummen Vorgänger interessiert. Und soweit die Erinnerung reicht, war auch noch nie ein Film aus einem nicht-englischsprachigen Land ein gefeierter Favorit der Filmpreise Hollywoods.
Dieser sprachlose Erfolg ist ein Triumph für Kinofans, heißt es doch, dass es bei den Oscars vielleicht doch nicht nur um Branchenpolitik und Einflussnahme geht. Auch wenn es ohne die kräftige Mithilfe des legendären Studiobosses Harvey Weinstein sicherlich weniger glatt gelaufen wäre.
Worin liegt das Geheimnis dieses Siegeszuges, der am 26. Februar im Kodak Theatre hoffentlich ein grandioses Finale finden wird?
Die Antwort ist wunderbar einfach: Daran, dass dieser Film über einen Stummfilmstar, dessen Karriere am Tonfilm zerbricht, seinen wunderbaren Hund, der immer mit dabei ist, und eine frech-forsche Newcomerin, die den Mann aus der alten Welt von ganzem Herzen liebt, ein großer, jedermann zugänglicher Spaß ist. Ein Film, der auf die Intelligenz seines Publikums vertraut, anstatt die Latte möglichst tief zu legen. Es ist erstaunlich, wie gleichzeitig abstrakt und natürlich "The Artist" mit den Emotionen des Publikums kommuniziert. So viel Platz zum Selbstfühlen lässt das moderne Mainstreamkino selten, eigentlich nie. Deshalb auch kommt dieser Film so frisch daher, dass man das Schwarz-Weiß nach wenigen Minuten schon vergessen hat.
"The Artist" ist Entertainment in reinster, schönster, wahrster Form. Und wann haben Sie das bitte zuletzt gesehen?
"The Artist" Ende der 20er in Hollywood: George Valentin (Jean Dujardin) ist der Superstar unter der Stummfilmprominenz. Ewig gut gelaunt tänzelt er mit seinem Filmhund Jack durchs Leben, dreht einen Film nach dem anderen, lässt sich von Fans bekreischen und von der Presse feiern. Eines Tages trifft er bei einer Premiere ein Mädchen aus der Menge, das später als Tänzerin am Set wieder auftaucht. Valentin, dessen Frau über seine Witze schon lange nicht mehr lachen kann, verknallt sich in das freche Ding namens Peppy Miller. Doch beide halten sich zurück, schließlich ist er verheiratet. 1927 kommt der Tonfilm auf, den Valentin nicht ernst nimmt. Dafür aber sein Studioboss. Als dann auch noch die Börse zusammenbricht, steht Valentin auf der Straße, von allen verlassen, außer seinem treuen Chauffeur und Hund Jack. Derweil steigt Miller zum neuen Star einer neuen Ära auf. Und sie hat Valentin nicht vergessen.
Mit größter Eleganz, Detailliebe und Präzision hat Michel Hazanavicius dieses moderne Stummfilmmärchen geschaffen