Pullern am Broadway

24. April 2008, 11:55 Uhr

Er gilt als einer der talentiertesten Violinisten weltweit - und er sieht verdammt gut aus. Im stern-Interview spricht David Garrett, 27, über sein Leben als Wunderkind, Pullern am Broadway und darüber, wie man Frauen mit Musik rumkriegt.

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David Garrett sieht gut aus und kann trotzdem hervorragend Violine spielen©

David Garrett tritt in zerrissenen Jeans und Totenkopf-Pullover in das Foyer seines Hauses im New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen. Er hat die Nacht durchgemacht. Es ist 12 Uhr mittags. Sein Blick ist verschlafen, der Gang schleppend.

Puh, was für eine Nacht. Was war los? Party. Das ganze Pensum. Mary Kate Olson hat mich kurz angerufen, die kenn ich gut. Wir sind durch drei Bars gezogen, Schauspieler sind echt hart im Nehmen. Dann ging es zur Afterparty, von einer zur anderen, da hab ich mir gesagt:, jetzt mache ich die Nacht durch.

Klingt anstrengend.

Nö, das ist momentan meine Ruhepause. Ich bin zehn Monate im Jahr für Konzerte unterwegs und habe nur drei Wochen in meiner eigenen Wohnung in New York. Heute wollte ich mal in meinem eigenen Bett schlafen, aber dann wurde es ein fremdes Bett.

Aha.

Es ist unglaublich aufregend. Ich arbeite viel, da muss man auch mal verantwortungslos sein dürfen. Ich lebe sehr intensiv. Wenn ich einen Tag lang gar nichts mache, ist mir schon langweilig.

Kann so ein Leben nicht zur Sucht werden?

Ja, mir fällt auf, wenn man ne Tour macht, bist du am ersten Ruhetag völlig unruhig und denkst, du musst doch was machen. Letztes Jahr hab ich 120 Konzerte gespielt, davon 90 klassische, der Rest war Material von meiner neuen CD. Sie läuft gut in Asien, in China auf Platz 3, auch in Deutschland ist sie schlagartig explodiert, ich war sehr überrascht.

Wir auch. Sie ist nicht besonders gut.

Es ist kein Gesangs-Album, also musst du mit deinem Instrument jedes mal wieder überraschen. Die Plattenfirma hat gesagt: Mach es entweder nur romantisch oder nur schnelle Sachen. Aber ich habe echt mein Ding durchgezogen, daher geht jede Kritik auch an mich.

Sie bringen es fertig, Metallica, Carmen und Gypsy-Dance auf einer CD zu spielen.

Die CD ist als Einstieg für ein junges Publikum gedacht, etwas Einfaches zum Verdauen. Da runzelt sicher der eine oder andere die Stirn, aber das sind auch dieselben Leute, die sich beschweren, dass keine jungen Leute ins Klassikkonzert gehen.

Verletzt die Kritik Sie nicht?

Gar nicht, das ist Motivation, um es besser zu machen. Ich kann eines sagen: Das Geigenspiel ist absolut top. Ob man die Arrangements mag, ist eine andere Sache. Raten Sie mal, wie viele Leute mir vor der CD gesagt haben: Um Himmels Willen, mach es nicht. Von 100 Leuten waren das 99.

Vielleicht hatten sie ja auch einfach Recht?

Die Leute sagen: Der vergeudet sein Talent, der soll klassische Sachen aufnehmen, der ist zu kommerziell. Natürlich ist es das, aber ich habe auch einen kommerziellen Geschmack. Mozart war auch kommerziell, der hat auch Sachen gemacht, für die er bezahlt wurde.

Es riecht eher nach einer Vermarktungsidee: Der Wundergeiger zeigt sich in zerrissenen Jeans, Totenkopfpullover, Sonnenbrille - und spielt Metallica.

Ja, klar auch Vermarktung, aber das ist sekundär. Gerade die klassische Musik sieht man nicht mehr im Fernsehen, da öffne ich eine Tür, um Leute für die normale Klassik begeistern.

Also so was wie Andre Rieu?

Andre Rieu find ich nicht so toll. Oder Nigel Kennedy. Die Leute denken ja, das sind große Virtuosen. Kennedy kann ja noch einigermaßen Geige spielen, bei Vanessa Mae ist das nicht der Fall. Die Leute kennen ja die großen Legenden des Violinenspiels nicht: Nathan Milstein, Jascha Heifetz, David Oistrakh, meinen Lehrer Itzhak Perlman.

Sie haben mit den ganz großen Dirigenten gearbeitet, Zubin Mehta, Claudio Abbado. Wer beeindruckt Sie am meisten?

Man merkt als Solist, ob jemand das Heft in die Hand nimmt oder ob man nur Beilage ist. Es gibt Dirigenten mit einer festen Vorstellung, von der sie nicht einen Millimeter abweichen. Mehta ist immer großartig, nicht nur wie er einen begleitet, sondern wie er seine eigenen Ideen mit einbringt, das ist das Optimum. Abbado war nicht leicht. Da kommt so ein 13jähriger an wie ich damals und spielt ein Mozartkonzert. Da hat er natürlich seine Vorurteile. Ist ja auch ein ganz großer Musiker, der will nicht Kompromisse machen.

Es gibt Kritiker, die sehen Sie als derzeit besten Geiger. Sehen Sie das auch so?

Selber sieht man das nicht so. Es ist unglaubliche Arbeit, gerade wenn du jung bist, musst du sechs, sieben Stunden am Tag arbeiten. Talent hilft, aber nur Arbeit bringt dich ans Ziel. Klar kann ich mich einordnen, ich weiß, dass ich da oben mitschwebe.

Das hatte einen hohen Preis: Ihre Kindheit.

Es war sicher eine anstrengende Kindheit. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Freunde Fußball spielten, während ich übte, wäre mir das vielleicht unangenehm gewesen. Aber ich kannte es ja nicht anderes.

Sie haben nicht gewusst, dass Ihre Freunde Fußball spielten?

Ich hab nur Privatunterricht gehabt. Bis zur 10.Klasse war ich ausschließlich zu Hause mit Privatlehrern, ich hatte keinen sozialen Kontakt. Es war ein Leben im goldenen Käfig.

Zur Person

Zur Person Der Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Tänzerin spielte schon als Teenager unter Stardirigenten wie Zubin Mehta. Mit 14 schloss er einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon ab. 1999 ging er an die weltberühmte Juilliard School of Music und lebt seitdem in New York. Im Mai 2008 ist er auf Deutschland-Tournee.

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