Beethoven, Wagner, Peter Fox

24. Februar 2009, 15:57 Uhr

Er hat den Bundesvision Song Contest gewonnen, drei Echos eingeheimst und sein Album toppte die Charts - Peter Fox ist der erste deutsche Megastar des noch jungen Millenniums. Wie konnte es dazu kommen? Eine Analyse. Von Ingo Scheel

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Preiswürdig: Peter Fox mit einem der drei gewonnenen Echos©

Der flächendeckende Ruhm trifft den 37-Jährigen alles andere als unvorbereitet, im Gegenteil - vielmehr sieht es so aus, als schreitet Fox, der bürgerlich Pierre Baigorry heißt, den von seiner Band Seeed mit breiten Sohlen getretenen Pfad einfach noch mal ab. Auch das vielköpfige Klangkombinat aus Berlin hortet Echo-Statuetten in heimischen Vitrinen, hatte mit "Dickes B." und "Aufstehn" Hits, die bundesweit die Boxen pumpen ließen. Und im Bundesvisions-Wettsingen hatten die Berliner ebenfalls die Nasen vorn. Vor drei Jahren gewannen sie mit dem Song "Ding" den alternativen Grand Prix auf ProSieben. Überhaupt - 2006, das Jahr der Fußball-WM in heimischen Stadien, hielt einen der definitiven Höhepunkte für Seeed bereit. Zur Eröffnung der Weltmeisterschaft in der Münchner Allianzarena spielten sie vor einem TV-Publikum von mehr als 1,5 Milliarden Zuschauern.

Das alles schien man erst mal sacken lassen zu müssen, und so kommt man kurze Zeit später im Seeed-Lager überein, eine Pause einzulegen. Genau der richtige Moment für den Mann mit den vielen Pseudonymen - den Seeed-Vormann Fox kennt man auch als "Enuff" - endlich das Solodebüt anzugehen. Doch wer ist eigentlich dieser Anzugträger mit dem Lolli im Mund, der nach längst vergangenen "Ronny's Popshow"-Tagen den Affen in die deutsche Popmusik zurückgebracht hat?

Flöte, Posaune, Klavier

Pierre Baigorry wächst in Berlin als Sohn einer französischen Baskin auf, versucht es früh mit Blockflöte, dann mit Posaune, aber erst das Klavierspiel scheint ihn richtig zu faszinieren. So sehr, dass er später gar eine Lehre als Klavierbauer beginnt. Zuende bringt er sie nicht. So vielseitig und faszinierend das Instrument ist, so öde ist der Arbeitsalltag. Schon als Schüler eines französischen Gymnasiums, gemeinsam mit afrikanischen Diplomatenkindern, multikulturell geprägt, zieht es ihn nach dem Abitur in die HipHop- und Reggae-Szene der Haupstadt. Es folgen Bandprojekte, Nachwuchswettbewerbe, Jams, Künstler-Pseudonyme - aber so richtig ernsthaft wird es 1998 erst mit Seeed. Ein begonnenes Sonderpädagogik-Studium wird zugunsten der Karriere geopfert, der Rest ist Geschichte.

Zehn Jahre später ist Fox alias Baigorry alias Enuff auch solo ganz oben im heimischen Popolymp angekommen. Sein Debüt "Stadtaffe" erscheint im Herbst letzten Jahres und gedeiht prächtig auf dem Boden, den Seeed schon mehrere Jahre beackert hatten. Dickhosige Beats, schräge Rhythmen, kombiniert mit opulenten Orchesteraufnahmen. Dazu gut verpackte Alltagsstudien und Zustandsbeschreibungen, wie man sie schon aus dem Textheft seiner Hauptband kennt. Wiederkehrendes Thema auch hier: Berlin. Immer wieder Berlin. Das schöne Berlin. Das "Ick steh uff Berlin"-Berlin, die Multikulti-Metropole. Aber auch "Dogshit City" mit seinen uringetränkten Bauzäunen und den leeren Spritzen auf dem Kinderspielplatz. Fox, selbst Familienvater, liebt seine Stadt mindestens genauso sehr wie er sie oftmals verabscheut.

Mein Style, mein Song, meine Stadt

Die eigene Hood zum Thema machen, sie verehren, aber auch verdammen - genau das bildet bei dem Berliner den Brückenschlag zwischen der deutschen HipHop-Kultur der letzten zehn Jahre und den Deutschrock-Größen der letzten drei Dekaden. Hier scheint der Schlüssel zum Fox-Syndrom zu liegen. Was dem Sido sein Block, ist dem Grönemeyer sein Bochum. Was die Fetten Brote an Hamburg lieben, mochten Westernhagen und Campino an Düsseldorf. Die Fantas in Stuttgart, Nina Hagen in Berlin, BAP in Köln. Mein Style, mein Song, meine Stadt. Bei Peter Fox gibt es das jetzt als Generationenvertrag. Hier die modernen Sounds, Beats, Samples, dort die Stadtlyrik, die quer durch alle Hörerschichten von 15 bis 50 gehört und vor allem verstanden wird.

Nicht im geringsten so prollig wie die üblichen Verdächtigen, dabei aber immer noch fett genug für die Raucherecke der Gesamtschule. Das eint den Toten-Hosen-Hörer mit dem B-Boy, den Aggroberlin-Anhänger mit dem Reamonn-Fan. "Haus am See"? Wollen wir doch irgendwie alle. Das angesagteste Viertel der Stadt? Will man doch auch drüber Bescheid wissen - ob in Hamburg, tief im Westen oder in Bayern. So versöhnt Peter Fox die verschiedensten Lager, bringt zusammen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehört und ist mithin der erste deutsche Superstar des Millenniums. Ein Posten, den ein anderer beinahe schon innehatte.

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
STR_EDDS (26.02.2009, 12:35 Uhr)
...
Bei 30 Grad am Ende eines Tages mit einem Mojito in der Hand das "Haus am See" vom Fixx und Foxy zu hören hat was. Da kann man dann sich dann prima mit ein paar Freunden über die unentspannten Gesellen unterhalten. Die stehen meistens ernst und sinnsuchend herum und schütteln heftigst den Kopf über soviel uerlaubte gute Laune. Und Fox mach Laune. Nicht nur in Berlin. Ob den in 200 Jahren noch jemand kennt? Was interessiert mich das heute? Ich darf Musik auch ohne deren welthistorischen Erhaltungswert gut finden.
Pixelschubser (26.02.2009, 11:48 Uhr)
Auch mit 40...
...kann man durchaus Fan von Peter Fox bzw. seiner CD "Stadtaffe" sein. Als Rheinländer mit Berliner Wurzeln finde ich in der Stimmung, die Fox da transportiert, tatsächlich sehr viel echtes und wahres. Mit seiner Hommage an eine Großstadt, die zufällig mal wieder unsere Hauptstadt geworden ist, malt er ein akustisches Bild und eine Liebeserklärung, die tatsächlich nur Größen wie die Hosen, Grönemeyer und BAP hinbekommen haben - in der Liga dürfen wir PF, denke ich, durchaus einreihen. Und ehrlich: die Texte muss man sich in Ruhe anhören, die sind definitiv nicht nur mittelmäßig, die haben in der Tat das "Gewisse Etwas". Natürlich kann man einige Stücke (Z.B. "Zucker") auch volles Rohr bei offener Seitenscheibe genießen, aber z.B. solche poetischen Texte wie in "Ich Steine, Du Steine" nimmt man doch lieber leise und wohldosiert zu sich.
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Mein Fazit zu Fox: Der kann es wirklich. Aber der Junge ist ja auch keine 17 mehr...
DasBertl (26.02.2009, 09:07 Uhr)
Wenn ich mir bei einem sicher bin...
das man in 200 Jahren immer noch Beethoven kennt und hört, aber das kein Mensch mehr weiß wer oder was Peter Fox eigentlich war. Mal ehrlich, ich glaube KEIN MUSIKER derzeit hat auch nur die Chance in 200 Jahren noch bekannt zu sein, ausgenommen eventuell die Rockopas die unbedingt ihr eigenes Vermächtnis noch schnell Kaputtvermarkten müssen. Das ist das Problem, heutzutage ist das Musikgeschäft viel zu schnelllebig als das wirklich jemand für längere Zeit im Gedächtnis bleibt. Zumal es keiner von den Konservenmixern heutzutage mit einem Hendrix, Presley, B.B.King oder Beethoven auch nur ansatzweise aufnehmen kann. (Nicht das mir moderne Musik nicht gefällt, im Gegenteil, dennoch, künstlerisch anspruchsvolles gibts eher selten und wenn dann gerade noch fürs Kino (Hans Zimmer z.B.). Bitte, keine vergleiche in dieser Art mehr... Stern, ihr seit doch nicht bei Springer, das habt ihr doch nicht nötig...
Dylan1941 (26.02.2009, 00:49 Uhr)
Auch dieser Artikel macht mir
nicht klar was die Menschen an Peter Fox finden. IMHP er kann nicht besonders singen, die Texte sind nicht besonders , die Machart der Videos hat etwas. Wahtscheinlich ist es in einer medial gesteuerten Welt dieser Schlüssel der die Türen öffnet. Sicherlich auch mangels Qualität allgemein in Zeiten Dieters Supastars !
Kalox (25.02.2009, 21:57 Uhr)
ich finds cool!
seeed fand ich anfangs nervig, aber seit "aufstehn" hat sich das geändert - pete fox ist ohnehin sehr cool, und das sage ich, obwohl ich gar kein fan bin - dennoch, weiter so, pete!!!
johnniedeamonic (25.02.2009, 21:21 Uhr)
....
schön das malwieder ein Titel abseits des SUPAHSTAH-NIWOH's gewonnen hat.
hevosenkuva (25.02.2009, 20:00 Uhr)
Über Geschmack lässt sich streiten...
ein paar Sachen sind ganz nett, aber insgesamt erscheint mir der Herr Fox etwas überbewertet. Persönliche Meinung.
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