Dynastienstreit geht in die nächste Runde

14. Juni 2012, 10:10 Uhr

Die 80er sind ohne die Serie "Dallas" fast unvorstellbar. Nun fließt das Öl wieder - zunächst nur in den USA, aber RTL plant bereits mit Ölbaron J.R. Ewing. Doch ist die Geschichte um millionenschwere Texaner überhaupt noch zeitgemäß? Von Ulrike von Bülow, New York

Der Bösewicht ist alt geworden. Er braucht eine halbe Stunde, ehe er sich in seinem Sessel bewegt und etwas sagt. "Bobby wird immer ein Narr sein", spricht J.R. Ewing, schlohweiß das Haar, schlohweiß die Augenbrauen, die er nun spöttisch hochzieht. Wie man das von ihm kennt, wenn er von seinem kleinen Bruder spricht. Dem guten Bobby. J.R. sitzt in einem Altersheim, er wirkt zunächst wie scheintot, als "Dallas" beginnt - die Fortsetzung der berühmten Seifenoper, die in den 80ern die Fernsehwelt fesselte. "Dallas" erzählte die Geschichte der Ewings aus Texas, einer Familie, die das Ölgeschäft beherrschte. Besser gesagt: J.R. beherrschte es, der intrigante Sohn, der die Geschäfte der Ewings steuerte. Nach seinem fiesen Gusto.

Jetzt ist er zurück und mit ihm die Sippe. Nicht mehr ganz vollzählig, aber noch immer auf der "Southfork Ranch" zu Hause: Der US-Sender TNT wagt eine Neuauflage von "Dallas" und zeigte am Mittwochabend die ersten beiden Folgen. Es klingt vertraut, als die Titelmelodie zu hören ist: Düdü-düdü-düdü-düdü-düdü-dü-dü-dü-dü-dü-dü-düüüüüh.

Wangen, so glatt wie in den 80ern

So klang es auch am 2. April 1978, als "Dallas" erstmals ausgestrahlt wurde. Es war die Geburt einer der erfolgreichsten TV-Serien aller Zeiten. "Dallas" erreichte Rekordquoten. Als J.R. Ewing im März 1980 angeschossen wurde, lautete die große Frage: "Who shot J.R.?". Neun Monate später lief die neue Staffel mit der Auflösung an - und in den USA schalteten 76 Prozent aller Fernsehzuschauer ein, um zu erfahren: Es war Kristin Shepard, die Schwester von Sue Ellen, J.R.s Gattin. "Dallas" prägte die Fernsehgeschichte der 80er Jahre: Es folgten "Der Denver Clan", "Falcon Crest" oder in Deutschland "Das Erbe der Guldenburgs" - überall liefen plötzlich Serien, die sich um reiche Familien drehten, bei denen es stets einen Bösewicht gab. Oder eine Bösewichtin, wie Alexis Carrington im "Denver Clan". Und immer war da eine gute Seele wie Miss Ellie; "Mama", wie J.R. stets sagte, wenn es um seine Mutter ging, die den Clan zusammenhielt. "Dallas" lief 357 Folgen lang, bis die Serie 1991 zu Ende ging. Vielleicht zu Recht. Hat nicht alles seine Zeit? Wer braucht "Dallas" heute noch?

Larry Hagman vielleicht, der J.R. spielt und sagt: "Ich werde J.R. sein, bis ich sterbe." Hagman ist inzwischen 80 und natürlich wieder dabei. Wie Patrick Duffy, 63, und in Würde ergraut, der Bobby Ewing gibt. Und auch Linda Gray, 71, mischt mit - als Sue Ellen, J.R.s Gattin. "Wir sind so verrückt und lebensuntüchtig wie immer", sagt Linda Gray. Und vor allem sieht sie aus wie immer: Mrs. Gray hat Wangen, die so glatt sind wie in den 80ern. Als Sue Ellen noch einen trinken ging - in Kostümen, die mit herrlichen Schulterpolstern aufgebockt waren. Heute ist sie trocken: Mrs. Ewing ist jetzt in der texanischen Lokalpolitik zuhause, Karrierechancen steigend. "Ein schöner Schritt, wenn man bedenkt, worum es bei Sue Ellen früher ging: Alkohol und Affären", sagt Linda Gray und lacht etwas hautsteif.

Das Bild des ölbohrenden Texaners ist überholt

Gray, Hagman und Duffy werden am Set "The Big Three" gerufen, die großen Drei, doch im Wesentlichen geht es in "Dallas" jetzt um eine neue Generation - den Nachwuchs der Ewing-Brüder. John Ross, J.R.s Sohn (gespielt von Josh Handerson), der die bösen Gene seines Vaters geerbt hat. Während Bobbys Sohn Christopher (dargestellt von Jesse Metcalf) natürlich ganz nach seinem Daddy kommt und eine gute Seele ist: Christopher ist der Öko der Familie, er möchte, dass die Ewings in alternative Energie investieren. Anstatt in die miese Ölbohrerei. John Ross und Christopher buhlen beide um Elena, die schöne Tochter des Kochs der Southfork Ranch, einem Anwesen, das aus heutiger Sicht ein wenig mickrig erscheint.

"Dallas" war die erste Serie, die sich dem Leben der Megareichen widmete: Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre boomte die Öl-Industrie in Texas. Millionenschwere Texaner waren stolz, vulgär und exotisch - und man sah ihnen fasziniert zu. Natürlich gibt es immer noch Geld in Texas, doch Verschwendung und Extravaganz beobachtet man heute woanders: Bei Internet-Milliardären. Oder russischen Oligarchen, die sich Fußballklubs kaufen und Yachten bauen, bei denen die Southfork-Ranch in den Kofferraum passen würde. Es ist so, wie die TV-Kritikerin der "New York Times" schrieb: "Texaner trugen einmal große Hüte. Heute sind sie alte Hüte."

Die jungen Ewings sind Posterboys

Das "Dallas" von 2012 erscheint seltsam altmodisch, mit J.R., Bobby und Sue Ellen, die darauf reduziert sind, ihre alten Charaktere darzustellen - man weiß, was sie zu bieten haben. Ein fieses "Hähähä!", wie J.R., der rasch aus seiner Altersstarre erwacht und bereit ist für neue Intrigen. Einen Sinn für das Gute im Menschen, wie Bobby, der die Familie im Miss Ellie-Stil zusammenzuhalten versucht. Ein Lachen, das wie früher die Unsicherheit Sue Ellens kaschiert.

Josh Henderson und Jesse Metcalfe, die jungen Ewings, sind zwei Posterboys und als solche nett anzusehen. Doch es erscheint schrecklich vorhersehbar, was geschieht, wenn einer der beiden im Computer des anderen herumschnüffelt - und etwas findet, das er nicht sehen soll. Es folgt eine kleine Erpressung, die so überraschend daher kommt wie die Tatsache, dass Dallas noch immer in Texas liegt. "Unser As ist unsere Geschichte", sprach Patrick Duffy, der gute Bobby Ewing, der eine schlechte Nachricht verdauen muss: Er ist krebskrank und hat nicht mehr lange zu leben. "Ich will nicht, dass jemand davon erfährt", sagt er zu seinem Arzt. Und mit dem Satz ist klar: Natürlich erfährt jemand davon. Noch in der nächsten Folge.

Das kann man sich angucken, muss man aber nicht. Interessant ist nur, wohin es die Ewings führt. Die Wiederbelebungen alter Klassiker sind in den USA derzeit sehr in Mode. Die Neuauflage von "Hawaii Fünf-Null" lief sehr erfolgreich - anders als die von "Drei Engel für Charlie", die im vergangenen September abgesetzt wurde. Nach nur vier Folgen.

Für das deutsche Fernsehen hat sich der Privatsender RTL die Rechte an der Neuauflage von "Dallas" gesichert. Der Sendetermin steht noch nicht fest. Auf Nachfrage erklärt RTL, dass man derzeit plane, ob eine Ausstrahlung noch in diesem Jahr möglich sei - oder im Frühjahr 2013.

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