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Rocko Schamoni im Interview: "Es geht nur um geile Weiber und fette Autos"

Über seine Jugend als Dorfpunk hat er einen gleichnamigen Bestseller verfasst. Jetzt ist die Verfilmung des Buches in die Kinos gekommen. Im stern.de-Interview spricht Rocko Schamoni über die Punk-Bewegung der 80er Jahre - und warum die Jugend heute nicht rebellisch ist.

Ist als Entertainer eine feste Größe in der Hamburger Alternativ-Szene: Rocko Schamoni

Ist als Entertainer eine feste Größe in der Hamburger Alternativ-Szene: Rocko Schamoni

In seiner Jugend gehörte er zur Punk-Welle, die sich ausgehend von London langsam über den Kontinent ausbreitete und mit zeitlicher Verzögerung auch auf dem platten Land ankam. Rocko Schamoni war in den 80er Jahren ein Punk, Teil jener Jugendbewegung, die sich den Anforderungen der bundesrepublikanischen Gesellschaft komplett verweigerte. Über seine trostlosen Jahre in Lütjenburg an der Ostsee schrieb Schamoni 2004 den Bestseller "Dorfpunks", in dem er vom Aufwachsen auf dem Lande erzählt. Jetzt ist die Verfilmung dieses Buches in den Kinos angelaufen.

Mit Laienschauspielern lässt Regisseur Lars Jessen ("Am Tag als Bobby Ewing starb") diese Epoche wiederauferstehen und bringt das vorherrschende Lebensgefühl einer Dorfjugend zum Ausdruck: gähnende Langeweile. Die jugendlichen Punks vertreiben sich die Zeit, in dem sie eine Band gründen, in der Fußgängerzone herumhängen, auf Partys den Bürgerschreck spielen und viel Bier trinken.

Rocko Schamoni zieht später nach Hamburg, wo er sich schon bald als fester Bestandteil der dortigen Popkulturszene etabliert und dabei seinen Punk-Wurzeln treu bleibt: Er lässt sich nicht vereinnahmen und sucht konsequent nach Alternativen zum System. Trotzdem hat er dabei immer wieder für Aufsehen gesorgt. Als Musiker mit skurrilen Schlagerprojekten, als Komiker in dem Ensemble Studio Braun, als Kneipenwirt mit seinem legendären "Golden Pudel Club", zuletzt mehrfach als Buchautor. Daneben hatte Schamoni Gastauftritte in mehreren Filmen, auch als Komponist von Theaterstücken ist er gefragt.

Herr Schamoni, worin besteht der Unterschied zwischen einem Dorfpunk und einem echten Punk?

Da gibt es keinen Unterschied. Mein Buch richtet sich ja gegen die Vorstellung, Punk habe nur in Großstädten wie London und Düsseldorf stattgefunden. Ein Großteil der Bewegung saß aber auf dem Land. Die waren genauso Punk, sind nur nicht beachtet worden. Punkrocker ist Punkrocker, egal, wo er ist.

Warum sind heutige Bands nicht mehr so politisch wie die deutschen Punkbands der frühen 80er Jahre?

Das hat sich geändert durch den Fall der Mauer und den Untergang des Ostens mitsamt den Werten des Kommunismus. Die Welt, in der wir jetzt leben, ist dagegen komplett auf Kapitalismus, Marktwirtschaft, auf Verkäuflichkeit und Oberfläche getrimmt. Wir sind ja damals aus einer Tradition gekommen, die linke Denktraditionen gekannt hat. Wir sind die direkte Nachfolgegeneration von den ganz harten Politkämpfern und der RAF. Aufgrund des Verfalls linker Werte ist es für die jetzige Generation ganz schwer, diese Tradition aufzunehmen. Das muss man sich erlesen, da muss man Filme drüber kucken, um zu begreifen, wie so etwas überhaupt gehen kann, denn in der heutigen Welt ist das nicht mehr vorhanden.

Das musste man sich damals als Punk doch auch nicht anlesen!

Nein, aber wir haben das einfach in die Hand bekommen. Viele von uns kamen aus Öko-Elternhäusern, die eigentlich gar nicht so übel waren. Es gab da ganz viele politische Gruppen, die Debatten geführt haben und auf Demos gefahren sind. Man ist nach Brokdorf gefahren. Das war ganz selbstverständlich in der Gesellschaft verankert. Die politische Haltung war ganz wichtig, das gehörte einfach zu dem Ausdrucksrepertoire, das du mit dir rumgetragen hast. Das wird heute gar nicht mehr als selbstverständlich angesehen.

Sind die jungen Leute heute wirklich angepasster?

Ja. Wie kann man unangepasst sein, wenn man in einer Zeit lebt, die einem diese Modelle gar nicht mehr überliefert. Die Massenmedien sind heute zehnmal stärker präsent als früher. Alles ist immer nur das gleiche: Es geht darum, möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen, geile Weiber, fette Autos, geile Klamotten. Frauen werden zu einer Handelsware gemacht, wie das vor 30 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Wenn du das von Kindesbeinen an vorgelebt bekommst - wie willst du dich dem entziehen? Ich glaube, dass das Bedürfnis nach Haltung irgendwann wieder wächst. Zum jetzigen Zeitpunkt spüre ich das allerdings überhaupt nicht. Momentan hat die Oberflächenmassage ihren Höhepunkt erreicht.

Wird da die Finanzkrise etwas dran ändern?

Ich habe mich darüber ehrlich gesagt gefreut. Aber dann habe ich gedacht: Warum geht eigentlich keiner auf die Straßen? Eigentlich müsste es doch längst jeden Monat Massendemonstrationen geben, wo die Leute sagen: Es reicht uns. Es muss zu einem grundlegenden Wechsel kommen, wo die Posten geräumt werden, wo das ganze System wirklich verändert wird. Es hat anscheinend noch nicht gereicht. Es muss noch härter werden.

Kommen wir noch einmal auf Ihren Film zurück. In "Dorfpunks" geht eigentlich nur um eines: Langeweile.

Das ist auch das schlimmste, was man mit 18 erleben kann. Heute sehne ich mich danach, weil ich in einem Hamsterrad bin. Ab 30 fängt das Hamsterrad irgendwann an. Aber damals war das extrem quälend. So ein Vakuum. Es passiert nichts, aber ich will doch so viel, und die Welt bedeutet so viel.

Ist diese Langeweile nicht auch ein Segen? Heutige Teenager kennen das doch gar nicht mehr, angesichts der Allgegenwart von Computerspielen, Internet, Fernsehen und Casting-Formaten?

Wenn ich meine Tochter sehe, tut mir das ein bisschen leid. Sie ist 13. Wenn wir nicht drauf achten würden, würde sie durchdaddeln: Computer, fernsehen, chatten. Das gab's früher gar nicht. Drei Programme, und die waren meist langweilig. Du musstest diese ganze Entertainment-Fabrik selber erschaffen.

Ohne Langeweile keine guten Ideen?

Nein. Stell dir mal vor, du darfst keine Langeweile mehr haben! Ich habe mich mal gefragt, ob dieses Langeweilephänomen schmerzlich spürbarer Zeitüberschuss ist, den du vor dir hast. Am Anfang deines Lebens hast du so ein fettes Konto, die Last der Zeit drückt dich. Vielleicht ist genau dieser Überschuss Langeweile.