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"Dorfpunks": Teenage Weltschmerz

In seinem autobiografischen Roman "Dorfpunks" erzählt uns der Hamburger Musiker Rocko Schamoni von seiner Jugend als Punk in einem schleswig-holsteinischen Dorf. Eine unterhaltsame Lektüre, die aber einige Fragen offen lässt.

In Deutschland hat die Generation der über Dreißigjährigen in den letzten Jahren damit begonnen, sich ihrer selbst zu vergewissern: die Themen sind Jugend und Erwachsenwerden in der saturierten Wohlstandsgesellschaft der Bundesrepublik. Ein prominentes Beispiel ist der Roman "Herr Lehmann" von Sven Regener, in dem die letzte Adoleszenzphase eines Endzwanzigers beschrieben wird. Im Kreuzberger Milieu Ende der achtziger Jahre, geprägt durch Kneipen, Bier und nicht-bürgerliche Lebensentwürfe, findet da einer seinen Weg. Nach dem Motto: Raus aus der Kneipe, rein in die verantwortungsbewusste Erwachsenenexistenz.

Oder der Roman "Liegen Lernen" von Frank Goosen. Da gerät ein 32-Jähriger in eine Sinnkrise - wegen der Frauen. Er lässt sein bisheriges Leben Revue passieren, meistert aber schließlich die Krise - wie es sich für einen bürgerlichen Entwicklungsroman mit unterhaltsamer Note gehört. Eine andere Variante der Selbstvergewisserung lieferte Florian Illies mit seiner anekdotenhaften Textsammlung, die überaus erfolgreich war. Da hatte einer den richtigen Ton getroffen. Der war allerdings in etwa so aufregend wie ein weißer Golf, der auf einer Garageneinfahrt vor einer Doppelhaushälfte in irgendeiner Randgemeinde steht.

Reale Geschehnisse aus dem Leben eines Teeniepunks

Jetzt liegt uns wieder eine Lebensbeschreibung vor, die den Gegenentwurf zu Illies liefert. Der Hamburger Musiker Rocko Schamoni erzählt in seinem autobiografischen Roman "Dorfpunks" von seiner Jugend in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Schmalenstedt, das in Wirklichkeit Lütjenburg heißt. Warum der Autor, der uns offensichtlich durchaus reale Geschehnisse aus seinem bewegten Leben als rebellierender Teeniepunk erzählt, den Namen der Kleinstadt verändert, während andere Namen, Ereignisse und Orte authentisch bleiben, ist nicht nachzuvollziehen. Oder soll Schmalenstedt ein abstrakter Ort der Jugend sein - als eine Art brechtscher Verfremdungseffekt - der es dem Autor erleichtert, sich seinem Gegenstand in angemessener Weise zu nähern, ohne dabei eine reflektierende Distanz zu verlieren?

Schmalenstedt also: in der idyllischen schleswig-holsteinischen Schweiz gelegen, CDU-regiert, viel Wald, Wiesen, Bäche und Seen, eine kooperative Gesamtschule, ein großes Einkaufszentrum, eine Disco. Die Ostsee ist nicht weit. Die erste Vorbedingung einer Punk-Sozialisation ist durch die Eltern erfüllt. Beide sind 68er Lehrer, sie kaufen ein Bauernhaus, das sie selbst renovieren, sie unterstützen landwirtschaftliche Kooperativen in Guatemala - Hippiescheiße, wie der Autor das nennt.

Die Gegenreaktion des Jungen lässt nicht lange auf sich warten. Opfer sind zunächst friedlich weidende Kühe, die mit selbstgebastelten Waffen malträtiert werden. Sie pieken Bullen mit der Forke in die Hoden, so dass sie Luftsprünge vollführen. Kleine Land-Jungs finden das lustig. Sie schlitzen ungeliebten Lehrern die Reifen auf, klauen im Supermarkt, was die Hände greifen können, vor allem aber natürlich AC/DC- und KISS-Platten. Aber das ist nur der Anfang einer Gegenhaltung, die immer radikaler wird. Die später alles verneint, was durch die kleine Welt der Spießer vorgegeben ist, in deren Gärten Deutschlandfahnen hängen (heute ergänzt durch Ferrari-Fahnen).

Der Körper als Protestwerkzeug

Das Ausloten der eigenen Grenzen findet auch am eigenen Körper statt. Die Jungen fügen sich Verletzungen zu, um den Mädchen in der Schule zu imponieren. Sie ritzen sich die Arme auf. Die Mädchen kreischen, wenn dass Blut aus den kleinen Wunden quillt. Die Rebellion gegen die Welt der Erwachsenen ist auch eine gegen den eigenen Körper. Später muss der Körper auch als Proteswerkzeug herhalten. Die Löcher für Ohr- und Nasenrringe werden kurzerhand selbst gestochen. Später bewundern die Punks aus der Provinz während ihres ersten Besuchs in Berlin die eitrigen Wunden der dortigen Punks mit Neid und Ehrfurcht. Das sind die wahren Male der Rebellion.

Schließlich der Entschluss: Kurz vor der Konfirmation wird der Erzähler ein Punk. Mit der Nagelschere schneidet er sich die Haare stoppelig kurz ("ein abgewetzter, räudiger Fellball"). Zwei Artikel in der "Bravo" haben ihn darauf gebracht (!). Der Mutter laufen Tränen über die Wange, als sie seine Frisur erblickt. Die Zentren des Teenie-Punk-Universums sind der Marktplatz in Schmalenstedt, auf dem sich trefflich herumlungern lässt, und Meiers Disco, in der sich Bundeswehrsoldaten, Hamburger Rocker, einheimische Opelfahrer und SH-Punks (SH steht für Schleswig-Holstein) leidenschaftliche Schlachten liefern.

Im elterlichen Bauernhaus richtet er sich mit seinen Kumpels einen Proberaum ein. Sie unternehmen erste musikalische Gehversuche, derer sich der Erzähler heute noch schämt. Der Grundstein für die musikalische Karriere des Erzählers wird im Jugendaufbauwerk der Heilsarmee in Saale gelegt. Dorthin muss Roddy Dangerblood alias Rocko Schamoni, weil er die Realschule nicht schafft. Angeregt durch seinen Kumpel "Schwaster Rühmann" komponiert der Erzähler seinen ersten schlagerartigen Song "Chico war geritten". Schlager ist eigentlich Punk, nur auf einer höheren Ebene. So muss man die ironische Begeisterung des Teenies verstehen. Die Musik wird immer mehr zum Lebensinhalt. Kontakte zu anderen Punks und anderen Bands wie den Goldenen Zitronen oder den Toten Hosen ebnen später den musikalischen Weg.

Außenseitertum als Pose

Schamonis Roman ist ein gutlesbarer und unterhaltsamer Episoden-Roman. Der Erzähler unterbricht seine Erinnerungen immer wieder mit eingeschobenen Reflexionen. Mittlerweile Ende 30, hat er eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Der eigenen Asozialität damals kann der Erzähler nur noch wenig Verständnis entgegen bringen. Aber er versucht es. Langeweile, aufkeimende Sexualität und der Ausgang aus der kindlichen Geborgenheit erzeugen eine Identitätskrise, die jeder junge Mensch durchmacht. Nur in diesem Fall ist sie radikaler. Das Außenseitertum wird erst gefühlt und später zur Pose in Form von Punk stilisiert.

Dorfpunks ist ein künstlerischer Entwicklungsroman nach dem Motto "Wie ich wurde, was ich bin". Aber er ist eindimensional. Nach der Lektüre fragt man sich, welche Rolle die Eltern und der Bruder wohl gespielt haben? Was war es, dass den Erzähler in eine derartige Leere und Entfremdung stürzte? Darauf gibt es keine Antwort, nicht einmal andeutungsweise. In der Welt des jungen Tobias Albrecht, wie Schamoni bürgerlich heißt, existiert nicht viel mehr als Tobias Albrecht und wie er die Welt sieht. Schamoni beschreibt die klassischen Muster der Künstlerwerdung: die Abkehr von der prosaischen (Spießer-) Welt, die Entdeckung der Kunst als Medium, um der Welt begegnen zu können. Das ist amüsant, aber unbefriedigend.

Tim Schulze