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"Am Tag als Bobby Ewing starb": Verrückte Hühner

Pünktlich zum Ende der rot-grünen Regierung befasst sich ein Film mit der Anti-AKW-Bewegung der 80er Jahre. Über die Milieuschilderung vergisst Regisseur Lars Jessen aber, dass er eigentlich eine Geschichte erzählen sollte.

Von Carsten Heidböhmer

Gleich bei ihrer Ankunft auf dem Lande erfahren die beiden Neuankömmlinge, wie es um ihr neues Zuhause bestellt ist: Beim Verlassen des Autos werden sie von herumlaufendem Geflügel angegriffen, während die Besatzung des "Alternativen Wohnkollektivs Regenbogen" gerade zum Nacktbaden im Trog aus dem Haus läuft. Verrückte Hühner, überall. Keine schöne Zukunft für Niels (Franz Dinda), der seiner Mutter Hanne (Gabriela Maria Schmeide) nach ihrer gescheiterten Ehe aufs Land folgt. Mit dem betont unkonventionellen Leben in der Landkommune will sich die 17-Jährige partout nicht anfreunden. Denn die Bewohner sehen nicht nur komisch aus, sie benehmen sich auch so: Tagsüber veranstalten sie Sitzblockaden vor dem AKW Brokdorf, abends praktizieren die Urschreitherapie. Und ständig diskutieren sie über Gott und die Welt, angefangen vom "imperialistischen Bohnenkaffee" bis hin zum Prinzip des gewaltfreien Widerstandes. Da wird auch gerne mal Gandhi als Kronzeuge herangezogen. All die hehren Worte können Niels nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Leute hier vor allem gegen-, nicht aber miteinander reden. Zu allem Überfluss beginnt der Oberfuzzi Peter (Peter Lohmeyer) auch noch eine Affäre mit seiner Mutter.

So ist es kaum verwunderlich, dass Niels lieber mit den Dorfjugendlichen abhängt, für die er jedoch "der Müsli" bleibt. Gedanklich kreisen die Landeier eh in völlig anderen Welten. Als der Dorfrocker Rakete (Jens Münchow) sieht, wie zwei Aktivisten einen Sprengstoffanschlag auf einen Strommast verüben, ist seine spontane Reaktion: "Seid ihr irre? Es ist Brunftzeit!".

Auf der Suche nach der Hauptperson

So plätschert der Film durchaus amüsant dahin. Leider wird nicht wirklich klar, wer die Hauptfigur des Filmes sein soll: Ist es Niels, der dem alternativen Milieu am Schluss den Rücken zuwendet und als Reaktion zur Bundeswehr geht? Oder seine Mutter Hanne, die nach gescheitertem bürgerlichen Leben in der Landkommune endlich ihre Heimat findet? Oder geht es hier um den WG-Chef Peter, der daran zugrunde geht, dass sein Lebensthema Atomkraft durch die Katastrophe von Tschernobyl in aller Munde ist und der sich seines gesellschaftlichen Alleinstellungsmerkmals beraubt sieht?

Auch wird keine konsequente Geschichte erzählt. Zu viele verschiedene Konflikte werden angerissen: der ewige Streit zwischen der Kommune und den Dorfbewohnern; die Liebesgeschichte zwischen Niels und der Bürgermeister-Tochter Martina (Luise Helm); der WG-interne Streit um gewaltsamen Widerstand; die Reibungspunkte zwischen den alteingesessenen WG-Bewohnern und den bürgerlichen Neuankömmlingen. All das wird angeschnitten, aber nicht sauber zu Ende geführt. So liefert "Am Tag als Bobby Ewing starb" ein unterhaltsames Potpourri aus den 80er Jahren, verpasst aber die Chance, mehr als nur gelungenes Zeitkolorit abzugeben. Dass es für den Stoff 30 Drehbuchentwürfe gegeben hat, merkt man dem Film leider an.

Gelungene Milieuschilderung

Sehenswert ist hingegen die Milieuschilderung. Selten ist in einem deutschen Film die alternative Szene der 80er Jahre derart präzise dargestellt worden - mit Humor, aber ohne den Beteiligten ihre Würde zu rauben. Vieles von dem Gezeigten hat Regisseur Lars Jessen am eigenen Leib erfahren: Er hat selbst ein paar Jahre in einer solchen Kommune in der Nähe von Brokdorf gelebt. Er weiß also, wovon er erzählt. Seine Abrechnung mit dem beschriebenen Milieu erfolgt erfreulicherweise ohne bittere Untertöne. Zwar werden zahlreiche Klischees bedient, und Peter Lohmeyer sieht mit seiner Hippie-Perücke aus, als sei er direkt von einer Karnevals-Party zum Drehort erschienen. Dennoch ist die Atmosphäre der Zeit gelungen eingefangen. Dies gilt insbesondere für die panische Stimmung im Lande nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, als viele Menschen ihre Wohnung nur noch zu Hamsterkäufen im Supermarkt verließen. Wohl auch für solche Szenen wurde Lars Jessens Regiedebüt mit dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet.

So liefert der hervorragend besetzte Film ein gutes Zeugnis bundesrepublikanischen Alltags der frühen Kohl-Jahre. Und dazu gehörte eben auch, dass sich dienstagabends die Nation vor dem Fernseher zu "Dallas" versammelte - selbst in der Alternativ-Kommune ein Pflichttermin. So erklärt sich auch der Titel des Filmes: Just an dem Abend, als in der deutschen Ausstrahlung Bobby Ewing erschossen wurde, gelangten erste Meldungen über den atomaren GAU an die Öffentlichkeit. Ein Ereignis, das das Leben vieler Menschen in Deutschland nachhaltig veränderte. Auch die Kommune zerfiel im Anschluss daran. Nur Bobby Ewing kam ungeschoren davon und tauchte ein paar Folgen später wieder auf: Er war nur im Traum erschossen worden.