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3. September 2008, 12:48 Uhr

"Vernachlässigung ist auch Gewalt"

Jetzt startet wieder die RTL-Beratungs-Doku "Die Super Nanny". Katharina Saalfrank nimmt sich zerrütteter Familien an. stern.de sprach mit der Diplom-Pädagogin über die Vorteile des Mediums Fernsehen für ihre Arbeit, über häusliche Gewalt und das, was hinter der Kamera passiert.

Seit vier Jahren ist Katharina Saalfrank jetzt schon "Die Super Nanny"© RTL

Seit vier Jahren kümmert sich Katharina "Katia" Saalfrank bei RTL um unartige Kinder und zerrüttete Familien. Jetzt kehrt die Diplom-Pädagogin, die für "Die Super Nanny" den Deutschen Fernsehpreis bekam, in neuen Folgen zurück. Im Interview mit stern.de spricht die vierfache Mutter darüber, wie sich die Sendung seit dem Anfang verändert hat und wieso bei ihrer Arbeit die Kamera nie ausgeschaltet wird.

Frau Saalfrank, Sie haben schon so viele zerrüttete Familien gesehen. Kann Sie eigentlich noch irgendein Fall schocken?

Zuerst einmal spreche ich nicht von Fällen, sondern von Familien, Menschen und Beziehungen. Ich bin ja kein Kommissar, der Fälle löst. Und "schocken" ist auch das falsche Wort. Es berührt mich unheimlich, in welch schwierigen Situationen Kinder aufwachsen und wie viele Erwartungen an sie herangetragen werden, die unter den gegebenen Umständen gar nicht zu erfüllen sind.

Was geht Ihnen persönlich besonders nah? Vernachlässigte Kinder, gewalttätige Eltern, verwahrloste Wohnungen?

Ich fühle immer sehr mit den Kindern mit. Vernachlässigung ist ja auch eine Form von Gewalt, wenn auch erstmal nicht so auffällig. Wenn ein Kind einen blauen Fleck hat, dann ist das zu sehen - psychische Gewalt ist erstmal weniger sichtbar. Ich möchte jede Form von Gewalt thematisieren und so unser aller Bewusstsein verändern. Letztlich brauchen vor allem die Eltern Hilfe, die oft selbst traumatisierte Kinder sind. Zu meiner Arbeit gehört auch dazu, ihnen zu sagen: "Ihr seid erwachsen, macht es besser als eure Eltern, lasst euch helfen und versucht den Teufelskreis zu durchbrechen."

Die Eltern sind diejenigen, die sich für "Die Super Nanny" bewerben. Glauben Sie, dass die Familien sich bewusst sind, worauf sie sich einlassen?

Ich glaube schon, dass Eltern eine ziemlich genaue Vorstellung haben, was sie bei mir in der pädagogischen Arbeit erwartet. Die Sendung an sich ist ja was anderes und auch nur ein Ausschnitt aus dem Erlebten. Insgesamt ist die Darstellung aber viel authentischer und wertschätzender allen Personen gegenüber als in der Anfangszeit und auch Tabuthemen wie Gewalt dürfen viel klarer angesprochen werden. Ich habe schon das Gefühl, dass Eltern wissen, wie meine Arbeitsweise ist. Was sie nicht wissen, ist, wie sie aus der schwierigen Situation, in der sie stecken, wieder herauskommen.

Warum begeben sich die Leute zur Lösung dieser Probleme ausgerechnet ins Fernsehen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Dennoch ist es ja nicht so, als würde sich jede zweite Familie ans Fernsehen wenden, das ist ja nur ein Bruchteil. "Die Super Nanny" ist über einen langen Zeitraum gewachsen. Die Eltern, die sich melden, haben verstanden, dass es darum geht, dass sie Beratung brauchen, und weniger, dass sie ins Fernsehen müssen. In meinem pädagogischen Angebot ist es möglich, dass eine Bezugsperson, ins Haus kommt und rund um die Uhr auch in schwierigen Situationen da ist. Das ist häufig ein Argument für die Familien. Hinzu kommt auch manchmal der Faktor Öffentlichkeit: Eine Mutter hat mir mal erzählt, dass in ihrer Kindheit jahrelang niemand hingeguckt hat und dass ganz viel Gewalt im Verborgenen passiert ist. Sie meinte, sie wolle nun der ganzen Welt zeigen, dass sie es dennoch geschafft hat.

In der ersten Folge der neuen Staffel sind sie sogar in einer Familie, wo ein Familienvater keine Scheu davor hat, sein Alkoholproblem vor der Kamera zu thematisieren.

Ja, das ist sehr mutig! Ich habe ihn gefragt, warum er sich in die Öffentlichkeit begibt, und er hat gesagt, dass er zeigen möchte, dass man Alkoholismus überwinden kann. Das finde ich schon ein sehr gutes Motiv. Die Familien werden bei der Ausstrahlung psychologisch begleitet auch, damit sie mit der Öffentlichkeit besser umgehen können. Es ist nur ein Augenblick der Öffentlichkeit und der ist oft schon schwierig. Deshalb möchte ich dann danach auch die Familien schützen: keine Interviews, keine Presse. Die Familien sollen in ihr geschütztes Leben zurück dürfen - dafür stehe ich auch.

Bis es soweit ist, wurden sie bis zu 100 Stunden von Ihnen und Ihrem Team begleitet. Verhalten sich die Menschen denn vor der Kamera überhaupt authentisch?

Es ist ja viel schwieriger, sich zu verstellen, als so zu sein, wie man ist. Die Familien nehmen die Kamera als mein Auge wahr, das stelle ich gar nicht in Frage. Ich fühle auch durchaus, wenn mal etwas nicht authentisch ist und spreche dann darüber. Das hat ja auch wieder eine Ursache und gehört mit zur pädagogischen Arbeit. Vor was und warum kommt Unsicherheit auf, etwas so zu zeigen wie es ist?

Kann es denn noch authentisch sein, wenn Szenen nachgedreht werden müssen?

Bei uns ist nichts gestellt! Höchstens wenn irgendwann mal eine Lampe ausfällt und die Technik versagt muss neu angesetzt werden. Und dann müssen wir alle lachen. Es ist oft schwierig für alle, wenn so etwas passiert. Aber das kommt nicht häufig vor und ist absolute Ausnahme. Ich habe auch hohe Erwartungen an das Team und an die Technik und mache es den Kollegen manchmal nicht leicht. Es gehört zu meiner Arbeit dazu, dass absolut authentisch gedreht ist. Manche Sachen könnte man auch trotz Technikausfall nicht wiederholen. Wir drehen ja keinen Spielfilm.

Was passiert denn in den Familien, nachdem Sie weg sind?

In den zehn Tagen, die ich mit den Familien arbeite, bin ich nicht ganz alleine. Anfangs ist im Hintergrund abwechselnd eine von zwei Psychologinnen dabei, mit der ich mich austauschen und beraten kann. Die Psychologin vor Ort ist dann auch für die Nachsorge der Familie verantwortlich. Das sind ganz neu geschaffene Berufsfelder, die im Fernsehgeschäft in dieser Form eher unüblich sind, die ich aber für grundlegend halte und sie deshalb installieren konnte. Es ist absolut wichtig, dass die Familien einen Ansprechpartner haben, der greifbar ist und langfristige Unterstützungshilfen sucht. Der zweite Teil ist die Ausstrahlungsbegleitung. Wenn "Die Super Nanny" mittwochs läuft, dann sitzt die Familie mit der Psychologin bei sich zu Hause auf dem Sofa und kann noch mal gemeinsam das Erfahrene Revue passieren lassen. Ich finde es wesentlich, dass die Familien unterscheiden zwischen dem, was sie in der kurzen Zeit alles erreicht haben, und dem Ausschnitt, der in der Sendung gezeigt wird. Bei bis zu 100 Stunden in den Familien kann natürlich im Beitrag nicht jeder Aspekt zum Tragen kommen - das heißt aber nicht, dass er nicht auch wichtig wäre.

Zur Person Katharina Saalfrank, genannt "Katia", wurde 1971 als erstes von fünf Kindern eines Pfarrers geboren. Seit 2004 ist die Diplom-Pädagogin und Musiktherapeutin in der RTL-Doku "Die Super Nanny" als Familienberaterin zu sehen. Privat lebt die 36-Jährige mit ihrem Mann und den gemeinsamen vier Kindern in Berlin.

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