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22. Januar 2010, 14:57 Uhr

Jugend ohne Gott

Gewaltvideos, Mobbing, Krieg im Klassenzimmer - der Saarbrücker "Tatort" zeichnet ein fatalistisches Bild von Jugendlichen, das unter die Haut geht. Es ist die intensivste Krimifolge, die das junge Team bisher hatte. Von Kathrin Buchner

Tobias (Sergej Moya) steht unter Verdacht, seinen Freund ermordet zu haben© Manuela Meyer/SR

Familienfehden à la "Dallas", die zwischen Weinfest-Schunkelei und Traubenpressen ausgetragen werden, oder ein Ausflug ins hiesige Bergwerk mit viel Action inszeniert wie ein Event-Movie aus dem Hause Nico Hoffmann - vom Saarbrücker "Tatort" ist man seichte Kost gewohnt. Bieder-betulich kamen die Geschichten um das ungleiche Ermittlerduo bislang daher, bei denen Provinz-Klemmi Stefan Deininger (Gregor Weber) bei der Frauenjagd immer das Nachsehen hatte gegenüber dem vor Selbstbewusstsein strotzenden Sunnyboy Franz Kappl (Maximilian Brückner).

Doch diese Folge ist eine Reifeprüfung für die Kommissare. "Hilflos" entfaltet eine Wucht, die verstört, der man staunend und tatsächlich hilflos gegenüber steht. Die Geschichte eines ermordeten Schülers, der brutal zugerichtet in einem Parkhaus gefunden wird, erzählt von Anführern, Mitläufern, Ausgestoßenen und dem Krieg im Klassenzimmer, wie er sich tagtäglich in Deutschlands Schulen abspielen könnte. Sie erzählt von Lehrern, die resigniert und teilnahmslos agieren, und von Eltern, die keinen Zugang zum Treiben im Jugendzimmer finden.

Sergej Moya brilliert als zombiehafter Teenager

Am Tatort entdecken die Ermittler Schuhabdrucke und DNA-Spuren an Zigaretten von Tobias (Sergej Moya). Der Teenager ist nicht nur der einzige Freund des Toten, sondern auch der einzige Verdächtige, ebenfalls ein Außenseiter mit Ausschlag im Gesicht und Zahnspange, mit fettigen Haaren und Händen, die immer eine selbst gedrehte Zigarette umklammern und an deren Finger Nägel wachsen, lang wie Krallen. Wie ein Zombie wandelt Tobias in seinem schwarzen Mantel durch den Film, er weigert sich zu sprechen, sein Blick ist diabolisch.

In seiner Figur verdichtet sich die gesamte Dramatik der Handlung, die wie ein Kammerspiel aufgezogen ist, so redundant und ohne Nebenstränge, dass sogar eine Befragung der Klassenkameraden ausfällt. Das wirkt unglaubwürdig, ist aber auch das einzige Manko dieses herausragenden Krimis. Regisseur Hannu Salonen konzentriert sich fast ausschließlich auf die Verhöre von Tobias, den der gerade mal 21-jährige Jungschauspieler Sergej Moya mit dringlicher Intensität verkörpert. Moya selbst hat die Schule für die Schauspielerkarriere in der 10. Klasse an den Nagel gehängt, wurde im vergangenen Jahr mit dem Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet und führt selbst Regie.

Die Kamera hält dicht auf sein Gesicht, leuchtet seine Mimik aus, die meist undurchdringlich ist, die Mundwinkel hängen nach unten, irgendwann flackern die Augenlider, die Maske fällt, wenige Tränen rollen. Kappl und Deininger spielen das alte Polizeispiel "bad cop, good cop". Der forsche Bayernbulle misstraut und baut Druck auf, der immer wie ein geprügelter Hund dreinschauende Deininger sympathisiert mit dem Halbwüchsigen, erinnert er sich doch an die Hänseleien seiner eigenen Jugend. Bevor sie kapitulieren, tauschen sie die Rollen.

In der Ambivalenz des vermeintlichen Täters liegt die Irritation, die psychologische Feinheit des Films. Denn der Verdächtige mit der kalten Aura wurde jahrelang von seinen Mitschülern gemobbt und misshandelt, er gibt sich als böser Wolf, entpuppt sich als Opferlamm um dann zum Rächer zu werden, besessen vom Gefühl der Macht. Dieser "Tatort" wirft Fragen auf, die nicht beantwortet werden können, die noch niemand beantwortet hat. Er zeigt die verwirrte Seele einiger Teenies unterm Brennglas, die aussehen wie Vampire in den derzeit so angesagten Hollywoodfilmen, und die eine beängstigende Gewaltbereitschaft an den Tag legen. Am Ende gibt es noch einen Toten, Deininger hatte den besseren Riecher, man sieht einen ziemlich verstörten Kommissar Kappl, die Weinfest-Beschaulichkeit ist ausgelöscht.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
dreicon (25.01.2010, 14:04 Uhr)
@Wienzeile (25.01.2010, 11:29 Uhr) Vielleicht
würde es ausreichen, wenn unsere Gesellschaft mehr für die Menschen an sich täte?
rennschnecke (25.01.2010, 13:37 Uhr)
sehr sehr sehr guter tatort .
SirExekutive (25.01.2010, 13:34 Uhr)
hmm
an sich wie fast imemr ein interessanter tatort... nur eine sache will mir nicht in den kopf gehen..

warum wurde jonatha erst gegen ende der folge verhört? laut dem was die kommissare während der aufklärung bereits zu anfang rausbekommen haben, hätte das doch eine der ersten aktionen gewesen sein müssen.

aber nein, statt dessen haben sich die beiden gestritten und ständig rumspekuliert -warum, wieso, weshalb.. hätten sie ihren job richtig gemacht, wäre der fall bereits nach einer halben stunde (sendezeit) geklärt gewesen..

aber sonst unabhängig vom rein logischen her finde ich die story verstrickungen mit realgesellschaftlichen problemen sehr toll... das hebt tatort von vielen anderen krimisendungen ab
rubymuc (25.01.2010, 13:16 Uhr)
tatort
ist nicht nur unter jugendlichen so. besteht durchaus auch bei erwachsenen
qoudlibet (25.01.2010, 12:49 Uhr)
Eigene Möglichkeiten überschätzt
Schade, das die Kommissare nicht die Möglichkeit einen Psychlogen bei diesem Fall hinzuzuziehen gesehen und genutzt haben .So hätte der Suizid eventuell verhindert werden können.
Huxley_82 (25.01.2010, 12:18 Uhr)
Krass
Das war echt ein krasser Tatort!
Die Leistung von Sergej Moya war natürlich der Hammer.
Mir persönlich war das aber alles eine Ecke ZU krass. Klar war es einer der sehr guten Tatorte, aber ich selber mag am Sonntag abend keine so verstörenden Bilder und Handlungen...
ritchie (25.01.2010, 12:05 Uhr)
Nix, aber auch gar nix Positives
gab es in diesem Tatort.

Unglaublich ekelerregend die Handlung, die Art, wie es abgefilmt wurde. Grauenhaft.

Vielleicht ein guter Tator - für mich so wahnwitzig, daß ich es nicht zu beurteilen vermag.
freigeist81 (25.01.2010, 11:35 Uhr)
Verstört
lässt einen dieser Film zurück. Selten gelingt es einem Tatort, eine derartige Nachwirkung zu entfalten. Bravo! Auch für die Kritik übrigens, die m.E. ins Schwarze trifft (inklusive des Titels!).
Wienzeile (25.01.2010, 11:29 Uhr)
Beeindruckend
waren die Protagonisten - tolle Schauspielleistungen - fühlte mich zwischenzeitlich wie im Theater. Die Geschichte ist leider realitätsnah - keine Kommunikation im Elternhaus, egal ob arm oder reich. Lehrer überfordert. Unsere Gesellschaft muss endlich mehr für die Kinder tun: Zuwendung, Interesse, Förderung des Einzelnen sind gefragt. Geld in die Hand drücken, damit Ruhe ist, reicht nicht. In jedem Kind/Jugendlichen steckt ein ungeheures Potential, das geweckt und gefördert werden muss. Ganztagsschulen wären ein Weg. Dazu brauchen wir aber mehr und gut ausgebildete Lehrer - und auch die Eltern müssen mitziehen. Aber stattdessen pumpt unsere Regierung Milliarden in marode Banken sowie unfähige Politiker und ihren Klüngel (Hotels, Pharmaindustrie usw.) Noch Fragen??
missimpossible (25.01.2010, 11:28 Uhr)
starkes
Schauspiel - heftige Story, toll und eindringlich erzählt. Hätte ich von Saarbrücken nie erwartet! RESPEKT
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