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12. Dezember 2010, 21:46 Uhr

Tödlicher Ost-West-Konflikt

Mit seiner Wessi-Arroganz hat sich der neue Chef der Leipziger Verkehrsbetriebe kaum Freunde gemacht. Nach einer Betriebsfeier wird er tot im Kofferraum eines Wagens gefunden. Für die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler ein vertrackter Fall, der deutsch-deutsche Befindlichkeiten offenbart. Von Dieter Hoß

Tatort, Leipzig, Simone Thomalla, Saalfeld, Martin Wuttke, Keppler, Corinna Harfouch, Schön ist anders

Eine Leiche im Kofferraum: Die Kommissare Andreas Keppler (l.) und Eva Saalfeld (2.v.r.) nehmen mit ihren Kollegen die Ermittlungen auf© Junghans/MDR

Was macht einen guten "Tatort" aus? Antworten auf diese Frage sind in diesen Tagen, in denen der Dauerbrenner unter den TV-Krimis 40 Jahre alt geworden ist, viele gegeben worden. Natürlich gehört ein spannender und überzeugender Plot dazu, ebenso glaubwürdige Kommissar-Figuren und das übliche Lokalkolorit. Letzteres hat zu einer Besonderheit geführt, die der Reihe - obwohl ursprünglich sicher nicht beabsichtigt - hoch angerechnet wird: Der "Tatort" hat sich ganz nebenbei zu einer Art Dauerdokumentation über die deutsche Gesellschaft seit den 70er Jahren entwickelt.

So gesehen war der jüngste Leipziger "Tatort" zumindest ein typischer "Tatort". Denn eigentlich ging es in dem Fall, den die Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) zu lösen hatten, nur vordergründig um Existenzkrise, Ehebruch, Eifersucht und natürlich Mord. Vielmehr offenbarte die Tragödie aber deutsch-deutsche Ressentiments, die auch mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall lebendig sind. So war in der Geschichte von Katrin Bühlig nicht der Mörder, sondern das Mordopfer der eigentliche Bösewicht.

Zusammenhalt führt in die Katastrophe

Jener Besserwessi Jörg Korsack (Christian Maria Göbel) also, der erst vor einem halben Jahr die Personalleitung der Leipziger Verkehrsbetriebe übernommen und langsam, aber spürbar alles verändert hatte. Unpersönlicher, kälter hatte er die Belegschaft geführt. Dazu hatte er sich die junge, forsche Straßenbahnfahrerin Mandy (Susanne Bormann) als Geliebte genommen. Und damit hatte er nicht nur seine, von den vielen Seitensprüngen ihres Mannes längst gebrochene Ehefrau Sabine (eine Routinerolle für die große Corinna Harfouch) vor den Kopf gestoßen, sondern auch den labilen, alkoholkranken Tobias Fischer (Philipp Gerstner), der in Mandy verliebt war und auf eine Lehrstelle im Betrieb hoffte. Doch auch da spielte Korsack nicht mit, zumal er Tobias' Mutter Julia wegen ihrer Alkoholsucht ebenfalls auf dem Kieker hatte und sie nach der dritten Abmahnung entlassen wollte. Kurzum: Hatte Korsack mit seiner überheblichen West-Lebensart nicht die Welt aus den Angeln gehoben? Ist es da verwunderlich, dass er erschlagen im Kofferraum eines Wagens landet?

"Ich sage nicht, dass früher alles besser war", sagt während eines Verhörs Korsacks Stellvertreter Siggi Mertens (Peter Orth) - ein Ossi, der sich schließlich als Täter entpuppt. "Aber der Zusammenhalt, der war früher besser." Es ist eine Stärke dieses "Tatorts", dass er die deutsch-deutsche Wirklichkeit nicht schwarz-weiß malt. Ja, der Wessi war alles andere als einfühlsam, brachte alles durcheinander, aber welch schreckliche Folgen hatte der unter Ost-Nostalgikern immer gerne gefeierte Zusammenhalt um jeden Preis? Verdrängte Probleme, Existenzangst, Alkoholismus, Verzweiflung, schließlich Mord - auch wenn es wohl eine Affekt-Tat war. Hier gibt es nur Verlierer: Der Wessi ist tot, die Ossis landen im Gefängnis - neben Mertens auch der am Leben verzweifelnde Uwe Fischer (Martin Brambach), der half, die Leiche wegzuschaffen. Fischers Familie - die trinkende Frau, der alkoholkranke Sohn und die kleine Tochter - bleibt im Ungewissen zurück. Eine vollkommene Tristesse, die umso alltäglicher und unausweichlicher wirkt, weil sie im sonnigen Leipziger Sommer spielt und nicht - klischeehaft - in einem frostigen Winterszenario.

Mehrere falsche Fährten

Natürlich funktioniert die Geschichte auch, wenn man die Ost-West-Kulisse ausblendet. Konflikte auf der Arbeit, Konflikte in der Familie, Konflikte zwischen der Ehefrau und der Geliebten, die Aufarbeitung früherer Konflikte zwischen den Kommissaren, die auch privat einmal ein Paar waren - all das bietet reichlich Stoff für einen ordentlichen "Whodunit?"-Krimi. Dass dabei der ein oder andere Handlungsstrang auf die falsche Fährte führt, spricht nur für die Komplexität der Story, die insgesamt allerdings mit etwas mehr Dramatik und Spannung hätte erzählt werden können.

Interessanter und überzeugender wird der jüngste Fall von Saalfeld und Keppler aber, wenn man ihn durch die deutsch-deutsche Brille betrachtet. Dass dieser Leipziger Fall zeigt, wie tief die Gräben auch gut zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch sind, macht nachdenklich. So hat der Titel dieses "Tatorts" auch in dieser Hinsicht seinen Sinn: "Schön ist anders."

Von Dieter Hoß
 
 
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