Christian und Bettina, das Trümmerpaar

7. Januar 2013, 13:40 Uhr

Aus. Vorbei. Binnen eines Jahres hat Christian Wulff alles verloren - nun auch seine Frau Bettina. Es ist das inszenierte Ende einer inszenierten Ehe - und ein Drama mit Chancen auf Fortsetzung. Von Florian Güßgen

Aus, vorbei, beendet, am Montag, per "Trennungsvereinbarung" und mit allem Pipapo. Christian und Bettina Wulff haben sich getrennt. "Einvernehmlich." Er soll laut "Bild"-Zeitung schon in einer Mietwohnung in Hannover wohnen, sie bleibt vorerst in dem Haus in Großburgwedel. Was für ein Paukenschlag am ersten Tag, an dem die Nation nach dem Jahreswechsel wieder halbswegs arbeits- und aufnahmefähig ist! Es sind große persönliche Dramen, die hinter dieser Nachricht stecken, vor allem aber ist es das offenbar medial wohl vorbereitete Ende einer von Anfang an medial inszenierten Beziehung. Das Großburgwedeler Idyll, das Biedermeier-Ideal aus der Provinz, das zeitweise Deutschland repräsentierte, ist endgültig zusammengebrochen. Zwei spontane Reaktionen drängen sich auf. Erstens: der arme Mann. Und zweitens: die fiese Frau. Es sind Narrative, die ebenso bestechend wie in ihrer Pauschalität vermutlich irreführend sind.

Da wäre zunächst die vermeintliche arme Sau der Geschichte, Christian Wulff. Binnen eines Jahres hat der Mann alles, wirklich alles verloren, was sein Leben zuvor ausmachte: Job, Ansehen, Frau. In atemberaubenden Tempo ist jenes Gebäude, an dem er jahrzehntelang gezimmert hatte, sind alle Sicherheiten zusammengebrochen. Am 17. Februar 2012, vor weniger als einem Jahr also, musste er vom höchsten Staatsamt zurücktreten, weil er den Ballast der Hannoveraner Tage, den Ballast des Provinzfürstendaseins nicht mehr tragen konnte. Er scheiterte im Kern an den kleinen Gefälligkeiten, der Vorstellung, dass man mit einem guten Netzwerk von Männerfreunden schon alles irgendwie drehen kann. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat bis heute nicht verkündet, wohin ihre Ermittlungen im Fall Wulff denn nun führen, ob sie Anklage erheben will, er einen Prozess fürchten muss. Er ist zum Warten verdammt. Aber das war bei Weitem nicht alles. Als Wulff zurückgetreten war, magerte er nicht nur ab, zog sich zurück, verschwand aus der Öffentlichkeit. Nein, als es ruhig geworden war um ihn, trat Bettina, seine Frau, noch einmal richtig zu. Mit Wumms. Dahin, wo es weh tut. Im September veröffentlichte sie ihre Version der Wulffschen Beziehungsgeschichte: das Buch "Jenseits des Protokolls".

Ihr Buch war eine einmalige Abrechnung

Und hier kommt der zweite Teil dieser jüngeren Wulffschen Geschichtsschreibung ins Spiel. Denn Bettina Wulffs Buch war eine einmalige Abrechnung einer Politiker-Ehefrau mit ihrem Mann. Sie rechnete ab mit den ewigen Gerüchten, dass Sie vor ihrer Beziehung als Escort-Girl gearbeitet habe. Dieser Teil galt den Medien. Sie rechnete aber auch ab damit, dass Christian Wulff sich angeblich nie schützend vor sie gestellt hatte, mehr noch, sie mit all ihren großen und kleinen Ansprüchen und Problemen zwischen Großburgwedel und Schloss Bellevue angeblich allein gelassen hatte. Das Buch, in weiten Passagen in Kleinmädchenprosa geschrieben, war ein Schlüssellochroman. Es offenbarte tiefe Einblicke in das Privatleben des vormaligen First Couple des Landes, von ihrer Liebhaber-Vita bis hin zu seinem Unvermögen, sich nach einem anstrengenden Tag als Präsident noch angemessen den Bedürfnissen seiner Gattin zu widmen.

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Bettina und Christian Wulff an einem Tag, an dem sie immerhin noch als Paar auftraten: Anfang Januar 2012 beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten in Schloss Bellevue. Sein Verbleib im Amt war schon damals bedroht.©

Was zum Teil als nachvollziehbarer Schritt einer selbstbewussten Frau verstanden werden konnte, sich von dem übermächtigen Mann zu emanzipieren, konnte in weiten Passagen aber auch schon damals als Versuch gewertet werden, sich endgültig von Christian Wulff und der Ehe mit ihm loszusagen. Manche Passagen des Buches durchzieht eine Eiseskälte, wie etwa die Beschreibung des Rücktritts von Christian Wulff. "Mich nervte der Gedanke, dass ich mich wenige Minuten später vor die Masse an Journalisten stellen musste, die zu wenig unterschied zwischen mir und meinem Mann", schreibt sie. "Natürlich waren Christian und ich in Berlin ein Team. Aber deswegen wollte ich mich nicht selbstverständlich als untrennbares Doppelpack über einen Kamm scheren lassen." Was das Buch aber politisch leistete, war ein mitunter frappierender Einblick in die bundespolitische Einfältigkeit Christian Wulffs. Die ließ sich vor allem am naiven Umgang mit der "Bild"-Zeitung ablesen, mit der sich Wulff ernsthaft, in guten wie in schlechten Zeiten, im Bunde wähnte.

Wieder Kai Diekmann. Wer sonst?

Und so markiert die Nachricht von der Trennung der Wulffs in erster Linie einen Vollzug: Nachdem das Image des kreuzbiederen, aber braven Provinzpolitikers zerbrochen war, hatte Bettina Wulff das Bild der funktionierenden Ehe, der uneinnehmbaren bürgerlichen Großburgwedeler Trutzburg, bereits zerstört. Schwer vorstellbar schien es schon nach Erscheinen des Titels, wie eine Beziehung das würde aushalten können. Es war die öffentliche Demütigung eines Mannes durch seine Ehefrau. Wie sollte das gutgehen?

Ob Christian Wulff ein Opfer ist? Wie sehr er in dieser Beziehung auch Täter ist? Wie kühl, wie kalkuliert diese Ehe und ihre Inszenierung waren? Was man Bettina Wulff unterstellen kann oder auch nicht. Wer sollte das - jenseits der Betroffenen - ermessen? Sicher ist nur, dass es eine keineswegs feine Ironie der Geschichte der Wulffs ist, dass sie das Ende ihrer Beziehung nun wieder offenbar über die "Bild"-Zeitung inszenierten oder von der "Bild"-Zeitung inszeniert wurden, genauso wie es am unschuldigen Anfang dieser Liaison war. Und das jetzt, obwohl es auch die "Bild"-Zeitung war, von der sich beide in der schwersten Krise des Präsidenten Wulff verraten fühlten. Wie schrieb Bettina Wulff noch über "Bild"-Chef Kai Diekmann, der die Nachricht der Trennung nun exklusiv verbreitete? "Man sieht sich im Leben mindestens zweimal. Auch mit einem Kai Diekmann wird es für mich ein Wiedersehen geben, da bin ich mir fast sicher."

Inmitten der politischen und persönlichen Trümmer des inszenierten Paares Wulff ist es ein Zynismus der allerfeinsten Sorte, dass es jetzt ausgerechnet der Autor Diekmann war, der das Exklusivstück zum Ende der Ehe verfasste. Politiker kommen und gehen, Diekmann dirigiert, das ist die Botschaft. Ob das mit oder ohne Zutun der beiden geschah, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Was die Wullfs jedoch auch im Moment der Trennung geschaffen haben, ist die Möglichkeit, sich per "Bild" wieder neu zu erfinden. Genug Geschichten können beide ja auch noch getrennt produzieren. Er ist 53, sie gerade mal 39. Sie können noch viel erleben. Symbolisch triefend-wertvoll ist zudem die Information, dass Bettina Wulff mit den Kindern zwar vorerst in dem Einfamilienhaus in Großburgwedel wohnen bleiben will, aber dass laut "Bild" darüber spekuliert wird, ob das Anwesen nicht doch möglicherweise bald verkauft werden könnte. Vielleicht kann das Haus dann, mag man mutmaßen, ein Filmproduzent kaufen, um dort eine TV-Seifenoper zu inszenieren. Christian Wulff soll ja mit Filmschaffenden befreundet sein. Aber, wie auch immer. Beruhigend ist bei alldem vor allem eines: dass dieses Paar, ob vereint oder getrennt, nicht mehr an der Spitze des Staates steht.

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