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22. Mai 2009, 08:14 Uhr

Trash und Tränen

Das große Finale ist gelaufen: Sara, die Sympathieträgerin von "Germany's next Topmodel", holte sich die Krone. Die Entscheidung änderte jedoch nichts an einer quälenden Show, die Glamour und Eleganz durch Lärm und Spektakel ersetzte. Von Mark Stöhr

Germany's next Topmodel, Sara, Heidi Klum

Ein Finale wie eine Butterfahrt: Die 19-jährige Sara Nuru (re.) siegte im Live-Finale von "Germany's next Topmodel". An ihrer Seite Heidi Klum© Felix Heyder/DPA

So viel Vakuum war selten. Eine aufblasbare Showpuppe, die sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sie musste ständig reanimiert werden. Mit Schreien und Superlativen. Wahnsinn! Hammer! Sensationell! Die Reanimateure auf der Bühne peitschten drei Stunden lang ihre Leerformeln in die riesige Halle. Dort saßen 15.000 Zuschauer. Fünfzehntausend! Die Zahl konnte gar nicht oft genug wiederholt werden. Sie waren gekommen, um drei jungen Frauen beim Laufen zuzusehen. Vielleicht waren sie auch gekommen, um Heidi Klum beim Scheitern zuzusehen.

Dafür hätte sich der Weg allerdings gelohnt. Denn "Germany´s Greatest Topmodel" (Peyman Amin) mag eine clevere Geschäftsfrau sein, eines ist sie sicher nicht: eine Live-Moderatorin. Nervös klammerte sie sich an ihre Notizzettel, verhaspelte sich oft und ließ jedes Gefühl für Timing vermissen. Ihre piepsige Stimme und ihr überschaubarer Wortschatz mögen für zusammengestückelte Aufzeichnungen gerade so reichen. Bei einem Event dieser Größe wie gestern in der Kölner Lanxess-Arena ist die 35-Jährige jedoch gnadenlos überfordert. Sie konnte einem fast leid tun.

Werbeunterbrechungen dominierten den Abend

Es war ein Finale wie eine Butterfahrt. Zahllose Werbeunterbrechungen dominierten den Abend, dazu gab es ein paar Einspielfilmchen und jede Menge Eigenlob. "Superstolz" war die Jury auf ihre drei Finalistinnen und "superzufrieden" mit ihrer Auswahl. Peyman wünschte sich gar, dass die ganze Welt sehe, "wie schön Deutschlands Frauen sind". Backstage machte Charlotte Engelhardt die bedauernswerten Nachwuchsschönheiten kirre ("Hallööchen Ihr Lieben! Eure Schweißdrüsen liegen blank, was?"), die zu Beginn von oben in die Halle geschwebt kamen und zur neuen Single der "Popstars"-Gewinnerband Queensberry ihren ersten Live-Walk absolvierten. ProSieben hatte schon immer ein feines Gespür für Cross-Marketing.

Das lärmige Spektakel war der folgerichtige Schlussakkord einer Staffel, die noch mehr als die drei Topmodels-Folgen davor auf Trash und Tränen setzte. Der Aufgabenparcours, den die Kandidatinnen bewältigen mussten, glich zeitweise mehr dem Ausbildungscamp einer Eliteeinheit als der Vorbereitung auf eine Mannequin-Karriere. Shootings in Tiefkühlkammern und Regenduschen wechselten sich ab mit gezielten Mobbingattacken, die die psychische Stabilität der teils blutjungen Mädchen auf die Probe stellen sollten.

Zur Entschädigung bekamen sie ein Märchenleben in Saus und Braus geboten, das ihnen so in den meisten Fällen nie mehr begegnen wird: Luxushotels, Stretchlimousinen, mit der Businessclass nach Singapur und Schmuck im Wert eines ganzen Dorfes in Mecklenburg-Vorpommern. Alles für die Show, wer nicht mitkam, blieb liegen.

Schamlose Selbstvermarktung der Heidi Klum

Auch die Jury hatten ihre festgeschriebenen Rollenmuster in der mäßigen Inszenierung und entfernten sich noch weiter als in den vorherigen Staffeln von einem auch nur annähernd seriösen Casting-Prozess. Heidi Klum spielte die mal strenge, mal verständnisvolle Ziehmutter und nutzte die TV-Präsenz ansonsten für ihre noch schamlosere Selbstvermarktung. Rolf Scheider war der trottelige Onkel, zumeist unter ferner liefen. Und Peyman Amin gefiel sich zunehmend in der Rolle des Model-Bohlen, der sich ganz aufs Sprücheklopfen verlegte ("Auch ein Wolkenkratzer hat mal als Keller angefangen").

Nach einer quälenden Ewigkeit und noch quälenderen Kandidaten-Tests - Dessous-Walk und Bull-Riding - schlossen Klum und Co. ihre letzte gefakte Beratungsrunde ab. Klum zu Scheider: "Ist das dein Herz, das so laut klopft?" - Scheider: "Das ist die Musik." Sara setzte sich im Stechen gegen Mandy durch. Die Schlagzeile: die erste dunkelhäutige Topmodels-Gewinnerin. Ob ihre Hautfarbe den Ausschlag gab, ist fraglich, ob ihre tatsächliche Model-Qualität, ebenso. Doch darum geht es auch nicht. Sie war die Sympathieträgerin der Show, die ganze Halle johlte auf, sobald sie den Laufsteg betrat. Jede andere Entscheidung hätte zu Buhrufen und Tumulten geführt.

Schmerzhafter Sturz ins Vakuum

Beim großen Finale im Finale ging Sara noch einmal den Catwalk entlang. Sie wurde flankiert von ihren beiden Mitfinalistinnen und den Top 17-Kandidatinnen der Staffel. Es war der einzige Moment, der die Versprechen einer Modenschau von Rang hielt: elegant und glamourös. Die Models hatten surreale Blumen- und Früchte-Kreationen auf dem Kopf und sahen aus wie seltene exotische Vögel. Der Sturz ins Vakuum kurz danach war umso schmerzhafter. Als die ersten Putzkommandos anfingen, diesen missglückten Abend zusammenzukehren, trat Heidi Klum vor das Mikrofon von Annemarie Warnkross. "Heidi", wollte sie wissen, "ist morgen nach dem Aufwachen etwas Leeres in deinem Bauch?" Interessante Frage. Die Frau ist schwanger.

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Von Mark Stöhr
 
 
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