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Schuldig! Anwalt hält das Urteil für einen "Skandal"

Ein Urteil unter Buhrufen: Gina-Lisa Lohfink ist schuldig gesprochen worden, zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt zu haben. Sie stürmte weinend aus dem Saal.

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink stürmt aus dem Gerichtssaal. Ihr Freund Florian Wess (3. v. r. ) folgt ihr.

"Mein größter Wunsch wäre ein Freispruch", hatte Gina-Lisa Lohfink zu Beginn am Eingang des Berliner Amtsgerichts Tiergarten gesagt. Voller Zuversicht war sie in diesen letzten Prozesstag gestartet. Dann der Schock: schuldig!

Im Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink ist das Urteil gefallen. Die 29-Jährige ist schuldig, zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt zu haben. Sie wird zu 80 Tagessätzen mit je 250 Euro verurteilt. Damit bleibt Richterin Antje Ebner nur 4000 Euro unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Lohfink muss zudem die Prozesskosten tragen.


Gina-Lisa Lohfink stürmt aus dem Gerichtssaal

Bei der Urteilsverkündung kommt es zu Buhrufen aus dem Zuschauerraum. Noch vor der Verlesung der Begründung stürmt Lohfink tränenüberströmt aus dem Gerichtssaal. "Das muss ich mir nicht antun", ruft sie. Sie gibt keine Interviews, fährt mit einem Taxi und ihrem Begleiter Florian Wess an einen unbekannten Ort davon.

"Das Urteil ist ein Skandal", sagt Lohfinks Anwalt Burkhard Benecken dem stern. "Frau Lohfink hat zu keiner Zeit gelogen", ist er sich sicher. Der Strafverteidiger kündigt an, in Berufung zu gehen. Vor dem Landgericht müsste der Fall dann erneut aufgerollt werden. "Wir müssen schauen, ob meine Mandantin die Kraft dazu hat," sagt Benecken.  

Lohfink zeigt der Staatsanwältin den Vogel

In ihrem Urteil folgte Richterin Ebner der Linie der Staatsanwaltschaft. "Die Männer haben sich schäbig verhalten, haben Aufnahmen gemacht. Aber es gab keine Vergewaltigung", hatte Corinna Gögge in ihrem Schlussplädoyer gefordert. Sie ließ kein gutes Haar an Lohfink. Zwei Mal habe sie einvernehmlich Sex mit einem der beiden Männer gehabt. Dann eine Woche später mit dem Vorwurf der Vergewaltigung zu kommen, sei nicht zu verstehen. 

Gögge fasste zusammen: "Ja, das war kein Blümchensex, die Szenerie war vom Sexualtrieb der beiden Männer bestimmt." Aber es sei eben keine Vergewaltigung gewesen. "Wer meint, dass der Sex gegen den Willen passiert sei, belügt sich selbst", sagte die Staatsanwältin. "Es kommt mir vor, als würden sie an manchen Stellen des Videos posen", warf Gögge der Angeklagten sogar vor, worauf Lohfink ihr einen Vogel zeigte.

"Dann gute Nacht für alle Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind"

Die Verteidigung hob darauf ab, dass der Fall zu einem Präzedenzfall geworden sei und eine Änderung des Sexualstrafrechts herbeigeführt habe. "Das ist ein riesengroßer Erfolg für Frau Lohfink", sagte Verteidiger Burkhard Benecken. Der Strafrechtler greift ins seinem Plädoyer die Staatsanwältin hart an. "Wenn das, was Sie Frau Lohfink angetan haben, Schule macht, dann gute Nacht für alle Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind."

Zuvor waren an diesem letzten Prozesstag weitere Zeugen aufgerufen worden. Auch Sebastian Castillo Pinto, einer der beiden Männer aus dem Sexvideo, war anwesend. Dieses Mal aber nur als Zuschauer. Eine seiner Ex-Freundinnen war an diesem letzten Prozesstag in den Zeugenstand gerufen worden.

Zeugin sagte gegen Pinto aus

Er sei ein "Tier", sagte die 23-Jährige, die ein Jahr mit Pinto zusammen war. Am Anfang sei alles wunderschön gewesen. Doch Pinto habe zwei Gesichter. Seine dunkle Seite käme beim Sex zum Vorschein. Sie sei sehr wütend, sagte die blonde Stylistin, die ein bisschen Ähnlichkeit mit Lohfink hatte, im Zeugenstand - und stellte damit die Glaubwürdigkeit des Mannes aus dem Sexvideo infrage.

"Ich habe 14 Anzeigen gegen Pinto gestellt", sagte die Zeugin. Darunter wegen Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung und Vergewaltigung. Doch es sei nichts passiert. "Darum sitze ich heute hier", sagte sie, während Pinto im Publikum immer wieder mit Zwischenrufen auffiel. 


Keine Anhaltspunkte für K.o.-Tropfen

Doch wurden Gina-Lisa Lohfink auch K.o.-Tropfen verabreicht? Zu dieser Frage wurde ein Sachverständiger gehört. Er führte aus, dass Lohfink aus "gutachterlicher Sicht" nicht unter Einfluss von K.o.-Tropfen gestanden habe und auch nicht volltrunken gewesen sei. Zu seiner Einschätzung kam er aufgrund verschiedener Faktoren, unter anderem durch Sichtung des Sexvideos. Auch der Umstand, dass Lohfink noch in der Lage gewesen sei, telefonisch Pizza zu bestellen, spräche gegen K.o.-Tropfen.

"Wie eine Gummipuppe", so beschreibt der Toxikologe den Zustand nach der Einnahme von K.o.-Tropfen. Dies treffe auf Lohfink nicht zu. Hundertprozentig auszuschließen wäre eine Verabreichung aber nur durch eine Haaranalyse gewesen, die seinerzeit nicht durchgeführt wurde. Der Sachverständige äußerte außerdem Unverständnis darüber, dass Lohfink sich nicht sofort nach der angeblichen Vergewaltigung in ein Krankenhaus begeben habe.

Keine Zweifel bei Richterin

Die Taktik der Verteidigung, die beiden Zeugen als möglichst unglaubwürdig darzustellen, ging am Ende nicht auf. In ihrer Abwägung kam Richterin Ebner zum Schluss, dass die Aussagen des Sachverständigen und die Begutachtung des Sexvideos stärker wiegen. Sie glaubte Lohfink nicht. Zweifel hatte sie dabei offenbar keine - und das ist das eigentlich erstaunliche an diesem Urteil. Denn im Zweifel hätte sie Lohfink freisprechen müssen.


sal/mai

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