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Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink: Am Ende haben alle verloren

Es ist vorbei. Zumindest für heute. Gina-Lisa Lohfink wurde für schuldig befunden, zwei Männer fälschlicherweise wegen Vergewaltigung angezeigt zu haben. Am Ende gibt es im Gerichtssaal nur Verlierer.

Prozess verloren: Gina-Lisa Lohfink und ihr Anwalt Burkhard Benecken

Prozess verloren: Gina-Lisa Lohfink mit ihrem Anwalt Burkhard Benecken (li.)

Um 14.39 Uhr geht es plötzlich ganz schnell in diesem langwierigen Prozess. Alle stehen im Gerichtssaal B129, als Richterin Antje Ebner das Urteil spricht: "Im Namen des Volkes" befindet sie  für schuldig, zwei Männer unwahrheitsgemäß Vergewaltigung vorgeworfen zu haben. Und das müsse bestraft werden: 20.000 Euro plus Prozesskosten soll Lohfink bezahlen. "Natürlich gehen wir in Berufung", sagt Lohfinks Anwalt wenig später vor der Tür. "Wenn Frau Lohfink die Kraft hat, das durchzustehen."

Danach sieht es am Montagnachmittag nicht aus. Nach dem Urteilsspruch greift die 29-jährige TV-Prominente ihre Tasche, ruft "Ich muss ja nicht hier sein" und stürzt aus dem Raum. Verteidiger Burkhard Benecken muss sich ganz allein anhören, wie das Gericht die Aussagen seiner Mandantin und seine eigene Argumentation zerpflückt. Die Richterin folgt hierbei den Darlegungen der Staatsanwaltschaft. Von der Besuchertribüne gibt es Buhrufe.

Reaktionen auf Lohfink-Prozess: "Gina-Lisa-Urteil ist wichtig - für die Glaubwürdigkeit echter Vergewaltigungsopfer"


"Er ist ein Tier"

Dabei hatte der Tag eine Zeugin der Verteidigung zu bieten, die dafür sorgen sollte, die Glaubwürdigkeit des Zeugen Sebastian P., einer der , denen Lohfink Vergewaltigung vorgeworfen hat, weiter zu zerstören. Natalie B., dessen Ex-Freundin und 23 Jahre alt, zeichnete im Zeugenstand ein erschreckendes Bild des jungen Mannes: Er sei "ein Tier, was Frauen angeht", habe auch sie vergewaltigt, geschlagen und eingesperrt, als sie 2012/2013 ein Jahr lang seine Freundin war. Sebastian P. sitzt im Publikum und tut sich mit vorlauten Einwürfen und hämischem Gelächter hervor. Anders als beim letzten Mal hat Lohfink diesmal kein Problem damit, im gleichen Raum zu sein wie er. Überhaupt ist sie ungewohnt still.

Nach B. kommt Alexandra H., die Lohfink in der besagten Nacht im Club getroffen und ein Foto mit ihr gemacht hat. Damals sei ihr aufgefallen, wie betrunken die Prominente bereits war. "Torkelig" und "lallend", beschreibt sie Lohfink.

Dann kommt der Sachverständige Torsten Binscheck-Domaß. Der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie soll klären, ob K.o.-Tropfen zur Anwendung gekommen sind oder nicht. Nach "gutachterlichem Ermessen" nicht, da Lohfink alle für K.o.-Tropfen typischen Anzeichen - Filmriss, wie eine Gummipuppe, keine Wiederkehr der Erinnerung - vermissen lasse. "Wenn man K.o.-Tropfen bekommen hat, kann man nicht mehr telefonieren", genau das hat Lohfink aber getan. Zudem zeige sie sich in allen vorhandenen Video-Sequenzen ansprechbar, tanze, lache, sitze am Computer, reagiere auf die beiden Männer, rauche. Aus klinischer Sicht sei die Angeklagte also wach gewesen.

Er stellt auch die Frage, warum Lohfink nach ihrer Rückkehr ins Hotel, wo die besorgte Managerin wartete, nicht ins Krankenhaus gebracht wurde, wo man einen analytischen Test hätte machen können. Lohfink diskutiert kurz und heftig mit ihrem Anwalt. Auf dessen Einwand, dass die Videos nur einen Ausschnitt zeigen, sagt Binscheck-Domaß, dass in den anderen Stunden natürlich "alles passiert sein kann". Aber mit Blick aufs Gesamtbild gehe er nicht davon aus, dass K.o.-Tropfen zum Einsatz gekommen sind. Zudem habe Lohfink in der Nacht zuvor einvernehmlichen Sex mit einem der Männer gehabt. Der habe also davon ausgehen können, dass es wieder so sein würde.


Gina-Lisa und die Dschungelcamp-Spekulationen

Kurz vor den Abschlussplädoyers geht es um Lohfinks Nettoeinkommen, das für 2014 mit 31.000 Euro angegeben worden sei. Für das nächste Jahr sei es mit 18.000 Euro vorausberechnet worden. Die Staatsanwältin fragt nach Lohfinks angeblichem Auftritt im nächsten und der kolportierten Gage von 150.000 Euro. Der Verteidiger giftet, dass man sich nicht an diesen Spekulationen beteilige. "Daran beteiligen Sie sich ausnahmsweise mal nicht?", schnappt die Staatsanwältin Corinna Gögge zurück. Die Auftritte in den Medien haben Staatsanwältin und Richterin Lohfinks Anwälten übelgenommen. 

Das Schlussplädoyer der Staatsanwältin ist denn auch ein Knock-Out für Lohfink und ihre Verteidigung: "Ich nehme Ihnen Ihren Filmriss einfach nicht ab", sagt Gögge. Auch dramatisierende Darstellungen seien falsche Verdächtigungen. Man müsse die Ermittlungsbehörden vor sinnlosen Strafverfolgungsmaßnahmen schützen. Und Falschbeschuldigte vor Fehlentscheidungen. Falsche Verdächtigungen seien eine Straftat.

Sie wirft Lohfink vor, dass sie sich im Prozess Nachfragen verweigert habe. Es sei nicht verstehbar, wieso bei der Anzeige zuerst von einvernehmlichem Sex und eine Woche später von Vergewaltigung die Rede gewesen war. Und warum habe Lohfink mit einem der beiden Männer nach der angeblichen Vergewaltigung nochmals geschlafen und ihm zärtliche SMS geschickt? Da seien die Bilder der Nacht bereits im Umlauf gewesen. 

Allerdings sei es offensichtlich, dass die beiden Männer sich schäbig verhalten haben, indem sie Aufnahmen machten und diese verbreiteten. Lohfink habe wohl mit der Anzeige wegen Vergewaltigung versucht, ihren Ruf zu retten, denn die Aufnahmen seien durchaus heftig - "Das ist kein Blümchensex." Doch sei es keine Vergewaltigung, was in den Videoschnipseln zu sehen sei: "Wer etwas Anderes sieht, der belügt sich selbst." Manchmal, so Gögge, habe sie sogar den Eindruck, Lohfink würde posen. "Da ist etwas völlig aus dem Ruder gelaufen."

Und auch den Verteidiger nimmt sie sich vor, dem sie "verüble", durch das Verdrehen von Tatsachen und falsche Anschuldigungen den Fall Lohfink zum Präzedenzfall für das Sexualstrafrecht hochstilisiert zu haben.

"Werdet bloß nicht berühmt"

Als sei es ein Signal, wiederholt Bennecke genau das in seinem Plädoyer. "Dieser Fall hat Erfreuliches herbeigeführt", darüber habe er auch lange mit der Chefin der "Bild"-Zeitung am Telefon geredet. "Das ist ein riesengroßer Erfolg für Frau Lohfink." Er geht Gögge an, der er vorwirft, anderen Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, Angst zu machen, zur Polizei zu gehen. Die Dunkelziffer werde wegen dieses Verfahrens steigen. Wirkliche Argumente bringt er nicht mehr, eher Vergleiche mit anderen Fällen. Er versucht noch einmal, Lohfinks Verhalten zu erklären. Sie habe kein Motiv. Und man könne einem Menschen wie P. nicht glauben.

Das Schlusswort hat dann Lohfink selbst, die sich ins Weinen und wieder fast um Kopf und Kragen redet: "Ich bin garantiert nicht hier, um berühmt zu werden. Das war ich vorher schon", sagt sie. Das sei keine schöne Presse vor Gericht. Und: "Ich habe durch die Jungs nichts." Unter Tränen sagt sie, dass sie auch in psychologischer Behandlung sei. Dass sie das, was passiert sei, bis an ihr Lebensende in sich tragen werde. Und am Ende in Rage warnt sie alle Mädchen da draußen, bloß nicht berühmt werden zu wollen, das sei eine schlimme Welt. "Man hat es nur mit komischen Menschen zu tun."

Nach dem Urteil, als Lohfink schon längst weg ist, stehen die Aktivistinnen noch vor dem Gericht, die die Prominente von Anfang an unterstützt haben. Eine junge Frau ruft ununterbrochen ins Megafon: "Nein heißt nein! Nein heißt nein!" Es hallt von den Häusern in der Turmstraße. Bis ihr die Luft ausgeht.